Madeleine Elze mit einer Kapsel, die drei Tabletten mit jeweils 50mg Venlafaxin enthält. Durch den Lieferengpass muss die 31-Jährige nun ungewollt eine höhere Dosis einnehmen als zuvor. Foto: t&w

Erst Entzug, dann Überdosierung

Lüneburg. Eine Depression ist wie eine Achterbahnfahrt, erklärt Madeleine Elze und wählt drastische Worte: „Die Medikamente, die man dagegen nimmt, sorgen dafür, dass man während der Fahrt angeschnallt ist und nicht in jeder Kurve kotzt.“ Die 31-Jährige nimmt diese Medikamente seit sieben Jahren. Seitdem spielt die psychische Krankheit keine große Rolle mehr in ihrem Leben. Doch im September geriet plötzlich alles aus dem Gleichgewicht: Ihr Antidepressivum konnte nicht mehr geliefert werden. Ihr Fall steht stellvertretend dafür, was passieren kann, wenn Arzneien mal nicht verfügbar sind.

Die Krankheitsgeschichte der Lüneburgerin beginnt 2011, kurz nach ihrem Studium. „Ich hatte meine Bachelorarbeit in Germanistik gerade abgegeben, als ich in eine Panikstörung und Depression reingerutscht bin“, erzählt sie offen. Durch stationäre und teilstationäre Therapien habe sie es geschafft, im Januar 2013 in ein „normales Leben“ zurückzukehren. „Seitdem geht es mir gut, kleine Auf und Abs gibt es ja immer“, sagt die Verkäuferin.

Krämpfe und Schwindel ohne Medikament

Mitte September 2019 sollte sich das ändern: „Ich stand in der Apotheke, und keiner konnte mir helfen. Ich hatte nur noch fünf Tabletten, da bekam ich echt Panik.“ Das Antidepressivum in der von ihr benötigten Stärke hätte sie nur noch vom Originalhersteller bekommen. Da ihre Krankenkasse diese aber nicht vollständig zahlt, wäre ein Eigenanteil angefallen, den Elze nicht hätte zahlen können.

Deshalb versuchte sie eine Woche ganz auf das Mittel zu verzichten. „Ich habe die letzten Jahre nur 37,5 Milligramm am Tag genommen.“ Diese Menge sei eigentlich nur noch eine „homöopathische Dosis“. Deshalb habe sie gedacht, ein kalter Entzug sei machbar: „In dieser Woche war ich aber nicht arbeitsfähig, hatte sehr starke Absetzerscheinungen.“ Neben Sehstörungen und Übelkeit habe sie unter extremen Muskelkrämpfen und Schwindel gelitten. Außerdem habe sie nie dagewesene Ängste gespürt: „Ich habe plötzlich von Monstern geträumt und hatte wahnsinnige Panik.“

Fehlende Transparenz

Nach einer Woche hielt die Lüneburgerin es nicht mehr aus und griff zur einzigen noch verfügbaren Dosierung, die von ihrer Krankenkasse übernommen wird: 150 Milligramm. „Eine dieser Kapseln enthält drei Tabletten“, erklärt Elze: „Ich nehme täglich eine dieser Tabletten, sodass ich auf 50 Milligramm am Tag komme.“ Diese Aufdosierung nimmt die 31-Jährige in Kauf, da sie keine andere Lösung sieht. „Es ist das Gegenteil, von dem was ich wollte“, betont sie, doch die Absetzungserscheinungen seien nicht länger zumutbar gewesen. Mit den Nebenwirkungen, die die höhere Dosierung mit sich bringt, könne sie besser umgehen.

Besonders bemängelt Elze die fehlende Transparenz. In keiner Apotheke habe sie Informationen über den Lieferengpass bekommen. Das bestätigt Katharina Gonzales-Krückeberg, Vorsitzende des Bezirks Lüneburg beim Landesapothekerverband Niedersachsen. Es sei schwierig, von den Herstellern Auskünfte zu bekommen: „Wir wissen nur selten, warum es zu Lieferengpässen kommt.“ Schließlich würde dieses Problem nicht nur das Antidepressivum betreffen, auch viele andere Medikamente, wie Ibuprofen seien zurzeit kaum erhältlich. Wenn die Hersteller überhaupt auf Anfragen reagieren, würden die Antworten nicht immer den Tatsachen entsprechen, sagt Gonzales-Krückeberg. Deshalb seien den Apothekern in solchen Situationen die Hände gebunden.

Produktion in Schwellenländer verlagert

Die Pressesprecherin der Apothekerkammer Niedersachsen, Panagiota Fyssa, weiß: „Der harte Preiswettbewerb in Deutschland hat dazu geführt, dass die Hersteller ihre Produktionen in Schwellenländer verlagern, die nicht über die westlichen Produktions- und Sicherheitsstandards verfügen und dann für Produktionsprobleme anfällig sind.“ Entsprechen die Medikamente nicht den europäischen Qualitätsstandards, werden sie für den Import gesperrt.

Eine weitere Ursache für das Problem schildert das Pharmaunternehmen Henning, das zurzeit ebenfalls nur die 150-Milligramm-Kapseln anbieten kann: „Aufgrund einer nicht vorhersehbaren Lieferunfähigkeit einiger Mitbewerber stiegen unsere Verkaufszahlen drastisch an mit der Folge, dass unsere geplante Produktionsmenge nur für einen sehr kurzen Zeitraum ausreichte. Leider können wir die Produktion nicht außerplanmäßig beliebig steigern.“

Lieferschwierigkeiten sind ein bundesweites Problem

Pharmaunternehmen sind dazu verpflichtet, Lieferengpässe versorgungsrelevanter Medikamente beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte zu melden. Allerdings fällt Venlafaxin, um das es hier geht, nicht unter diese Wirkstoffe. Die Angabe ist in diesem Fall also freiwillig.

So haben nur die beiden Hersteller STADA und Henning Informationen an das Bundesinstitut weitergeleitet. Die Pognose: Bis Ende Januar 2020 sollte Venlafaxin in allen Wirkstärken wieder in den Apotheken vorhanden sein, in Teilen werde das Medikament schon ab November wieder erhältlich sein.

Sowohl die Apothekerkammer als auch der Apothekerverband Niedersachsen betonen, dass die Lieferschwierigkeiten ein bundesweites Problem sind, das nicht nur die Apotheken und Patienten in Lüneburg beschäftigt. Madeleine Elze sieht hier dringenden Handlungsbedarf: „Wer nachempfinden könnte, was ein Lieferengpass für uns Betroffene bedeutet, würde es gar nicht erst so weit kommen lassen.“

Von Lilly von Consbruch