Donnerstag , 1. Oktober 2020
LZ-Verleger Christian von Stern im Interview über die Zukunft des Journalismus und ein neues Projekt. (Foto: t&w)

Lust auf Lokaljournalismus

Lüneburg. Zum Start der neuen Aktion „CleverPaten“ sprachen die vier jüngsten Redaktionsmitglieder Lilly von Consbruch, Lea Schulze, Anna Petersen und Robin Williamson mit Christian von Stern.

Herr von Stern, haben Sie in unserem Alter, also mit 20 oder 30 Jahren, Zeitung gelesen?

Christian von Stern: Damals habe ich in Berlin gelebt. Ich gehörte zu den Leuten, die regelmäßig die Studentenabos abgegriffen haben. Grundsätzlich haben mich Zeitungen interessiert, sicher auch hinsichtlich des Mangels an Alternativen, wie es sie heute gibt. Aber ich war nicht der Prototyp eines vorbildlichen Zeitungslesers, wie man ihn vielleicht bei einem Zeitungsverleger erwartet.

Und Ihre Kinder, lesen die Lokalzeitung?

Ja, aber ich muss sie schon mit Gewalt dazu zwingen (lacht).

Kritische Stimmen behaupten, dass sich Lokalzeitungen mehr und mehr auf die ältere Leserschaft ausrichten – und die jungen Leute zu kurz kämen. Sehen Sie das auch so?

Auf jeden Fall müssen wir dazulernen. Die Geschwindigkeit, in der junge Menschen ihre Kommunikations-, Informations- und Mediengewohnheiten in den letzten Jahren entwickelt und auch verändert haben, ist atemberaubend. Da war es nicht möglich, immer synchron die entsprechenden Bedürfnisse abzubilden. Mittlerweile gelingt uns das über unsere digitalen Kanäle. Der Vorteil ist, dass wir mehr oder weniger unmittelbar Rückmeldungen bekommen. So können wir schnell nachjustieren.

Sie sprechen von neuen Lese- oder Konsumgewohnheiten junger Leute, da denken wir zum Beispiel an Twitter, Instagram oder Facebook. Werden wir als Lokalzeitung in dieser Zeit, bei dieser vermeintlichen „Konkurrenz“, wichtiger oder unwichtiger?

Das muss man aus zwei unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten. Gerade weil es für die jüngere Generation inzwischen so viele Alternativen gibt, die eben nicht die journalistische Arbeit im Vordergrund haben, sondern sehr viel Meinung und Selbstinszenierung, nimmt die Bedeutung und Wichtigkeit von Qualitätsjournalismus, also seriösem Journalismus und Lokaljournalismus, zu. In Anbetracht der Masse an Alternativen eher ab. Und das versuchen wir zu ändern. Die Zeitung ist hinsichtlich der Glaubwürdigkeit und Authentizität auch bei jungen Menschen immer noch das Maß aller Dinge.

Für uns stellt sich die Frage: Werden wir in 30 Jahren hier noch Zeitung machen können?

Die Frage stellt sich mir auch, aber ich bin zuversichtlich. Es wird uns gelingen, weil es uns gelingen muss. Das ist für uns eine Entwicklung, die existenziell und systemrelevant ist. Es ist klar, dass die gedruckte Zeitung eine ganz andere Rolle einnehmen wird, aber sie wird nicht gänzlich von der Bildfläche verschwinden. Auf den Online-Kanälen werden wir journalistische Darstellungsformen weiterentwickeln, die es uns ermöglichen, dass unserer Arbeit weiterhin ein Wert
29 und damit auch ein Preis zugesprochen wird. Das ist entscheidend.

Bedeutet das, dass wir uns trotzdem von der gedruckten Form der Zeitung langsam verabschieden?

Ganz verabschieden werden wir uns nicht. Aber aus jetziger Perspektive ist es durchaus vorstellbar, dass wir nicht mehr täglich erscheinen werden – aber dafür dann mit längeren Textstücken. Wir gehen dann mehr in die Tiefe, wir unterhalten vielleicht auch mehr. Unterhaltung ist auch ein Aspekt, der mir in Gesprächen über Journalismus oft zu kurz kommt. Natürlich geben wir Orientierung, natürlich wollen wir möglichst auch die Lebenswirklichkeit junger Menschen abbilden, um ihnen bei der Navigation durchs Leben entsprechend zu helfen. Aber wir sollten alle drei Aspekte nicht aus den Augen verlieren: Unterhaltung, Orientierung und Perspektiven aufzeigen.

Sind wir mit solchen Entwicklungen dann vor dem viel beschrienen Zeitungssterben geschützt?

Das muss natürlich unser Ziel sein. Wir sind mit dem, was wir tun, absolut einzigartig. Keiner kennt die Befindlichkeiten und Geschichten vor Ort so gut wie wir, kann sie so gut beschreiben, präsentieren und einordnen. Wenn wir uns unserer Stärken bewusst sind und diese auch konsequent nutzen – Tag für Tag, Ausgabe für Ausgabe, Post für Post – dann wird uns das vor dem Sterben bewahren.

Es gibt ja jetzt das Projekt „CleverPaten“. Hat das auch zum Ziel, mehr junge Leser zu gewinnen?

Klar, wir wollen möglichst vielen jungen Menschen Lust darauf machen, sich mit Lokaljournalismus auseinanderzusetzen – und den Beweis dafür antreten, dass das, was wir tun, nicht irrelevant ist oder gar eingestaubt. Und sich nicht nur auf dem Papier abspielt, sondern auch auf anderen Kanälen. Das ist ein ziemlich ehrgeiziges Ziel. Wir wollen in Ausbildungsbetriebe, in Kasernen, wir wollen vielleicht in den Knast – eben dorthin, wo wir vermutlich noch nicht stattfinden. Dafür haben wir uns diese Partnerschaft mit Menschen aus Lüneburg überlegt. Wir brauchen Verbündete und Unterstützer – Familien, Unternehmen, entsprechende Einzelpersonen, die sich mit diesem Ziel auch identifizieren können, ähnlich denken wie wir. Wir denken nämlich, dass eine demokratische Gesellschaft, damit auch die nachwachsenden Generationen, mündig sein sollte und in der Lage dazu, sich selbst ein Urteil zu bilden, sich kritisch zu Wort zu melden und für Positionen einzutreten. Wir glauben, dass der Impuls, den wir mit den CleverPaten setzen, genau das unterstützt.

Herr von Stern, eine Zukunftsvision: Wie würde die Zeitung aus Ihrer Sicht in 40 Jahren bestenfalls aussehen?

Puh, da weiß ich jetzt nicht, von welcher Gegenständlichkeit wir dann sprechen. Es wird sich sehr viel im virtuellen Raum abspielen. Es wird aber weiter
29 Menschen wie Sie geben, die rausgehen, Inhalte recherchieren, genau nachfragen, Themen abwägen und vermitteln. Das Produkt muss mit einem Impressum versehen sein, das ist unser Versprechen und unser Qualitätsmerkmal. Wir stehen für das ein, was wir abliefern. Wir stehen dafür gerade und übernehmen dafür die Verantwortung und sind ansprechbar. Wenn das auch in 40 Jahren noch gewährleistet ist, dann ist die Form fast egal.

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