Sonntag , 20. September 2020
Deutsch-polnischer Sportwettstreit: Beim Tischtennis messen sich die Jugendlichen beider Länder. (Foto: phs)

Ganz nah und doch anders

Lüneburg/Melbeck. So sauber, so vielfältig, so nah – und anders. Als Kamil Malawko das erste Mal durch Lüneburgs Straßen spazierte, sind ihm allerhand Dinge aufgefallen, die in seiner Heimat Polen nicht üblich sind. „Hier leben viele Kulturen, nicht bloß Deutsche. In Polen sieht man fast nur Polen“, erzählt der 19-Jährige. Da sitzt er auf einer Bank in der Melbecker Schulsporthalle und beobachtet drei deutsch-polnische Teams, die sich die Tischtennisbälle zuspielen. In blau: Jugendsportler des SV Ilmenau, in grün: die Austauschgruppe aus der Region Wagrowiec. Eine knappe Woche lang war sie zu Gast im Landkreis Lüneburg.

Bessere Perspektiven in Deutschland

Kamil Malawko lernt Deutsch in der Schule – benutzen will er die Sprache trotzdem nicht. Zu kompliziert, entschuldigt er sich auf Englisch. „Wenn ich Deutsch wirklich lernen wollte, müsste ich hier leben.“ So wie sein Cousin. Der sei mit seinen Eltern vor vielen Jahren nach Hamburg ausgewandert, vermutlich aufgrund der besseren Zukunftsperspektiven. „In Deutschland kriegst Du einfach mehr Geld für die Arbeit“, erklärt Kamil Malawko und zuckt mit den Schultern.

Im europäischen Vergleich gilt Polen immer noch als Niedriglohnland. Jedoch geht die Belebung auf dem Arbeitsmarkt seit einigen Jahren mit einem erheblichen Anstieg der Realeinkommen einher. 2018 lag er, nach Angaben des Auswärtigen Amtes, bei zirka fünf Prozent, zum Teil auch noch höher. Die Löhne unterscheiden sich stark nach Regionen und Berufsgruppen. Wie die Bundesbehörde in einer Online-Publikation schreibt, beträgt der landesweite Durchschnittslohn aller Branchen rund 4500 Zloty pro Monat, also umgerechnet zirka 1060 Euro.

„Man sieht, dass es da Aufwind gibt“, sagt Gisela Gliesche, Vorsitzende der internationalen Partnerschaften im Landkreis Lüneburg. Trotzdem sammeln sie und ihre Vorstandskollegen jedes Jahr zu Weihnachten Geschenkpakete für hilfsbedürftige Menschen in Polen. „Gerade, wenn man durch die Dörfer fährt, sieht man noch Armut“, berichtet Christa Krüger, stellvertretende Vorsitzende des Vereins, und nennt ein Beispiel. Einmal, das ist schon einige Zeit her, habe sie nach einer Fahrt nach Wagrowiec erfahren, dass sich eine Familie mit Geschenken für den deutschen Besuch finanziell übernommen hatte. „Sie haben einen Kredit aufgenommen, um den deutschen Kindern Süßes mitzugeben.“

Gratulation zum Flaschen-Pfandsystem

Die Partnerschaft zwischen den Landkreisen Lüneburg und Wagrowiec gibt es seit den 90er-Jahren. Regelmäßig finden Begegnungen statt, viele Freundschaften sind dabei entstanden. Neben Tischtennis standen für die junge Gruppe aus Wagrowiec in diesem Jahr auch ein Trip nach Bremen, Shopping und Sightseeing in Lüneburg auf dem Programm. Die Städte hätten ihm besonders gut gefallen, erzählt Kamil Malawko – und gratuliert im selben Atemzug zum Pfandsystem für Plastikflaschen. „Das könnte ein Grund dafür sein, dass die Straßen hier so sauber sind.“ Dann entschuldigt er sich, das deutsch-polnische Spiel geht weiter.

Aktion

Geschenke reisen nach Polen

Der Verein Internationale Partnerschaften im Landkreis Lüneburg sammelt auch in diesem Jahr zur Weihnachtszeit wieder Geschenke für hilfsbedürftige Menschen in Polen. Gisela Gliesche freut sich über jeden verpackten Schuhkarton mit Süßigkeiten und kleinen Aufmerksamkeiten. Wer mitmachen will, kann sich telefonisch bei ihr melden, zu erreichen ist sie unter (04131) 791381.

Von Anna Petersen