Dienstag , 22. September 2020
Eckhardt Fröhling ist Fachmann für Zwangsversteigerungen. Der Rechtspfleger zieht nach 41 Dienstjahren Bilanz: „In Lüneburg geht jede Immobilie weg.“ Foto: t&w

Unterm Hammer

Lüneburg. Wenn es gar nicht mehr läuft, zieht Eckhardt Fröhling den Schlussstrich: Zerstrittene Erben und Eheleute, die sich nicht einigen können, wem das Haus gehört, sitzen in einem der Säle des Amtsgerichts vor ihm. Aber auch Männer und Frauen, die sich mit dem Kauf ihres Eigenheims übernommen haben und Raten nicht mehr zahlen können. Die Bank greift irgendwann zur Reißleine, um wenigstens einen Teil des Kapitals retten zu können. Fröhling ist Rechtspfleger am Amtsgericht – oder besser: war. Denn der 65-Jährige geht in den Ruhestand. Immer wieder hat er Zwangsversteigerungen betrieben, einer seiner größten Fälle war im Sommer der Verkauf von rund 270 Wohnungen an der Wilhelm-Leuschner-Straße.

41 Jahre lang hat er an den Amtsgerichten Dannenberg und Lüneburg gearbeitet, seit sieben Jahren kennt er das Geschehen an der Ilmenau. In und rund um die Salzstadt schlägt er jede Immobile los: „Hatten wir damals Ergebnisse von 60, vielleicht 70 Prozent des Verkehrswertes, erreichen wir heute fast immer 100 Prozent und mehr.“ Bestes Beispiel ist der Deal von Kaltenmoor: Mit rund zehn Millionen Euro war der Klotz bewertet, die Investoren, die ihn übernahmen, gingen gleich mit einem Gebot von 17 Millionen an den Start.

Rund 50 Verfahren im Jahr

Die Erklärung liegt nahe: Die Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt ist immens, dazu kommt, dass es kaum Zinsen gibt, also investieren Anleger ihr Geld in Beton. „Zwangsversteigerungen nehmen nicht zu, wenn man auf den Durchschnitt blickt“, sagt der Justizrat. Aktuell betreibe das Amtsgericht rund 50 Verfahren im Jahr, die Hälfte betreffe die „Aufteilung der Gemeinschaft“, also Eheleute oder Erben, die den Rechtspfleger benötigen, um ihren Streit ums Häuschen zu beenden.

„Das Gericht holt ein Gutachten ein, man hat dann sozusagen einen neutralen Wert für das Grundstück“, erklärt Fröhling einen der Vorteile. „Auch spart man die Kosten beim Notar. Die Zuschlagsgebühr liegt niedriger.“

Angesichts des heißen Immobilienmarktes einigten sich Banken und Schuldner oftmals, und die Fälle landeten gar nicht vor Gericht. „Die lokalen Banken kennen den Markt, die haben dann Interessenten und vermitteln einen Käufer“, beschreibt der Rechtspfleger seine Erfahrungen. Auswärtige Geldhäuser wendeten sich eher ans Gericht

Wenn der Traum vom eigenen Haus zum Albtraum wird

Doch nicht überall geht selbst eine angegriffene Immobilie im ersten Anlauf weg. Je weiter man in den Osten kommt, desto schwieriger wird es: „Bleckede, Dahlenburg und vor allem das Amt Neuhaus, da will kaum einer hinziehen. Das wirkt sich natürlich auch auf den Preis aus.“ Allerdings habe er bislang alles verkaufen können – mit einer Ausnahme: In seiner Dannenberger Zeit wurde er eine Hütte in Schnackenburg an der Elbe nicht los, dem letzten Zipfel im Kreis Lüchow-Dannenberg und einem Ort, in dem es keinen Laden mehr gibt. Selbst das Hotel Göhrde habe er vor Jahren nach einer Handvoll Termine losschlagen können, wenn auch nur für einen Bruchteil des Verkehrswertes. Inzwischen ist das einst stolze Tor der Göhrde verfallen und in Teilen abgerissen.

Wenn er jetzt in den Ruhestand geht und sich unter anderem um die Ortschronik seines Geburtsortes Kovahl kümmern will, ist er sich sicher, dass seine Nachfolgerin und ihre Kollegen weiterhin zu tun haben werden. Einfach, weil sich immer wieder jemand übernehmen wird, und der Traum vom eigenen Haus zum Albtraum wird.

Von Carlo Eggeling

Hintergrund

Vielfältiger Job

Rechtspfleger sind für unterschiedliche Rechtsfragen zuständig: von Insolvenzverfahren bis Zwangsversteigerungen, für Betreuungs-, Grundbuch-, Register- und Nachlasssachen. Fragen des Landwirtschaftsrechts fallen ebenso in ihren Bereich wie Todeserklärungen und das Umsetzen einer Strafvollstreckung. Wer in den Job möchte, muss Abitur oder die Fachhochschulreife vorweisen können, die Ausbildung dauert drei Jahre. Studenten sind Beamte auf Widerruf und verdienen zurzeit brutto gut 1200 Euro im Monat, wer in den Landesdienst übernommen wird kann brutto – je nach Familienstand und Alter – mit mindestens 2700 Euro im Monat rechnen.