Heinrich Hengevoß mit dem Rest seiner Herde. (Foto: privat)

Idylle Wolfsland

Lüneburg/Bitter. Als der Rentner Heinrich Hengevoß Samstagmorgen um 7.30 Uhr das Dielentor seines Bauernhauses in Bitter öffnet, geht sein Blick als erstes zur wenige Meter entfernten Pforte, hinter der seine kleine Schafherde bereits auf ihn wartet. Er hält die Tiere, damit sie seine Streuobstwiese abgrasen. Wie immer haben sie die Nacht nahe am Haus verbracht, denn dort sind sie sicher …

So könnte der rührselige Bericht über den Alltag eines naturverbundenen Menschen beginnen.

Der Rest versteckte sich hinterm Stall

Leider ist an diesem Morgen alles anders. Stille herrscht, kein Schaf zu sehen. Sein Blick sucht. Zwanzig Meter weiter liegen sie: zwei seiner Schafe. Eins davon sein Lieblingstier, ein Mutterschaf, das schon mehrfach Drillinge großgezogen hat. Das andere ein gesundes Lamm. Vom Rest der Herde keine Spur. Erst als er auf die Weide geht und sie ruft, trauen sich die verängstigten Tiere heraus: Sie haben sich hinterm Stallgebäude gleich neben dem Haus versteckt.

Heinrich Hengevoß bin ich.

Was tun? Wir rufen den Wolfsberater Hauke Hanstedt an. Der kommt so schnell wie möglich, er steht derzeit unter Stress: Dies ist im Amt Neuhaus die vierte Wolfsattacke innerhalb von vier Tagen. Er untersucht die Schafe, nimmt Proben, geht das Grundstück ab, begutachtet die Einzäunung. Dann füllt er Formulare aus, etliches an Papier, um sie an das Wolfsbüro in Hannover zu schicken. Telefonisch kann er das Büro seit vier Tagen nicht erreichen, und jetzt am Wochenende ist sowieso keiner dort. „Als wir geschult wurden“, sagt er, „war das erste, was man uns sagte: die Arbeit als Wolfsberater hat oberste Priorität, auch wenn ihr auf eine Familienfeier verzichten müsst! Das sehe ich auch so und handle entsprechend. Im Wolfsbüro dagegen ist ab Freitagmittag keiner mehr da. Wieso gibt es eigentlich keine Notrufnummer?“

Die derzeitige Wolfspolitik ist nicht nachzuvollziehen. Ein völliges Abschussverbot und die bewusste Wiederansiedlung von Wolfspopulationen hat in einem dicht besiedelten Land wie Deutschland nichts mit Realpolitik und auch nichts mit wirksamem Umwelt- und Artenschutz zu tun. „Hätte man von Anfang an auf eine bewusste Eindämmung der Art und die Beschränkung auf einzelne Regionen gesetzt, käme es jetzt nicht zu diesen Auswüchsen“, so Hanstedt.

Auch wir, meine Frau und ich, sind naturverbunden. Unsere Streuobstwiesen mit alten und jungen Bäumen, für deren Beweidung wir ein paar Schafe halten, haben noch kein Gift gesehen. In unserem Gemüsegarten wachsen jeden Sommer zig Blumenarten, die wir eigens für die Insekten aussäen – und die danken es uns: Wir erfreuen uns jedes Jahr an diversen Schmetterlingen, Bienen, Hummeln, Wespen und Hornissen.

Absage an Fanatismus und Bürokratismus

Ich habe in meinem Leben etliche Laub- und Obstbäume gepflanzt und sorge für Nistkästen. Der Umweltschutz ist uns Herzenssache. Doch wie mit anderen positiven Dingen ist es auch mit dem Umweltschutz: Fanatismus und Bürokratismus sind seine schlimmsten Feinde, denn sie werden zum Bumerang: Viele Leute auf dem Land sind erbost und fühlen sich von den Politikern in Bund und Land alleingelassen und nicht ernst genommen. Volksparteien werden zu Wolfsparteien. Wen wundert es noch, wenn immer weniger Menschen die etablierten Parteien wählen?

Nachtrag: Die Förderung eines Wolfszauns haben wir längst beantragt. Sicher ist nicht, ob wir sie bekommen. Die einzige Antwort, die wir bisher erhalten haben, besagt, dass die Bearbeitung längere Zeit in Anspruch nehmen wird.

Von Heinrich Hengevoß