Isabel und Hans-Georg Grzenia. Foto: privat

Morde auf offener Straße

Lüneburg/Guayaquil. Demonstrationen, Plünderungen und Zusammenstöße mit den Sicherheitskräften bestimmen derzeit das Leben in Ecuador. Der Grund: Die Regierung hat die jahrzehntelang gewährten Subventionen für Treibstoffe gestrichen. Die Folge: Explodierende Preise für Benzin und Dieselkraftstoffe. Der Lüneburger Hans-Georg Grzenia erlebt hautnah die Situation in Guayaquil/Ecuador. Vor genau einem Jahr war er mit seiner Frau Isabel in das südamerikanische Land ausgewandert.

Guayaquil (eigentlich Santiago de Guayaquil) ist mit fast drei Millionen Einwohnern die größte Stadt sowie wichtigste Hafenstadt Ecuadors. Die Mehrheit der Bevölkerung ist arm, am Stadtrand sind seit den 1990er-Jahren mehrere Viertel entstanden – für wohlhabende Bürger.

Gesundheitsversorgung ist ordentlich

Ecuador ist das Heimatland von Isabel Grzenia, die mehr als 20 Jahre in Lüneburg lebte. Als Hans-Georg Grzenia nach 43 Jahren Arbeit bei der Stadtverwaltung – zuletzt war er viele Jahre Leiter des Bereichs Grünplanung, Friedhöfe und Forsten – auf die Rente zusteuerte, entschied sich das Paar, nach Ecuador auszuwandern. Ein Grund war, dass sich die beiden um die 82-jährige Mutter von Isabel Grzenia kümmern wollten.

Die Verbindung zu Freunden und Bekannten ist in den vergangenen zwölf Monaten nicht abgerissen. So ließ er sie zum Beispiel wissen, wie mühsam es war, ein Dauer-Visum zu erhalten. „Die Bürokratie steht der in Deutschland in keinem Fall nach“, sagt er. Und es gebe viele arme Menschen, die irgendwie versuchen würden, mit Jobs wie zum Beispiel Besenverkauf über die Runden zu kommen. Die Gesundheitsversorgung sei ordentlich – wenn man sie bezahlen kann. Und er berichtet von Überfällen und Morden auf offener Straße, über die die Medien berichten würden, sodass er und seine Frau nur tagsüber zu Fuß unterwegs seien. Auf der anderen Seite schätzt er das Land wegen seiner Landschaft, Natur, Kultur und weil viele Menschen zutiefst freundlich und voller Lebensfreude sind.

Demonstrationen gebe es derzeit überall im Land wegen der gestiegenen Spritpreise, da die Auswirkungen immens seien. Eine Gallone (3,79 Liter) Benzin würde jetzt 2,40 Dollar statt 1,85 Dollar kosten, Diesel sei von 1,07 Dollar auf 2,15 Dollar gestiegen. „In Deutschland würde man sich solche Preise herbeisehnen, hier haben sie drastische Folgen.“ Begründet mit den Kraftstoffpreisen würde nun ein Sack Kartoffeln bis zu 50 Dollar statt bisher 25 Dollar kosten. „Auch die Preise für Mais, Zwiebeln oder Tomaten haben sich fast verdoppelt. Für eine Ananas werden jetzt 3 statt wie bisher 1 Dollar gefordert.“ Für viele Bürger, die über einen Durchschnittsverdienst von 400 Dollar im Monat verfügten, bedeute das, „dass gerade noch die Grundbedürfnisse befriedigt werden können“.

„Wir versuchen, so gut es geht, im Haus zu bleiben"

Der Verkehr komme vielerorts immer wieder zum Erliegen, weil Taxen, Busse, aber auch Transportunternehmen streiken. Die Busterminals für die Überlandstrecken seien größtenteils geschlossen. Regierungsvertreter hätten zwar erklärt, die Preise für Fahrten dürften nicht steigen, aber das glaube keiner. In ihrem unmittelbaren Lebensumfeld laufe das Leben fast wie gewohnt weiter, nur der Verkehr habe abgenommen. Grzenia sagt aber auch: „Wir versuchen, so gut es geht, im Haus zu bleiben und den Demonstrationen aus dem Wege zu gehen. Die Gewaltbereitschaft ist einfach zu groß und wir wollen uns nicht unnötig der Gefahr aussetzen. Auf alle Fälle wird hier nicht mit einer schnellen Entspannung der Lage gerechnet.“

Auf die Frage, ob er sich vor diesem Hintergrund wünsche, wieder nach Deutschland zu gehen, sagt er: „Nein, ich mag Ecuador und das warme Klima. Diese Situation, die wir gerade erleben, ist eine wirkliche Ausnahmesituation.“ In Lüneburg habe er sich zu Hause gefühlt, „und es ist die schönste Stadt der Welt. Aber jetzt ist hier mein neues Zuhause“.

Von Antje Schäfer