Sonntag , 27. September 2020
Die Pleite des Thomas Cook-Konzerns trifft auch Familie Larf. Der Urlaub auf Gran Canaria ist futsch und das Geld wohl auch. (Foto: t&w)

Der geplatzte Urlaubstraum

Handorf. Palmen, weiße Sandstrände und blaues Meer: Anouk hat oft davon geträumt in den vergangenen Wochen und Monaten. Doch der Traum vom Familienurlaub auf Gran Canaria ist geplatzt. Für die 14-Jährige ist das besonders tragisch, denn die Handorferin ist an Knochenkrebs erkrankt.

„Die einwöchige Reise sollte als Motivationsschub für die lange und kräftezehrende Therapie dienen“, berichten Anouks Eltern, Kerstin und André Larf. Ein Jahr befand sich ihre Tochter fast durchgängig in einer Berliner Spezialklinik, durfte erst vor kurzem das Krankenhaus verlassen. Ihr Wunsch: Ein Urlaub unter Palmen! Gebucht hatten die Larfs den „Erholungsurlaub“ für Anouk und sich bei Neckermann Reisen, ein Tochterunternehmen des Reisekonzerns Thomas Cook. Doch der ist pleite, musste Insolvenz anmelden und hat alle Reisen bis einschließlich 31. Dezember abgesagt. Eine Entwicklung, die auch den selbstständigen Malermeister André Larf und seine Familie völlig unvorbereitet traf. Jetzt also müssen die Handorfer auch noch darum kämpfen, dass sie wenigstens ihr Geld zurück bekommen.

5 800 Euro hat die Pauschalreise gekostet. Viel Geld, „das wir auch nur deshalb aufbringen konnten, weil auch Oma etwas dazu gegeben hat“, sagt Mutter Kerstin und fügt verärgert hinzu: „Ende August hatte uns das Reiseunternehmen noch angeschrieben und uns um die Überweisung der Restsumme gebeten.“ Die 43-Jährige ist sich heute sicher: „Da wussten die doch schon ganz genau, dass sie insolvent sind.“

Spenden an die Kinderkrebshilfe

Die Handorfer Familie hat sich an die Landeszeitung gewandt, um ihre Geschichte zu erzählen: „Wir wollen an unserem Beispiel zeigen, was solche Unternehmensentscheidungen mit den Menschen machen“, sagt Kerstin Larf. Ihr Mann stellt aber unmissverständlich klar: „Was wir auf keinen Fall wollen, ist, dass andere Menschen sich nun bemüßigt fühlen könnten, uns mit Geld zu unterstützen. Dann sollen sie das Geld lieber der Deutschen Kinderkrebshilfe spenden. Da wird prima Arbeit geleistet!“

Anouk hört währenddessen still und aufmerksam zu. „Die Krankheit, die oft schmerzhafte Therapie – all das hat unsere Tochter erwachsen werden lassen“, sagt André Larf. In den vergangenen Monaten habe die 14-Jährige ungeheuren Durchhaltewillen und Optimismus gezeigt: „Sie hat keine Sekunde daran gezweifelt, dass sie die Krankheit besiegen wird“, sagt Kerstin Larf. „Papa und Mama, ich schaffe das!“, habe sie immer gesagt. Und sogar im Krankenhaus für die Schule gelernt. Bislang besuchte sie die achte Klasse an der Schule in Marschacht, will nun aber an die Waldorfschule nach Lüneburg wechseln.

Schließlich befindet sich Anouk auf dem Wege der Besserung und die Reise nach Gran Canaria sollte den Genesungsprozess unterstützen: „Wir haben das natürlich im Vorwege mit den Ärzten besprochen“, berichtet Kerstin Larf – „und die hatten grünes Licht gegeben.“

Ob die Familie das Geld zurück bekommt, ist fraglich

Doch am 27. September traf die Hiobs-Botschaft ein: „Wichtige Information zu Ihrer Urlaubsreise am 2. Oktober (…) leider können Sie Ihre gebuchte Reise nicht antreten…“, teilte das Unternehmen mit. Stattdessen solle sich Familie Larf an den Rückversicherer Zurich Insurance wenden.

Fraglich ist trotzdem, ob die Familie ihr Geld zurück bekommt: Die Versicherung Zurich Deutschland hatte die Reisen mit der deutschen Thomas Cook bis zu 110 Millionen Euro versichert. „Sie können davon ausgehen, dass dies bei Weitem nicht reicht“, sagte jüngst Zurich-Sprecher Bernd Engelien gegenüber der Presse.

Die Ersatzansprüche würden der versicherten Summe gegenübergestellt und quotiert. Als Rechenbeispiel: Wenn die Schadenssumme doppelt so hoch ist wie die versicherte Summe, würden die Ansprüche zur Hälfte gedeckt. Bislang sei aber noch nicht klar, wie hoch die Schadenssumme und die Erstattungsquote sei.

Kerstin Larf will sich damit nicht zufrieden geben: Sie hat sich deshalb direkt an Stefanie Berk, die Geschäftsführerin von Neckermann Reisen, gewandt und ihr einen Brief geschrieben: „Unser Einzelschicksal wird Sie mit großer Sicherheit nicht interessieren, wir aber werden unserer Tochter in absehbarer Zeit den Wunsch nach Wärme, Meer und Palmen nicht erfüllen können. Stattdessen müssen wir über die Presse erfahren, dass Ihr großes Unternehmen nicht ausreichend rückversichert ist und somit bewusst der Betrug am Verbraucher in Kauf genommen wird…“, macht sie ihrem Unmut Luft.

Eine Antwort hat die Handorferin bis heute nicht erhalten, auch auf LZ-Nachfrage war Geschäftsführerin Berk nicht zu erreichen: Stattdessen nur eine telefonische Bandansage.

Aufgeben aber wollen die Larfs nicht, sie überlegen, eine Musterklage anzustreben, denn Anouk, die sich so tapfer ins Leben zurückkämpft schmiedet bereits Pläne für die Zukunft: „New York wäre ein tolles Urlaubsziel“, schwärmt die 14-jährige. Und auch dabei werden sie ihre Eltern natürlich unterstützen.

Von Klaus Reschke