Ab dem 21. Oktober begeht der Verein Lebensraum Diakonie das 150-jährige Bestehen der Herberge für wohnungslose Menschen. (Foto: Diakonie)

150 Jahre Hilfe für Wohnungslose

Lüneburg. Es ist eine zwiegespaltene Situation für Michael Elsner, Vorsitzender des Vereins Lebensraum Diakonie, und dem Diakoniepastor Florian Moitje. In diesem Jahr feiert der Verein und mit ihm die Herberge für Wohnungslose sein 150-jähriges Bestehen. Doch „feiern“ ist der falsche Begriff dafür, findet Moitje: „150 Jahre sind eigentlich kein Grund zu feiern, weil es bedeutet, dass es das Problem der Wohnungslosigkeit schon so lange gibt.“ Andererseits bedeuten 150 Jahre Bestehen auch, dass der Verein all die Jahre etwas gegen das Problem getan hat, meint Elsner. Deshalb lädt der Lebensraum Diakonie zu einer Festwoche ein, die am Montag, 21. Oktober, startet.

Wohnungslosigkeit als bleibende Herausforderung

Herberge
Florian Moitje. (Foto: be)

Im Oktober 1869 wurde in Lüneburg die „Herberge zur Heimath“ von Christen gegründet, um Menschen in Not einen Zufluchtsort und eine Unterkunft zu bieten. Das Grundprinzip ist geblieben, anderes hat sich seitdem verändert: Die erste Herberge stand an der Wallstraße, nicht wie jetzt Beim Benedikt. Die Bewohner waren früher hauptsächlich ältere Männer, die durch die Industrialisierung an den gesellschaftlichen Rand gedrängt wurden. Heute leben auch viele Frauen in der Herberge, 20 Prozent von ihnen sind unter 25. Über ein Drittel leidet an psychischen Erkrankungen, und fast allen fehlt ein beruflicher Hintergrund. „Es gibt viele neue Herausforderungen“, sagt Moitje, „aber eine bleibende Herausforderung ist die Wohnungslosigkeit.“ Deshalb soll die aktuelle Relevanz des diakonischen Handelns im Mittelpunkt der Festwoche stehen, betont Elsner.

„Wir wollen in der Festwoche die Herberge mit der Stadtgemeinschaft verbinden.“ – Florian Moitje, Diakoniepastor

Insgesamt ist die Akzeptanz der Herbergsbewohner in Lüneburg recht hoch, meint Elsner. Jedoch würden Begegnungen bisher nur in einem kleinen Teil der Stadt stattfinden. Das will der Verein ändern: „Wir wollen in der Festwoche die Herberge mit der Stadtgemeinschaft verbinden“, sagt Moitje. Deshalb sei das Programm so ausgelegt, dass sowohl Bewohner der Herberge als auch interessierte Bürger aus Lüneburg daran teilnehmen können.

Getrennte Welten zusammenbringen

Herberge
Michael Elsner. (Foto: t&w)

Die Woche startet mit einem Festakt am 21. Oktober, bei dem Pastor Andreas Theurich einen Vortrag halten und Einblicke in die Geschichte des Vereins geben wird. Am 22. Oktober findet in der Michaeliskirche ein Benefiz-Konzert mit Daniel Stickan und dem Hugo-Distler-Ensemble statt. „Der Eintritt ist kostenfrei, aber wir erhoffen uns natürlich Spenden für den Verein.“

Zwei getrennte Welten zusammenbringen und Vorurteile hinterfragen sollen thematische Stadtführungen am 23. Oktober. „Mitarbeiter der Herberge werden Interessierte an Orte in Lüneburg führen, die für wohnungslose Menschen wichtig sind“, erklärt Moitje. Darunter würden zum Beispiel der Clamartpark und der Edeka-Markt Saline fallen. „Wir wollen die Bedeutung dieser Punkte erklären und somit für ein größeres Verständnis für die Herbergsbewohner sorgen“, verdeutlicht Elsner.

Menschen begegnen, mit denen sie sonst nicht in Kontakt kommt

Das eigentliche Fest am 25. Oktober wird gemeinsam mit Herbergsbewohnern, Mitarbeitern, Nachbarn und Gästen auf dem Gelände der Herberge gefeiert. „Es ist jeder herzlich willkommen, der sich für unsere Arbeit interessiert“, sagt Elsner.

„Wie viel darf die bloße Existenz einen Menschen kosten?“ – Michael Elsner , Vorsitzender Lebensraum Diakonie

Es würde ihn und Pastor Moitje freuen, wenn möglichst viele Menschen den Mut haben, das 150-jährige Bestehen und die Festwoche zu nutzen, um Menschen zu begegnen, mit denen sie sonst nicht in Kontakt kommen. Denn ihrer Meinung nach ist es nicht nur Aufgabe der Diakonie, die Probleme der Wohnungslosigkeit zu diskutieren: „Es ist doch auch die Aufgabe der Gesellschaft, sich mit solchen Fragen auseinanderzusetzen.“ Elsner verdeutlicht: „Welchen Wohnraum wollen wir schaffen? Wie viel darf die bloße Existenz einen Menschen kosten?“ In der Festwoche soll es genug Zeit und Raum geben, um diese Diskussion aufzunehmen und weiterzuführen.

Von Lilly von Consbruch