Montag , 28. September 2020
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Rechtsaußen im Abseits

Handorf. Für die Fußballer des MTV Handorf sind diese drei Geschwister bisher einfach nur Mitspieler gewesen, Trainerin und Trainer ihrer Kinder, Ehrenamtliche im Verein, die sich um die Mitgliederverwaltung kümmern. Für andere sind die Kinder des Handorfer Bauunternehmers und NPD-Spitzenfunktionärs Manfred Börm aber bekennende Neonazis, die regelmäßig bei NPD-Veranstaltungen als Teilnehmer oder Ordner gesichtet wurden. Rechtsaußen in der Gesinnung, hilfsbereit im örtlichen Verein? Das passt auch nach Meinung der Verantwortlichen im MTV Handorf nicht zusammen. „Zum Wohle der Spielgemeinschaft haben drei Übungsleiter kurzfristig ihre Trainertätigkeit beendet“, gab der MTV Handorf jetzt auf seiner Homepage bekannt.

Vor wenigen Tagen waren dort noch Namen und Telefonnummern der Börm-Kinder zu lesen. Nun geben der Vorstand des MTV Handorf und der JSG Roddau folgende Stellungnahme ab: „Toleranz und unvoreingenommene Offenheit gegenüber allen Religionen, Kulturen und Nationalitäten waren und sind immer ein Grundpfeiler unserer Spielgemeinschaft. Wir bieten vielen Kindern aus diversen Nationen seit mehreren Jahren die Möglichkeit, gemeinsam Fußball zu spielen. Wir distanzieren uns von jeglichem fremdenfeindlichen Gedankengut und werden auch zukünftig völlig unpolitisch unsere gemeinsame Freude am Fußball leben.“ Weitere Kommentare wollen die Verantwortlichen des Vereins gegenüber der Landeszeitung nicht abgeben.

Vom Kindergarten zur Brauchtumsfeier

Die drei Geschwister hatten ihre Trainerämter in der U 9 der JSG Roddau sowie im Fußball-Kindergarten für bis zu sechsjährige Mädchen und Jungen erst zu Beginn der laufenden Saison übernommen. In der Jugendspielgemeinschaft (JSG) Roddau sind der MTV Handorf, der TSV Radbruch und der MTV Rottorf organisiert, wobei nur die U 9-Mannschaft und der Kindergarten in Handorf trainieren. Zwei Börm-Söhne hatten gemeinsam mit einem dritten Trainer die U 9 trainiert, eine Börm-Tochter engagierte sich zusammen mit einer anderen Frau bei den Jüngsten.

Zahlreiche Belege für die rechte Gesinnung der Börm-Geschwister hat die Antifaschistische Aktion Lüneburg/Uelzen in einer Pressemitteilung zusammengetragen, zwei von ihnen hätten erst vor zwei Wochen an einer Brauchtumsfeier der NPD in Eschede teilgenommen. So aktiv sie laut der Antifaschistischen Aktion offenbar seit Jahren in der niedersächsischen Neonazi-Szene seien, so sehr hätten sie sich innerhalb des Vereins mit politischen Aussagen zurückgehalten. Das berichten mehrere Sportler oder Funktionsträger aus Handorf und Umgebung, die nicht namentlich genannt werden wollen.

Auf Vermittlung des Kreissportbunds Lüneburg und des Fußball-Kreises Heide-Wendland hat der Vorstand des MTV Handorf die Organisationen auf Landesebene, den Landessportbund (LSB) sowie den Niedersächsischen Fußball-Verband (NFV), um Rat gefragt. „Rechtlich kann man nichts machen, solange die NPD nicht verboten ist“, erklärt Manfred Finger, Referatsleiter Kommunikation und Marketing im NFV, „wir können nur eine moralische Empfehlung aussprechen.“ Und die war für ihn klar: „Der Verein sollte ein klares Zeichen gegen rechtes Gedankengut setzen.“

Präzedenzfall vor elf Jahren in Hessen

Seit gut zwanzig Jahren arbeitet Finger für den NFV, hat einen vergleichbaren Fall in Niedersachsen aber noch nicht erlebt. Für Schlagzeilen sorgte 2008 der ehemalige hessische Landesvorsitzende der NPD, der als Jugendtrainer in einem Ort nahe Wetzlar tätig war. Erst nach einem Jahr Beratung trennte sich der Verein von dem Trainer. Er galt als kompetent und beliebt. Der LSB setzt sich mit seinem Projekt „Sport mit Courage“ gegen Rechtsextremismus ein, will dem MTV Handorf ebenfalls beratend zur Seite stehen.

Ob die Börm-Geschwister weiter selbst für die Frauen- beziehungsweise Herren-Mannschaft des MTV Handorf auf Balljagd gehen, ließ der Vorstand offen. Der seit dieser Woche verwaiste Posten „Mitgliederverwaltung“ soll auf der nächsten Mitgliederversammlung des Vereins neu besetzt werden.

Von Andreas Safft

Kommentar

Genau hinsehen

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Vereine benötigen Ehrenamtliche so dringend wie die Luft zum Atmen. Wer hat schon Zeit, Lust und das Wissen, für wenig bis gar kein Geld Kindern das Fußballspielen beizubringen? Wenn sich dann gleich drei Geschwister bereit erklären, sich für die Jüngsten zu engagieren, dann ist das zunächst einmal ein Glücksfall für den Verein. Und dann sieht man vielleicht gar nicht mehr so genau hin, was die Trainer ansonsten treiben.

Doch exakt so denkt man am rechten Rand. Neonazis marschieren nicht Parolen grölend durch ihr Dorf, sondern machen sich dort beliebt, nützlich, unentbehrlich. Es gibt keine fertigen Lösungen, keine einfachen Antworten. Es ist daher den Verantwortlichen im MTV Handorf hoch anzurechnen, dass sie sich Rat geholt und doch recht schnell den Schnitt vollzogen haben. Und es ist den Kindern nur zu wünschen, dass sich schnell Ersatz für die Trainer findet.

Dass bekennende Rechtsradikale in der Jugendarbeit nichts zu suchen haben, auch wenn sie sich dort politisch zurückhalten, ist weit mehr als nur eine Frage der politischen Korrektheit. Viele Leute vor Ort haben eine klare Meinung zu den Vorgängen in Handorf, wollen sich aber nicht in der LZ zitiert sehen. Das allein ist erschreckend genug.

Von Andreas Safft