Sonntag , 27. September 2020
Immer mehr Landwirte wie Karsten Hövermann errichten grüne Kreuze an ihren Feldern, um auf ihre Not aufmerksam zu machen. Doch das ist erst der Anfang. (Foto: phs)

Bauern proben den Aufstand

Lüneburg/Kirchgellersen. Ein grünes Kreuz ragt aus dem blühenden Senffeld zwischen Kirch- und Südergellersen empor. Vor rund drei Wochen hat Bauer Carsten Hövermann die Holzstreben zusammengeschraubt und den Fuß in den Ackerboden gerammt – verärgert, weil die Politik ihm das Wirtschaften erschwert. Hoffnungsvoll, weil sein Berufsstand sich das nicht mehr länger gefallen lassen möchte. Bundesweit schießen die grünen Kreuze seit einigen Wochen wie Pilze aus dem Boden. Die Bauern wollen damit auf ihre schwierige Situation aufmerksam machen.

Konvoi auf B4 und Stadtring

In Lüneburg und vielen anderen Orten Deutschlands treiben die Frustration über das geplante Agrarpaket und wachsender Unmut über eine Diskriminierung des Gewerbes die Landwirte jetzt auch auf die Straße: Am Dienstag, 22. Oktober, wollen sie mit mehreren Hundert Landmaschinen im Konvoi die Bundesstraße 4 und den Lüneburger Stadtring befahren (siehe Infokasten). Organisiert haben sich die Bauern im Rahmen der Bewegung „Land schafft Verbindung.“ Innerhalb weniger Tage hatten sich mehr als 10 000 Menschen der gleichnamigen Facebook-Gruppe angeschlossen, in Uelzen und Lüneburg gibt es inzwischen auch regionale Zusammenschlüsse.

Anlass für die Protest-Welle ist nicht zuletzt die geplante Verschärfung der Düngeverordnung. Der Entwurf ist aus Carsten Hövermanns Sicht „fachlicher Nonsens“ mit existenzbedrohenden Folgen. Diese Sorge hat auch der Bauernverband Nordostniedersachsen (BVNON) bei den zuständigen Ministerien vorgebracht. Verbandsvorsitzender Thorsten Riggert wirft der Politik unter anderem Fehler bei der Auswahl von Grundwassermessstellen vor. In drei Brunnen der Region – in Reinstorf und Wulfsode im Landkreis Uelzen und in Dachtmissen – wurde der Grenzwert von 50 Milligramm Nitrat pro Liter überschritten.

Pflanzen anfälliger für Krankheiten

Für rund 1000 Betriebe in der Region bedeutet das laut Riggert massive Einschränkungen beim Einsatz von Düngemitteln. „Backweizen zum Beispiel braucht man hier dann nicht mehr anbauen“, meint der Verbandsvertreter aus Klein Süstedt. Denn wenn die Stickstoffdüngung in nitratbelasteten Gebieten künftig laut Gesetz nur noch 20 Prozent unter dem offiziellen Bedarf erfolgen dürfe, werde die Pflanze aufgrund einer Mangelernährung früher absterben und obendrein anfälliger für Krankheiten. Carsten Hövermann aus Kirchgellersen rechnet darum mit Ertragseinbußen von schätzungsweise zehn bis 15 Prozent im ersten Jahr. Da der zulässige Einsatz von Düngemitteln auf Grundlage der Vorjahreserträge berechnet wird, werde die Ertragsleistung dann in jährlichen Schritten weiter reduziert. „Das ist eine steile Treppe nach unten“, sagt Riggert.

Besonders ärgere ihn, dass nun allein die Landwirte für die belasteten Proben verantwortlich gemacht würden – und zwar völlig zu Unrecht. Die Messstelle in Wulfsode liege zum größten Teil im Truppenübungsplatz Munster, nur maximal zehn Prozent der wasserabführenden Flächen in diesem Bereich entfielen auf Grün- und Ackerland. Riggert vermutet viel mehr Munitionsreste als Quelle der Verunreinigung, auch in Reinstorf. Der Brunnen dort könnte von Altlasten einer ehemaligen Munitionsfabrik betroffen sein. „Das wird auch durch landwirtschaftliche Maßnahmen nicht behoben werden können.“

1000 Landwirte in Sippenhaft genommen

Darüber hinaus fragt sich der Bauernverbandsvorsitzende, weshalb aufgrund von lediglich drei Messungen mit erhöhten Nitratwerten gleich 1000 Landwirte in Sippenhaft genommen würden, teilweise auch solche, deren Betriebe fernab der Messstellen liegen. Sofern denn überhaupt Landwirte für die schlechten Werte verantwortlich seien, etwa durch zu viel Düngemitteleinsatz, ließe sich das anhand der Düngebilanz jedes einzelnen überprüfen.

„Ein ganzer Berufsstand wird für die Umweltprobleme verantwortlich gemacht.“ – Carsten Hövermann, Landwirt

Fachlich fundierte Argumente jedoch stießen bei der Politik schon länger auf taube Ohren, meint Riggert. Das glaubt auch Hövermann: Stattdessen werde ein ganzer Berufsstand für die Umweltprobleme verantwortlich gemacht. „Landwirte verschwenden Wasser, sie düngen zu viel, sie sind verantwortlich für das Insektensterben und den Klimawandel“, fasst Hövermann mit ironischem Unterton zusammen. Daher der Ärger. Daher das Kreuz. Seit es in seinem Senffeld steht, komme er häufiger mal mit Passanten zum Thema Landwirtschaft ins Gespräch – ein Teilerfolg, findet der 34-jährige Landwirt. Denen erklärt er dann, dass die meisten Bauern ihre Betriebe für die nachfolgenden Generationen erhalten wollten – und dementsprechend sorgsam mit ihrem natürlichen Kapital umgingen. „Nachhaltiger geht‘s eigentlich nicht.“

Der Senf bei Kirchgellersen ist übrigens eine Zwischenfrucht. Hövermann pflanzt sie freiwillig, bald soll der Anbau aber verpflichtend sein. Die Pflanzen nehmen nach der Ernte verbliebene Nährstoffe auf und verhindern so deren Auswaschung ins Grundwasser.

Zur Sache

Trecker schleichen nach Lüneburg

Noch stehen letzte Abstimmungen mit dem zuständigen Ordnungsamt aus, doch wenn es nach Landwirt Boris Erb geht, dann werden am Dienstag, 22. Oktober, Hunderte Trecker im Verbund von Bardowick aus nach Lüneburg starten und mit 15 Kilometern pro Stunde über den Stadtring schleichen. Unterstützung kommt vermutlich auch aus dem Nachbarlandkreis Uelzen. Dort rechnet Landwirt Axel Marquardt mit 50 bis 300 Berufskollegen, die sich zwischen 9 und 11 Uhr mit ihren landwirtschaftlichen Maschinen von Uelzen aus über die Bundesstraße 4 nach Lüneburg bewegen werden. Hintergrund der Aktion ist die Bewegung „Land schafft Verbindung“. Die Aktion richtet sich gegen eine Verschärfung der Düngeverordnung, das Agrarpaket und die Diskriminierung von Landwirten.

Von Anna Petersen