Samstag , 26. September 2020
Khaled Alshami hat einen Arbeitsplatz als Pfleger – und soll Deutschland dennoch verlassen. (Foto: t&w)

Warum ein Fachmann abgeschoben werden soll

Lüneburg. Vor ein paar Wochen ist Gesundheitsminister Jens Spahn nach Mexiko geflogen, um Pflegekräfte zu werben. „Ich freue mich über jede Pflegekraft, die kommt“, sagte Spahn laut Handelsblatt. „Wir können so viele Arbeitskräfte gebrauchen, dass ich mich über jede Hundert, jede Tausend freue, die sich aus anderen Ländern entscheiden, nach Deutschland zu kommen.“ Nach diesen Sätzen können Khaled Alshami und Hans-Jürgen Brennecke, der sich in der Flüchtlingsarbeit engagiert, nicht verstehen, dass Alshami aus Deutschland ausreisen soll. Alshami arbeitet als Pflegehelfer in der Klinik Gut Wienebüttel. In Nachtwachen betreut er Komapatienten. Im Prinzip, sagt Brennecke, könnte sein Bekannter ausreisen, um dann wiederzukommen: „Wenn man ihn wieder reinlässt.“ Wie absurd die Situation ist, lässt sich auch an einer Antwort von Susanne Twesten ablesen. Sie leitet das Bürgeramt samt Ausländerbehörde: „Wir haben da keinen Spielraum, die Vorschriften sind eindeutig.“ Aber auch sie habe in diesem Fall Zweifel am Sinn dieser Regeln.

Von den Kollegen geschätzt

Die Problematik hängt mit dem Asylrecht zusammen. Alshami war nach eigenen Worten aus seiner Heimat geflohen, in der Bürgerkrieg herrscht. Er habe sich gegen das Regime engagiert: „Unter dieser Regierung kann ich nicht zurück. Langfristig möchte ich mich einbürgern lassen.“ Über Weißrussland sei er nach Polen eingereist und habe dort Asyl beantragt. Das Bundesamt für Migration lehnte daher den im Oktober 2015 in Deutschland erneut gestellten Asylantrag ab. Dagegen zog er vors Verwaltungsgericht und scheiterte. In dem Urteil heißt es, Alshami habe in einer Befragung angegeben, er wolle „in keinen anderen Mitgliedsstaat überstellt werden, die Zustände in Polen seien schlecht gewesen. Sie hätten in einem Heim gelebt, es habe keine Sprachkurse gegeben.“ Zusammengefasst sagt das Gericht, da der Syrer seinen Antrag als erstes in einem anderen als sicher geltenden EU-Staat gestellt habe, muss er dorthin zurückkehren. In Polen bestehe keine „Gefahr einer unmenschlichen oder erniedrigenden Behandlung“. Selbst Alshamis Anwalt rät ab, gegen die Entscheidung vorzugehen: „Ich sehe keine Erfolgsaussichten.“

„Unter dieser Regierung kann ich nicht zurück. Langfristig möchte ich mich einbürgern lassen.“
Khaled Alshami

Für Brennecke ist das Ganze kaum nachvollziehbar. Im kommenden Jahr tritt ein neues Einwanderungsgesetz für Fachkräfte in Kraft. Alshami könnte dann möglicherweise sogar an seinen alten Arbeitsplatz in der Klinik Wienebüttel zurückkehren. Da möchte man ihn gern behalten. Silvia Martin, sie leitet die Einrichtung, schätzt den Kollegen als „guten Mitarbeiter, der sich schnell integriert hat“. Er habe Deutsch gelernt, eine Wohnung in der Nähe gefunden. „Er ist herzlich willkommen, es wäre schade, wenn er gehen müsste.“ Sollte Alshami bleiben können, will sie ihn von Januar an unbefristet einstellen. Das geht aus seinem Arbeitsvertrag hervor.

Wie viele in der Branche beklagt auch sie, dass Pflegekräfte schwer zu finden seien: „Jemand Neues müssten wir erst einmal finden und dann aufwendig einarbeiten.“

Die Schreiben der Behörden scheinen widersprüchlich

Der 36-Jährige bringt für seine Hilfstätigkeit beste Voraussetzungen mit. Er legt ein Diplom aus Weißrussland vor, in dem ihm der Titel Doktor der Medizin verliehen wird. Sein Ziel ist es, besser Deutsch zu lernen, eben auch Fachbegriffe, um später einmal als Arzt arbeiten zu können. Doch der Weg dürfte steinig werden. Im Bürgeramt sagt Chefin Susanne Twesten, man habe die Rechtslage geprüft, die spreche eben nicht für Alshami. Auch das Fachkräftegesetz dürfte nach Einschätzung der Behörde nicht greifen. Sie empfiehlt ihm trotzdem, noch einmal mit seinem Sachbearbeiter zu sprechen: „Vielleicht findet man eine Lösung.“

Brennecke hofft für seinen Freund, dass die Abschiebung aufgehoben wird und er eine weitere Duldung erhält: „Die kann man alle halbe Jahr verlängern. Manche leben damit sehr lange in Deutschland.“ Alshami zeigt ein Schreiben der Ausländerbehörde, das billigt ihm eine „Erlaubnis zur Beschäftigung“ bis zum 2. Januar nächsten Jahres zu. Allerdings gilt seine Duldung nur bis zum 21. November. Auch das scheint widersprüchlich. Die Zeit drängt.

Von Carlo Eggeling