Donnerstag , 1. Oktober 2020
Jagdpächter Detlef Schröder erklärt anhand einer Trophäe die Besonderheiten des Muffelwildes: „Die langen gedrehten Hörner sind ihr Markenzeichen.“ Foto: cb

„Das Muffelwild ist hier ausgerottet“

Garlstorf. Detlef Schröder, Jagdpächter in Quarrendorf, zieht eine traurige Bilanz: „Das Muffelwild war in unserem Bereich eine Besonderheit. Jetzt ist es offenbar ausgerottet. Seit Mai habe ich nicht ein einziges Mufflon mehr gesehen.“ Schuld an dem dramatischen Artenverlust in der Region sei der Wolf, informiert Schröder. Der habe mit dem Muffelwild eine leichte Beute gehabt. Grund dafür: das Fluchtverhalten dieser Tiere: „Die Mufflons sprinten 100 Meter, dann bleiben sie stehen“, weiß Schröder. „Wir leben hier jetzt im Wolfsgebiet“.

Auch Stefan Isermann, Leiter des Hegeringes Garlstorf, ist bestürzt: „Im März 2016 fand ich den ersten Muffelriss mitten in einem Getreidefeld“, berichtet er. „Zu diesem Zeitpunkt lebten östlich der A 7 circa 120 Tiere, westlich davon waren es 150 Stück. Dass die Dezimierung und schließlich komplette Ausrottung in unserer relativ dicht besiedelten Kulturlandschaft so rasant vonstatten geht, haben wir Revierinhaber nicht für möglich gehalten.“

Im Frühjahr 2016 waren es noch 270

Die ursprüngliche Heimat der Mufflons sind die Mittelmeerinseln Korsika (Frankreich) und Sardinien (Italien). Dort konnte sich diese kleinste Wildschafart Europas bei Gefahr auf Klippen und Felsen retten, bei uns im Flachland gibt es diese Möglichkeit jedoch nicht. Die Widder sehen besonders eindrucksvoll aus – ihre schneckenförmig eingedrehten Hörner werden bis zu 80 Zentimeter lang.

Wie kam das Muffelwild nun in die Hegeringsbereiche Garlstorf und Hanstedt? In den 1930er-Jahren hatte der Jagdpächter Hermann Reemtma ein Mufflon-Rudel in sein Gatter in den Garlstorfer Wald geholt. Ende der 1930er-Jahre gab er es auf. Knapp 40 Mufflons wurden in der sogenannten Osterheide ausgewildert. „Die Tierart ist bekannt für seine Standorttreue“, berichtet Isermann. „Straßen, Flussläufe und Bahnschienen sind natürliche Grenzen. Anfang der 1950er-Jahre trieben spielende Kinder ein kleines Rudel über die sich damals im Bau befindliche Autobahn. Seitdem gab es Mufflons östlich und westlich der A7.“

Erhalt der Art steht im Mittelpunk

Mehr als 80 Jahre lang habe man das Muffelwild gehegt, gepflegt und gejagt, schildert Isermann. Schnell habe sich unter den Revierinhabern eine Hegegemeinschaft gebildet, genannt Muffelring. Als die Zahl der Tiere auf 200 Stück angestiegen sei, wären die Wildschäden nicht mehr zu tolerieren gewesen. „Wir mussten den Bestand durch höheren Abschuss regulieren“, erklärte Stefan Isermann. „Im Mittelpunkt stand für uns aber immer der Erhalt der Art. Diese leidenschaftliche Arbeit wurde nun innerhalb von weniger als vier Jahren zerstört. Eine herausragende Wildart im Landschaftsschutzgebiet Garlstorfer Wald wird jetzt einer politisch, ideologisch geführten Wiederansiedlung des Wolfes komplett geopfert. Der Verlust des Muffelwildes, bei dem man aufgrund gesetzlicher Vorschriften tatenlos und machtlos zuschauen muss, ist ein schmerzlicher und schändlicher Zustand für die Region.“

Von Christa-M. Brockmann