Dienstag , 22. September 2020
Ingo Dannath (v.r.) hatte Robert in der Unfallnacht aus dem Autowrack gezogen. Fast drei Jahre später feiern sie beim Grillen mit der Feuerwehr ihr Wiedersehen. (Foto: t&w)

Tage aus dem Kopf gelöscht

Bienenbüttel/Lüneburg. Der letzte Tag in Roberts erstem Leben ist ein Freitag kurz vor Heiligabend. Robert hat Spätschicht an der Bar. Draußen ist es bereits stockdunkel, als er das Hotel verlässt und ins Auto steigt, um noch eben einen Freund zu besuchen. Ja, so ungefähr muss es gewesen sein. Ganz sicher weiß das niemand, erst recht nicht Robert. Denn der 9. Dezember 2016 wurde mit rund 700 weiteren Tagen zu großen Teilen aus seinem Kopf gelöscht. Als Robert mitten in der Nacht bei Grünhagen von der Bundesstraße 4 abkam und mit seinem Wagen gegen zwei Bäume prallte, da waren sie einfach weg: die letzten zwei Jahre seines ersten Lebens, die Erinnerungen an seine Hochzeit und die Ferien auf Rügen – ja, beinahe auch der Schlag seines Herzens.
Der erste Tag in Roberts zweitem Leben: Bomben fallen auf Ost-Aleppo, Donald Trump bereitet seine Amtsübernahme vor, Robert liegt an Schläuche gekettet in einem Hamburger Krankenhausbett. Wenn sie an diesen Anblick zurückdenkt, schießen Mutter Olga Uhlig Tränen in die Augen. „Die Ärzte sagten, dass kaum eine Chance besteht.“ Ihre Stimme versagt, Tochter Jessica reicht ihr ein Taschentuch und nickt: „Dass er sein Leben lang sabbernd in der Ecke sitzen und nichts mitkriegen wird, haben sie gemeint.“ Denn neben zahlreichen Knochenbrüchen erlitt der damals 26-Jährige ein schweres Schädel-Hirn-Trauma – der Grund für den Verlust seiner Erinnerungen.

„Als er aus dem Wachkoma kam, konnte er sich im Prinzip kaum etwas merken.“
Olga Uhlig. Mutter

Es folgten vier Monate im Wachkoma. Vier Monate, in denen Familie Uhlig niemand konkret sagen konnte, wie viel Robert wahrnimmt, ob er überhaupt noch etwas mitbekommt. An seinem 27. Geburtstag saßen die Eltern mit Kaffee und Kuchen an seinem Bett. Sie hielten ihm den Kaffeeduft unter die Nase und bestrichen seine Lippen mit Sahne. „Wir konnten im Krankenhaus an den Geräten sehen, dass er auf uns, beziehungsweise auf unsere Stimmen, reagierte“, erzählt Olga Uhlig. Eines Tages, als Vater Michael gerade wieder über seinen augenscheinlichen Schlaf wachte, zuckten Roberts Finger. Michael Uhlig stürmte weinend auf den Krankenhausflur, rief: „Er hat die Hand bewegt, er hat die Hand bewegt!“ Kleine Regungen, die große Hoffnungen weckten.

Tag 1008 in Roberts zweitem Leben: Union und SPD suchen Kompromisse beim Klimaschutz, der Südosten Spaniens hat mit heftigen Überschwemmungen zu kämpfen, Robert sitzt in einem Rollstuhl im Bienenbütteler Feuerwehrhaus. Er und seine Familie wollen sich bei den Menschen bedanken, die ihn vor fast drei Jahren aus dem Autowrack befreit haben. Ein Grillfest für die Kameraden. Ein Fest mit Robert, ganz ohne Schläuche und Sonden.

Während seine Familie in den schmerzhaften Erinnerungen wühlt, pickt Robert mit einer Gabel in seinem Krautsalat herum. Mit einem Mal greift er zum Smartphone und tippt drei Worte in die Suchleiste: „A Thousand Years.“ Sein Hochzeitssong. Den haben die Uhligs ihm im Krankenhaus manchmal vorgespielt. Auch, wenn die Erinnerung an das Fest bis auf wenige Schlaglichter verloren ist, das Lied soll im Koma etwas ihn ihm ausgelöst haben. Sein Puls ging in die Höhe.

„Er hat die Hand bewegt, er hat die Hand bewegt!“
Michael Uhlig, Vater

Seitdem ist viel passiert: „Als er aus dem Wachkoma kam, konnte er sich im Prinzip kaum etwas merken“, erzählt Olga Uhlig. Manchmal wusste Robert nachmittags nicht mehr, was es mittags zu Essen gab. Er begann eine stationäre Therapie, trainiert bis heute regelmäßig sein Gedächtnis. Inzwischen ist die Merkfähigkeit wieder vorhanden – mal mehr, mal weniger, je nach Tagesform, erklärt Olga Uhlig. Da prustet Robert unvermittelt los: „Wer seid ihr eigentlich?“ Erst irritiertes Schweigen, dann brüllendes Gelächter am ganzen Tisch.

Das Sprechen fällt Robert schwer. Meistens verlassen die Worte seinen Mund langsam und gedehnt, doch davon lässt er sich nicht aus dem Konzept bringen. Eines der ersten Worte in seinem zweiten Leben lautete „Mama“ – für Olga Uhlig das wertvollste „Mama“, das sie jemals gehört hat.

