Manche der Kaufverträge, die ein Lüneburger Autohändler unterschrieb, waren das Papier nicht wert. Nun steht er vor Gericht. (Foto: Adobe Stock)

Stresstest für Justitias Geduldsfaden

Lüneburg. Hellhörig wurden Lüneburger Fahnder, als sich zwei Männer bei einem Autohändler stritten, wer denn nun den Audi A4 mit nach Hause nehmen könnte. Die beiden Slowenen waren wegen des Schnäppchens extra aus ihrer Heimat in den Lüneburger Hafen angereist. Beide hatten einen gültigen Kaufvertrag für den Wagen – aber nicht exklusiv. Insgesamt vier Mal hatte Dean S. den Audi verkauft. Die Ermittlungen ergaben schnell: Der 38-Jährige ist kein unbeschriebenes Blatt.

Das neunte Urteil wird wohl härter

Acht Vorstrafen hat er bereits auf dem Kerbholz, darunter vier Fälle mehrfachen Betrugs. Bisher ist er immer mit Geld- beziehungsweise Bewährungsstrafen davongekommen. Doch Justitias Geduldsfaden ist nicht endlos. Nach den gestrigen Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung scheint klar: Die neunte Verurteilung dürfte ihn ins Gefängnis bringen. Da gehört er nach Meinung seiner Dutzenden Gläubiger auch hin, sagte Insolvenzverwalter Thomas Becker am Dienstag vor dem Amtsgericht Lüneburg aus. Bevor klar wurde, dass es hier nicht um eine Pleite ging, sondern um Betrug, hatte der Insolvenzverwalter versucht, die Werkstatt an Inhaber Dean S. zurückzuveräußern. Eine turbulente Gläubigerversammlung verhinderte dies. „Diesem Mann muss das Handwerk gelegt werden“, lautete der Tenor, erinnerte sich Becker.

Ungeordnete Rumpfbuchhaltung

Er ließ die Schlösser des Betriebes austauschen. Der Blick in die Bücher hatte schon eine „ungeordnete Rumpfbuchhaltung“ offenbart. Und das nicht nur beim Verkauf von schadhaften Autos oder solchen, die dem Händler gar nicht gehörten. Die Gemeinde Adendorf fordert von dem Mann 12 000 Euro nicht gezahlte Kita-Beiträge, eine Krankenkasse hatte wegen ausstehender 14 800 Euro den Insolvenzantrag gestellt. Mittlerweile hat Becker das Werkstatt-Inventar versteigern lassen, sieben bis acht beschlagnahmte Autos warten auf Käufer. Nur die Uhren des Angeklagten fanden nicht den Weg in die Insolvenzmasse. „Alles billige Imitate teurer Marken.“

Billig war auch die Masche des Autohändlers, wie Zeuge Ole S. dem Gericht schilderte: Auf der Internetseite des Händlers hatte ein Gebrauchter sein Interesse geweckt. Er fuhr in das Industriegebiet. Bei der Probefahrt auf dem Hof stellte er fest, dass die Klimaanlage nicht funktionierte und eine Tür hakte. Man einigte sich auf einen Kaufpreis von 3100 Euro und die Behebung der Mängel. Ole S. leistete 1100 Euro Anzahlung – und wartete vergeblich auf die versprochenen Fahrzeugpapiere. SMS und E-Mails wurden mit Ausreden und Versprechungen beantwortet. Erst Wochen später forderte er sein Geld zurück. „Da war ich zu gutgläubig“, meinte er zerknirscht.

Straftat 13 Tage nach Richterspruch

Naiv zeigte sich aber auch Justita im Umgang mit Dean S. 2016 war dieser wie schon 2009 erneut dabei erwischt worden, dass er die Tachostände von Gebrauchtwagen vorm Verkauf manipulierte. Ein Passat, der schon 330 000 Kilometer gelaufen war, wurde etwa mit nur noch 154 000 Kilometern deutlich über Wert verkauft. Das Amtsgericht Harburg verurteilte den 38-Jährigen zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und vier Monaten – und hoffte auf einen heilsamen Schreck. Vergeblich. Schon 13 Tage später beging Dean S. erneut eine neue Straftat, wie jetzt herauskam.

Kfz-Handel künftig tabu?

„Gewerbsmäßiger Betrug ist ihm geläufig“, sagte der Erste Staatsanwalt Sven Vonderberg in seinem Plädoyer mit Blick auf die Vorstrafen des Angeklagten. Und der angerichtete Schaden ist hoch. Von den in der Anklage genannten 217 000 Euro seien nach Rückzahlungen noch 194 790 übrig. „Ziemlich viel innerhalb eines Jahres nach der ersten Insolvenz“, bilanzierte der Ankläger. Dabei sei es nicht nur darum gegangen, wie in einem Schneeballsystem Löcher zu stopfen, sondern auch um den Erhalt eines „nicht ganz schlechten Lebensstils“. Dreieinhalb Jahre Haft forderte er. Das empfand Dr. Klaus Hüser, der Anwalt des Angeklagten, als „inakzeptable Gesamtstrafe“, auch wenn ihm klar sei, dass „eine Bewährungsstrafe nicht mehr geht.

Beim Angeklagten wie bei seiner im Publikum sitzenden Frau flossen Tränen. Er gelobte, „mich künftig vom Kfz-Handel fernzuhalten – und etwas anderes Kaufmännisches zu machen.“

Von Joachim Zießler