Samstag , 24. Oktober 2020
Sabine Wittkopf und Hendrik Harms, zweiter Vorsitzender des Vereins Lüneburger Streuobstwiesen, verkosten verschiedene Apfel- und Birnensorten. Foto: Philipp Schulze

Eine einzigartige Rarität

Bleckede. Die Frucht wirkt eher unscheinbar – nur eine Birne halt: Doch für Dr. Olaf Anderson ist die Esperine, die zu der Familie der Butterbirnen gehört, eine absolute Rarität. „Im Landkreis Lüneburg gibt es nachweislich nur noch einen einzigen Birnbaum, an dem die süßen, leicht nach Zimt schmeckenden Birnen wachsen“, erklärt der Vorsitzende des Vereins Lüneburger Streuobstwiesen. Und wo genau steht dieser Baum? „Das wird nicht verraten!“, sagt Anderson freundlich lächelnd.

Aus gutem Grund: Denn womöglich ist dieser Baum sogar der letzte seiner Art in ganz Deutschland. „Andere Standorte sind uns jedenfalls nicht bekannt“, räumt der Vorsitzende des Vereins Lüneburger Streuobstwiesen ein, der jetzt gemeinsam mit seinen Mitstreitern viel Wissenswertes über heimisches Obst, aber auch über Nutzen der Pflege von Streuobstwiesen zu berichten wusste – beim Apfelfest im Bleckeder Schlosshof.

Typische Sorten auf der Calvadoswiese

Der Ort für diese Veranstaltung hätte kaum besser gewählt sein können. Schließlich befindet sich im Umfeld des Schlosses neben einer Streuobst- auch die Calvadoswiese. „Während die Streuobstwiese zum Teil seltene Apfel- und Birnensorten beherbergt, befinden sich auf der Calvadoswiese typische französische Apfelsorten für die Herstellung von Cidre, beziehungsweise Calvados“, erklärt Antje Lütkemeier, zuständig für Marketing und Tourismus.

Überhaupt hat Bleckede eine alte Obstbautradition, von der allerdings heute kaum einer mehr weiß. Bereits im Jahr 1776 erhielt Pastor Jübar in der Pfarrstelle der Stadt Klötze im Altkreis in der Altmark Veredelungsreiser für Apfel und Birnen aus Bleckede. Apfelsorten wie „Pipirs“, „Calville Blecke“ oder „Calville rouge“ und Birnensorten mit Namen ‚„schöne Birne“, „große französische Winterbirne“ oder „Holländische Grüne“ aus Barskamp. Wer letztlich aber die Reiser in die Altmark schickte, wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben.

„Es ist aber anzunehmen, dass Bleckede wie viele Elbmarschgebiete entlang der Elbe bereits im 15. und 16. Jahrhundert Obstbau betrieb. Auf einem Kupferstich der Stadt Bleckede aus dem Jahr 1554 sind bereits Obstgärten vor der Stadt abgebildet. Es ist anzunehmen, dass das Obst teilweise über die Elbe nach Hamburg verkauft wurde“, weist Lütkemeier in einer Pressemitteilung hin und fügt hinzu: „Aus den Herrenhäuser Gärten in Hannover gab es ab 1750 zum Teil unentgeltliche Lieferungen von Obstbäumen in die Landdrostei Lüneburg und in die Winsener Marsch, gegebenenfalls auch nach Bleckede.“

Der exotische „Zitronenapfel“

An diese Tradition des Obstbaus entlang der Elbe will auch der Lüneburger Streuobstwiesen e.V. mit seinem Apfelfest im Elbschloss erinnern. Schließlich gibt es alleine im Landkreis Lüneburg 400 bis 500 verschiedene Apfelsorten“, weiß Sabine Wittkopf aus Neuhaus/Elbe, die ebenfalls Mitglied im Verein Streuobstwiesen ist. Dazu kommen mindestens 30 verschiedene Birnensorten – darunter auch die sehr selten gewordene Esperine – benannt nach dem belgischen Major Esperen.

Bei den Äpfeln stechen der „Neu Sühlbecker“ oder auch der „Neuhauser Zitronenapfel“ ins Auge – beides Sorten, die versierten Pomologen so erst einmal wenig sagen werden. „Das ist auch nicht verwunderlich“, klärt Olaf Anderson auf, denn beides sind nur ‚Arbeitsnamen‘.“ Den „Neu Sühlbecker“ zum Beispiel hat Anderson nahe der Bushaltestelle in Neu Sühlbeck entdeckt. Dort steht ein Apfelbaum, „hervorgegangen aus einem Zufalls-Sämling“, vermutet der Experte.

Wer noch mehr über alte Apfelsorten, Insektenschutz im Garten und den Bau von Insektenhotels erfahren möchte, hat dazu erneut Gelegenheit am Sonntag, 20. Oktober, beim 6. Neuhauser Apfelgenusstag. Und zwar in der Zeit von 11 bis 17 Uhr im Archezentrum, am Markt 5.

Von Klaus Reschke