Roberts großes Ziel ist es, eines Tages wieder richtig laufen zu können. 100 Meter mit dem Rollator schafft er schon. Mit großer Anstrengung gelingt es dem 29-Jährigen inzwischen auch, seinen rechten Arm wieder fast voll auszustrecken. Durch Verletzungen der zuständigen Hirnregion und Verhärtungen im Gewebe verharrte der Arm monatelang im rechten Winkel. Darum macht Rechtshänder Robert heute alles mit links, das dauert natürlich. „Kaltes Essen ist er inzwischen gewohnt“, scherzt Olga Uhlig. Da muss auch ihr Sohn schmunzeln, er ist der einzige am Tisch, dessen Teller noch fast voll ist.

„Lachen ist die beste Medizin“, heißt es im Volksmund. Für die Uhligs ist der Spruch zum Lebensmotto geworden. Wenn Menschen sie auf der Straße schräg von der Seite anschauen, ihre besorgten Blicke am Rollstuhl kleben bleiben, dann lachen sie das einfach weg. „Wenn wir uns jetzt noch selbst bemitleiden, hilft das doch keinem“, sagt Michael Uhlig. Er und seine Frau haben Roberts Geschichte vom ersten Tag an dokumentiert. Was zunächst für die Krankenkasse gedacht war, ist inzwischen als Online-Tagebuch unter dem Titel „Kopf Reha“ im Netz zu finden.
Ingo Dannath hat die Berichte gelesen. Der Feuerwehrmann war in der Unfallnacht in den völlig zerstörten Wagen geklettert, um Robert ins Freie zu hieven. Als er kurz darauf zusah, wie der Rettungswagen mit Blaulicht in der Dunkelheit verschwand, überkam ihn ein mulmiges Gefühl. Was wird wohl aus dem jungen Mann werden, fragte sich Dannath. „Da tat es dann schon gut, das Tagebuch zu lesen.“

Dass sich jemand mit einer Einladung zum Grillen bedankt, das ist bei der Bienenbütteler Feuerwehr noch nie passiert – zumindest nicht in den 20 Jahren, die Carsten Buhr schon dabei ist. Hin und wieder schreibt mal jemand eine Postkarte oder einen Eintrag ins Gästebuch. „Man erwartet das nicht, aber schön ist‘s, wenn es doch passiert“, sagt der Ortsbrandmeister. Bei aller Professionalität: „Man nimmt das schon auch mit nach Hause.“ Die Bilder, die Sorgen, die Fragen, auf die es für die Einsatzkräfte oft keine Antworten gibt.

Nach 532 Tagen in Krankenhäusern und Rehakliniken steht Robert im Mai 2018 die Heimreise nach Lüneburg bevor. Die neue EU-Datenschutz-Verordnung tritt an diesem Tag in Kraft, Russland äußert sich zum Vorwurf des systematischen Dopings, Robert kehrt zurück zu seiner Frau, in ihre Wohnung im dritten Stock.

Die Uhligs schleppen Robert ein halbes Jahr lang mit einem Reiserolli die Treppe hoch und runter. Dann kaufen sie einen Treppensteiger, eine Art Sackkarre. Doch die Stufen bleiben eine Zumutung. „Es ist leider in Lüneburg keine Wohnung für die beiden zu finden“, bedauert Olga Uhlig. Barrierefreier Wohnraum sei zwar durchaus vorhanden, aber nicht bezahlbar. „Welcher Mensch mit einer solchen Behinderung kann Vollzeit arbeiten und 1000 Euro Wohnungsmiete zahlen“, fragt sich Michael Uhlig.

Vor anderthalb Jahren hatten die Eltern schließlich die Nase voll. Spontan entschieden sie, selbst zu bauen – und zwar in großem Stil. In Artlenburg, im Neubaugebiet Storchenwiese, entsteht derzeit ein Haus für ältere und beeinträchtigte Menschen mit 13 barrierefreien Wohnungen zu einem Quadratmeterpreis von 5,10 Euro. Das Ehepaar Uhlig will jetzt Vorreiter in Sachen Inklusion werden. „Die Menschen sollen nicht abgeschoben werden“, sagen sie.

Der Tag, an dem Robert und seine Frau ihre Wohnung in Art­lenburg beziehen werden, liegt also in naher Zukunft. Sie haben zusammen Rückschritte verkraftet und Erfolge gefeiert, wie sie überall auf der Erde passieren. Robert hat in den zurückliegenden Jahren viele Nachrichten zum Weltgeschehen verpasst, er hat für seine eigene Geschichte gekämpft. Wenn der Rollstuhl im Keller steht, ist es eine mit Happy End.

Ersthelfer gesucht

Aufruf der Familie

Familie Uhlig möchte sich bei noch einer weiteren Person bedanken. Sie geht davon aus, dass eine Frau damals den Unfall auf der B4, zwischen Grünhagen und Bienenbüttel, gemeldet und bis zum Eintreffen der Helfer am Unfallort ausgeharrt hat. Möglicherweise gibt es auch Zeugen, die den Unfallhergang beobachtet haben.

Michael und Olga Uhlig verweisen für eine Kontaktaufnahme auf ihren Internetauftritt, die Adresse lautet www.kopf-reha.de.

Von Anna Petersen