Donnerstag , 1. Oktober 2020
Gewalt kommt in der Pflege immer wieder vor. Foto: Adobe Stock

Wenn der Alltag zur Hölle wird

Lüneburg. Oft findet sie im Verborgenen statt, so, dass Dritte davon meist nichts mitbekommen: Gewalt in der Pflege. Mal ist es ein zu fester Griff, mal ein verletzendes Wort, mal eine sexuelle Belästigung. Selbst Zwangsmedikation, Nahrungsentzug oder Freiheitsberaubung durch Fixierung sind keine Seltenheit. Die Facetten von Gewalt in der Pflege sind ebenso vielfältig wie vielschichtig, weiß Prof. Dr. Rolf Hirsch. Der Bonner Diplompsychologe und Facharzt für Nervenheilkunde war auf Einladung des Landkreises nach Lüneburg gekommen und beleuchtete das breite Spektrum von Gewaltausübung im Pflegebereich.

Zeitdruck, zu starkes Sicherheitsdenken, Routine, Abstumpfung – meist seien es strukturelle Probleme, die zu Gewaltanwendung in der Pflege führten, berichtete Hirsch. Dass dieses Thema längst Dimensionen angenommen habe, die früher noch „als undenkbar“ abgetan worden seien, machte Hirsch anhand von Zahlen deutlich. So habe eine Studie aufgezeigt, dass zehn Prozent der befragten Pflegepersonen selbst schon physische Gewalt angewendet hätten und sogar 40 Prozent psychische Gewalt anwendeten.

„Die Dunkelziffer ist sehr hoch“

Wie viele Menschen davon betroffen sind, lasse sich Hirsch zufolge kaum beziffern: „Die Dunkelziffer ist sehr hoch.“ Scham und Angst vor weiterer Gewalt hielten viele Betroffene davon ab, sich an die Öffentlichkeit zu wenden.

Gewalt aber geht nicht nur von Pflegekräften aus. Auch Betreuer, Ärzte, Therapeuten, Helfer und auch die eigene Familie greifen mitunter zu Maßnahmen, die sich als Gewalt gegen eine Person richten und daher strafrechtlich relevant sind. Und: Auch von den zu Pflegenden geht häufig Gewalt aus, die sich zumeist gegen ihre Pflegekräfte und Familienangehörige richtet.

Wann Gewalt anfängt, sei nicht genau zu benennen. Schon der Hinweis einer Pflegekraft „Wir gehen jetzt ins Bett“ verletze die Würde des Angesprochenen. Was in der Familie noch liebevoll gemeint sei, habe im Pflegebereich nichts zu suchen.

„Vieles geht, man muss es nur machen“

Abhilfe sieht Hirsch vor allem in der Qualifikation des Personals, in der Durchführung von Supervisionen, in transparenten Dokumentationen der geleisteten Pflege oder auch in verbesserten Lebensräumen wie auch in einem Vorzug von Lebensqualität gegenüber einem ausgeprägten Sicherheitsdenken.

„Vieles geht, man muss es nur machen“, ermunterte Hirsch die Teilnehmer. Sinnvoll sei auch ein Besuch einer anderen Pflegeeinrichtung, „man darf auch mal fragen, wie die das machen“. Aber auch vor der Einschaltung von Gerichten solle man nicht zurückschrecken, wenn man allein nicht weiterkomme. „Das führt in der Regel zu einer spürbaren Verbesserung der Situation.“ Vor allem aber helfe „ein freundliches Milieu“, ist Hirsch überzeugt. Als „Kardinalfehler“ wiederum bezeichnete er, dass viele dazu neigten, sofort zu handeln. „Wir sollten immer kurz innehalten und zunächst den Menschen in den Blick nehmen.“

Von Ulf Stüwe

Gewalt in der Pflege

Sorgentelefon

Betroffene und Angehörige, die in der Pflege Gewalt erleben oder befürchten, können sich montags von 15 bis 17 Uhr anonym an das Sorgentelefon unter (04131) 2873757 wenden. Dort erhalten sie Beratung und Unterstützung. Die Inanspruchnahme des Telefons ist vertraulich, neutral und kostenlos.