TV-Moderatorin Monica Lierhaus (l.) macht sich gemeinsam mit ihrer Schwester Eva vor Ort ein Bild von dem Wohnprojekt, das in Artlenburg an der Storchenwiese entsteht. (Foto: be)

Für ein leichteres Leben

Artlenburg. Der kleine Absatz an der Eingangstür, die steile Auffahrt: Früher hätte sich Rita Schlatterer an diesen Details ihrer Behausung nicht gestört. Früher, das ist inzwischen schon fast zehn Jahre her, da war sie schließlich noch zum Wandern in die Berge gefahren und mit dem Rad zur Arbeit. Heute sitzt sie im Rollstuhl. Mit dem kämpft sie sich seit der Amputation ihres linken Beines nun täglich rückwärts die Auffahrt hinauf. Eine Zumutung, ja, aber leider alternativlos, dachte die 66-Jährige lange Zeit. „Barrierefreier Wohnraum ist teuer. Ich habe überall gesucht.“

Die Suche hat jetzt ein Ende: Rita Schlatterer zieht nach Artlenburg, genauer ins Neubaugebiet Storchenwiese. Denn dort entsteht derzeit ein Haus für ältere und beeinträchtigte Menschen mit 13 barrierefreien Wohnungen zu einem Quadratmeterpreis von 5,10 Euro. Wenn alles nach Plan läuft, kann das Gebäude bereits im nächsten Frühjahr bezogen werden.

Vorhaben wird mit insgesamt zwei Millionen Euro gefördert

Investor Michael Uhlig und seine Frau Olga hatten lange Zeit selbst für ihren Sohn Robert eine geeignete Wohnung gesucht. Der 29-Jährige erlitt nach einem Verkehrsunfall im Winter 2016 ein schweres Schädel-Hirn-Trauma, lag vier Monate im Wachkoma und sitzt seitdem im Rollstuhl (LZ berichtete). Ein halbes Jahr lang hatten die Uhligs ihren Sohn mit einem Reiserolli über die Treppe in seine Wohnung im dritten Stock geschleppt, dann entschieden sie, selbst zu bauen – und zwar in großem Stil. Das Inklusionshaus in Artlenburg soll erst der Anfang sein.

Am Rande des Richtfestes Ende vergangener Woche kündigt Michael Uhlig an, weiter in bezahlbare, barrierefreie Wohnungen investieren zu wollen. Nachdem sich Pläne für ein Haus in Lauenburg mangels infrastruktureller Anbindung zerschlagen hatten, sucht er nun nach einem geeigneten Grundstück im Landkreis Lüneburg.

Das Ehepaar Uhlig will Vorreiter in Sachen Inklusion werden, doch das ist gar nicht so einfach: Um den niedrigen Mietpreis garantieren zu können, dürfe auch der Grundstückspreis nicht allzu hoch sein, erklärt Michael Uhlig, noch dazu sei er vor diesem Hintergrund auf öffentliche Mittel angewiesen. In Artlenburg hat er 2,2 Millionen Euro investiert, davon fließen rund 2 Millionen Euro aus Fördertöpfen.

Das Projekt erfährt jede Menge Zuspruch, auch von prominenter Seite. Die Moderatorin Monica Lierhaus war extra zum Richtfest angereist, um sich vor Ort ein Bild von dem Bau zu machen. 2009 wurde die Moderatorin an einem Hirn-Aneurysma operiert. Komplikationen bei der Operation zogen ein vier Monate langes künstliches Koma nach sich. Als sie aufwachte, konnte sie nicht mehr sprechen, sich kaum bewegen. „Ich war wie ein Sack Kartoffeln“, sagt Monica Lierhaus. Da sitzt sie etwas abseits der Festgesellschaft mit Hündin Pauline im Auto und beobachtet das Geschehen. Ihre Schwester Eva Lierhaus nickt: „Es waren täglich drei Personen mit ihr beschäftigt.“

Angebot soll mit künftigen Projekten wachsen

Inzwischen moderiert Monica Lierhaus wieder und führt ein selbstständiges Leben. Das habe sie nur mit Unterstützung Angehöriger geschafft, sagt sie, und dass nicht jeder Mensch so viel Glück mit der Familie habe. „Wir müssen daher Wohnformen finden, wo Ärzte, Therapeuten und Betroffene zusammen leben und arbeiten können.“

So sieht das auch Michael Uhlig. In Artlenburg wird immer eine Person vor Ort sein, die bei Bedarf im Alltag helfen kann. In einem künftigen Projekt will er darüber hinaus auch Räume für therapeutische Angebote integrieren. Der Bedarf sei offensichtlich: Allein vergangene Woche habe er mindestens drei Anfragen gehabt, erzählt er, die Warteliste sei lang. „Bei dem Projekt in Art­lenburg mussten wir die Anzeige nach zehn Tagen rausnehmen, weil wir nicht hinterherkamen.“

Rita Schlatterer hatte Glück: Sie wird zusammen mit ihrer Schwester in Artlenburg einziehen. Derzeit besucht diese Rita Schlatterer täglich vor und nach der Arbeit, um bei der Pflege zu helfen. Das soll künftig einfacher werden – für beide Seiten.

Von Anna Petersen