Oberst Christian Freuding beim Truppenbesuch in Minden. Der ehemalige Kommandeur der Lüneburger Aufklärer und Adjutant von Ex-Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen führt jetzt die Panzerlehrbrigade 9 in Munster. (Foto: kre)

Aus Berlin zurück in der Truppe

Lüneburg/Munster. Im Tiefflug schwebt der NH-90- Hubschrauber über der Weser bei Minden ein und setzt zur Landung an: Sekunden später springe n Bundeswehr-Soldaten aus der Maschine und sichern das Gelände. Deckung bekommen die Männer durch einen Apache-Kampfhubschrauber der US-Streitkräfte. Leopard-Kampfpanzer bringen sich am Ufer in Stellung, während Pioniere mit schwerem Gerät zwei Übergänge über die Weser legen, um einen Brückenkopf am gegnerischen Ufer zu errichten. „Angriff über ein Gewässer“ lautet das Szenario.

Aufmerksamer Beobachter der Übung an diesem Tag ist Christian Freuding. Der Oberst ist seit kurzem Kommandeur der Panzerlehrbrigade 9 mit Sitz in Munster: Die vergangenen Tage und Wochen hat der Brigadekommandeur genutzt, um die ihm unterstellten Verbände zu inspizieren. Jetzt steht als letztes der Besuch beim Panzerpionierbataillon 130 in Minden in seinem Terminkalender – die LZ hat ihn einen Tag lang begleitet.

Zur Panzerlehrbrigade 9 gehören auch die Lüneburger Aufklärer – ein Verband, den der Oberst als Zugführer, Kompaniechef und Bataillonskommandeur bestens kennt. Und die Hansestadt Lüneburg ebenso. „Eine Stadt mit einem ganz besonderen Charme und ein attrakiver Standort für die Soldaten und ihre Familien“, findet Freuding, der zuletzt in Berlin stationiert war. Als Adjutant der ehemaligen Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen und – wenn auch nur noch für wenige Wochen – von Nachfolgerin Annegret Kamp-Karrenbauer. Damit war der Generalstabsoffizier qua Amt ganz dicht dran an den Entscheidungsträgern

Eine Tatsache, die auch Generalmajor Jürgen-Joachim von Sandrart bei der Kommandoübergabe der Panzerlehrbrigade 9 an Oberst Christian Freuding vor wenigen Wochen besonders beeindruckt hatte.

„Die Trendwenden sind bereits spürbar“

„Durch ihre Tätigkeit in Berlin sind Ihnen die Probleme und auch die Herausforderungen bei der Truppe bestens bekannt“, hatte der Kommandeur der 1. Panzerdivision augenzwinkernd an Freuding gewandt festgestellt: „Aber jetzt als Brigadekommandeur wird sich auch für Sie die Perspektive verändern – und da liegt der Hase im Pfeffer.“
Auf den Satz des Divisionskommandeurs angesprochen muss der Oberst ein wenig schmunzeln: „Ich darf Ihnen versichern, dass sich die Beurteilung des Lagebildes zu Zustand und Ausrüstung der Bundeswehr im Ministerium sich nicht sonderlich von der in der Truppe unterscheidet“, stellt Freuding fest. Die noch unter von der Leyen angekündigten Trendwenden seien spürbar. Oder wie es der Brigadekommandeur ausdrückt: „Sie beginnen zu greifen!“ Beim Personal, beim Material und auch bei den Finanzen.

Nun hat der Oberst das „Glück“, Kommandeur der Panzerlehrbrigade 9 zu sein – jenem Großverband, der seit dem 1. Januar 2019 Leitverband der VJTF ist. Die Abkürzung steht für „Very High Readiness Joint Task Force.“ Vorauskräfte des Verbandes müssen innerhalb von zwei bis drei Tagen verlegebereit sein, die Hauptkräfte innerhalb von fünf bis sieben Tagen.

Die Aufstellung einer solchen schnell verleg- und einsatzbereiten Task Force wurde als notwendige Reaktion der Nato auf die seit 2014 geänderten politischen Verhältnisse beschlossen. Denn Ziel der Brigade ist es, auf weltweite Bedrohungen als Nato-Speerspitze schnell reagieren zu können.

Geografischer Radius jetzt deutlich kleiner

Weltweit war der Oberst in den vergangenen fünf Jahren auch schon unterwegs – als Adjutant der Ministerin. 24 Stunden am Tag stand er für die Inhaberin der Befehls- und Kommandogewalt bereit. Eine absolute Vertrauensstellung. Auf vielen Pressefotos ist er wenige Schritte hinter seiner Chefin zu sehen, trug sogar ihre Handtasche. Mit einer so großen Selbstverständlichkeit, wie es ein Kavalier alter Schule nicht hätte besser können. „Ich komme aus einer Unternehmerfamilie“, sagt der gebürtige Bayer, der Betrieb sei von seiner Mutter geführt worden. Frauen in verantwortungsvollen Positionen zu erleben, sei für ihn daher was absolut Selbstverständliches.

Jetzt, als Brigadekommandeur ist sein geografischer Radius deutlich kleiner geworden und spielt sich nun vorrangig zwischen Munster, Rotenburg/Wümme, Neustadt am Rübenberge, Minden und Lüneburg ab. Jenen Städten also, in denen die der Brigade unterstellten Bataillone beheimatet sind.

Zurück zur Übung „Angriff über ein Gewässer“ in Minden: Der Oberst ist an diesem Tag Beobachter der „Generalprobe“. Das gleiche Szenario werden die Soldaten des Panzerpionierbataillons 130 als Teil einer Ausbildungslehrübung vor zukünftigen nationalen wie internationalen Generalstabsoffizieren vorführen. Ziel ist es, das Zusammenwirken der Truppengattungen in multinationaler Zusammenarbeit zu vermitteln. Die Soldaten sind dann quasi die Visitenkarte der Bundeswehr. Damit in einigen Tagen bei der Lehrübung auch wirklich alles klappt, werden jetzt noch letzte Nachlässigkeiten und festgestellte Mängel vom Brigadekommandeur angesprochen. Freuding ist kein Mann der lauten Töne: Ruhig und konzentriert hört er dem „Lagevortrag zur Unterrichtung“ zu. Da haben die Soldaten auch schon andere Vorgesetzte erlebt. Was aber nicht bedeutet, dass er seine Vorstellungen nicht durchzusetzen weiß.

Inzwischen ist es 18 Uhr, zwölf Stunden ist der Brigadekommandeur bereits unterwegs. Jetzt liegen noch gute zwei Stunden Heimfahrt vor ihm – nach Lüneburg. Die alte und die neue Heimat seiner Familie.

Von Klaus Reschke