Freitag , 18. September 2020
Durch eine der damals noch ungesicherten Lichtkuppeln in der Decke stiegen zwei des Trios in die Amazonlagerhalle ein, nachdem ihr Komplize die Alarmanlage ausgeschaltet hatte. (Foto: t&w)

Beworben, um Lager auszurauben

Lüneburg. Gelegenheit macht Diebe, aber Planung macht Amazon-Diebe. Das wurde gestern im Lüneburger Landgericht deutlich, als Nazif A. aus packte. Der Mazedonier sagte aus, dass er und zwei Komplizen bereits im September 2018 die Weichen für den Raubzug vom Februar 2019 bei dem Onlineversandriesen gestellt hatten. Damals habe Atmir I. seinen Landsmann Adis A. überzeugt, bei dem Sicherheitsdienst anzuheuern, der das Lager von Amazon bewachte. Der Plan: Adis A. sollte sich bis zum Schichtleiter hocharbeiten – der die Alarmanlage abstellen könnte. Dann wollte das Trio im Lager zugreifen.

Beim Komplizen in der Schuld gestanden

Auch Nazif A. hatte bei Amazon angeheuert, „14 Euro Stundenlohn waren sehr ansprechend“. Außerdem habe er bei Atmir I. in der Schuld gestanden. „Er hatte mir 10 000 Euro gegeben, als meine Mutter auf Heimaturlaub in Mazedonien einen Schlaganfall erlitt.“ Behandelt werde man in dem Balkan-Land nur gegen Cash. Der Verkauf der erbeuteten Smartphones und Laptops an Hehler sollte Nazif A. von seinen Schulden befreien und Atmir I.‘s Schließfach Nr. 217 bei der Commerzbank in Billstedt mit Bargeld füllen.

Der erste Teil des Planes ging auf. Nazif A. und Adis A. wurden eingestellt, Adis arbeitete sich innerhalb von drei Monaten zum Schichtleiter empor. Doch Rififi-Raffinesse erreichte das Verbrechen nie, wie Nazif A. schilderte: „500 Kameras, Bewegungsmelder. Immer wieder meldete Adis: ‚Unmöglich, da reinzukommen.‘ Die beiden stritten. Nicht mal ein Generalschlüssel, den Atmir I. besorgt hatte, öffnete die Türen. Für meine Seite war das damit erledigt.“

Doch Atmir I. habe nicht lockergelassen, den Komplizen sogar gedroht: „Ich lasse nicht zu, dass Ihr dort noch weiter arbeitet“, soll er gesagt haben. Nachdem Fenster und Türen sich als zu gut gesichert herausgestellt hatten, nahm das Trio die Lichtkuppeln in der Hallendecke ins Visier. Am 2. Februar stiegen Atmir I. und Nazif A. dem Onlineriesen in Winsen aufs Dach – und hatten ihr Sesam-öffne-Dich-Erlebnis. „Als wir an der Lichtkuppel zogen, öffnete diese sich einfach. Ein kleines Gitter darunter war kein Hindernis.“

Schon am nächsten Abend war das Duo wieder auf dem Dach. Adis A. hatte an dem Wochenende Schicht, teilte per WhatsApp mit, als er die Alarmanlage ausgeschaltet hatte. Die anderen beiden stiegen ein, rafften „zwei bis drei Taschen voll Elektronikgeräten“ zusammen, die sie zur Garage von Ideengeber Atmir I. brachten. Ein Hehler habe ihnen die Beute abgenommen. Erlös: 65 000 Euro. Je 5000 Euro sollen Nazif A. und Adis A. davon erhalten haben.

„Eigentlich sollte das Ganze eine einmalige Sache sein“, sagte Nazif A. aus, „aber weil es so einfach war, machten wir es noch ein zweites und drittes Mal.“ Und dies drei Wochen später. Zwar rafften die Mazedonier am
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24. Februar bei zwei Einbrüchen wieder so viel Waren zusammen, dass Amazon deren Gesamtwert auf 500 000 Euro beziffert. Doch vor dem Lager wurden die drei erwischt. Sie hatten nicht bedacht, dass der Schichtleiter zwar Alarmanlage und Bewegungsmelder ausschalten konnte, nicht aber die Überwachungskameras.

87 500 Euo in einem Schließfach entdeckt

Vor der 1. großen Strafkammer des Lüneburger Landgerichts zerfiel die Einigkeit des Ganoven-Trios über die Frage, ob alle den gleichen Anteil an Schuld tragen. Am nächsten Verhandlungstag am 7. November will auch Schichtleiter Adis A. aussagen. Atmir I. will dagegen künftig schweigen, weil er sich unfair behandelt fühlt. Fahnder hatten 87 500 Euro aus seinem Schließfach nach einem Tipp von Nazif A. ausgeräumt, ohne dass er davon wusste. Sodass er mit seiner Aussage nicht gut aussah, der Raubzug haben nur wenig Beute erbracht.

Dass man in der Halbwelt einem Wort ohnehin nicht voll vertrauen sollte, hatten Nazif A. und Adis A. schon kurz nach ihrem ersten Raubzug bei Amazon lernen müssen. Vom Komplizen Atmir I. waren sie scheinbar großzügig auf eine Woche Dubai-Urlaub eingeladen worden, sagte Nazif A. gestern aus. Doch am Golf funktionierte die Kreditkarte von I. plötzlich nicht – die anderen beiden mussten ihren Aufenthalt aus ihrem Anteil an der Beute selbst bezahlen.

Von Joachim Zießler