Dienstag , 11. August 2020
Über den Haupteingang des Krankenhauses ist bald auch die Notfallpraxis zu erreichen, die noch an der Jägerstraße sitzt. (Foto: A/t&w)

Hoffen auf Entlastung

Lüneburg. Klinikum-Chef Dr. Michael Moormann ist davon überzeugt, dass der größte Schritt für die Patientenversorgung dann getan ist, wenn der ärztliche Bereitschaftsdienst seine Praxisräume an der Jägerstraße verlässt und in den Erweiterungsbau umzieht. Das geschieht in zehn Tagen. Ab Montag, 14. Oktober, bildet der Eingangsbereich des Lüneburger Krankenhauses die zentrale Anlaufstelle. An der Tür entscheidet der Patient, ob er nach rechts abbiegt und die Zentrale Notaufnahme ansteuert, oder ob es reicht, wenn er von einem niedergelassenen Arzt begutachtet wird. Der Bereitschaftsdienst, dessen Träger die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) ist, wird dann links von der Eingangshalle zu finden sein.

Mit dem Umzug sollen die ambulante und die stationäre Notfallversorgung besser verzahnt, die Wege für die Patienten verkürzt werden. Auch hofft Dr. Jörg Cramer, Ärztlicher Direktor des Klinikums, dass die stark frequentierte Notaufnahme etwas entlastet wird. 45 000 Patienten werden dort im Jahr behandelt, Tendenz steigend. „Wir beobachten hier oftmals ganz ungeordnete Patienten, die sich in Not sehen. Uns fehlte ein Partner, der sich den nicht ganz so akut zu behandelnden Fällen annimmt.“

Notfallzentren nach dem Ein-Tresen-Prinzip

Cramer kann sich vorstellen, dass die räumliche Nähe eines Tages vielleicht auch mal dazu führt, dass Patienten gemeinsam gesichtet werden. Dafür fehlen momentan noch entsprechende gesetzliche Voraussetzungen. „Gäbe es diese, wäre der Umzug die Vorstufe zu den Integrierten Notfallzentren“, sagt er. „Dabei handelt es sich um den politischen Wunsch von Gesundheitsminister Spahn. Ob sich dieser mal verwirklichen wird, ist momentan offen.“ Wie berichtet, sollen diese Notfallzentren nach dem Ein-Tresen-Prinzip funktionieren und gemeinsam von Krankenhäusern und den Kassenärztlichen Vereinigungen errichtet und betrieben werden.

Für Dr. Kin Arno Bohr sind die neuen Räumlichkeiten der „lang ersehnte Abschluss“ einer Entwicklung, die knapp zwei Jahrzehnte zurückreicht. Denn schon als die Notfallpraxis in Lüneburg eingerichtet wurde, sei man sich einig gewesen, „dass es fachlich das Beste wäre, das im Klinikum zu machen“, sagt der KVN-Kreisstellensprecher, der in Lüneburg als Neurologe und Psychiater arbeitet. „Nur war das baulich und finanziell nicht ohne Weiteres möglich. Jetzt kommt die Praxis endlich dahin, wo sie hingehört.“ Obwohl viel Zeit verstrichen ist, ist Bohr der Meinung, dass der Umzug zur richtigen Zeit kommt. „Damals war der Patientenandrang längst noch nicht so groß. Heute überrollen uns die Zahlen.“ In der Praxis an der Jägerstraße wurden 2018 beispielsweise 24 000 Kinder und Erwachsene behandelt. Eine Straffung in der Organisation sei auch angesichts dieser Entwicklung nötig, sagt der Mediziner.

Einteilung nach der Schwere der Verletzungen

Weil in Deutschland die freie Arztwahl gilt, obliegt es in erster Linie dem Patienten zu entscheiden, wie akut seine Erkrankung ist. „Wir können ihn nicht an der Tür empfangen und entscheiden, ob er nach links oder rechts soll“, verdeutlicht Moormann, der aber von einer „Triage“ spricht, also der Einteilung nach der Schwere der Verletzungen. „Benötigt ein Patient ein Röntgenbild, gehört er in die Notaufnahme. Hat er aber Ohrenschmerzen, gehört er zunächst in die kassenärztliche Versorgung.“

Im Zusammenhang mit der Aussage, dass niemand weggeschickt wird, macht der Geschäftsführer des Klinikums deutlich, dass Wartezeit nun mal dazu gehöre. „Wenn ich mich in ein Notfall-Setting begebe und glaube, einer stationären Aufnahme zu bedürfen, dann muss die Erkrankung so schlimm sein, dass ich auch bereit bin zu warten.“ Die Hoffnung, dass der Umzug die Wartezeit generell verkürzt, möchte Moormann gar nicht erst aufkeimen lassen. „Es wird gern vergessen, dass sich da eine überfüllte Notaufnahme mit einer überfüllten Bereitschaftsdienstpraxis zusammentut.“

Der Anspruch der Patienten steige seit Jahren, es werde erwartet, dass das Personal das Problem innerhalb kürzester Zeit löst, sagt er. „Das funktioniert in der Medizin nicht. Der kränkste Patient erhält die schnellste Versorgung.“ Jörg Cramer schätzt, dass ein Drittel bis ein Viertel der Patienten, die mit ihrem Anliegen das Klinikum aufsuchen, nur leicht erkrankt sind, stattdessen also die vertragsärztliche Ambulanz aufsuchen könnten. „Das wird sich hoffentlich einspielen.“

Bereitschaftsdienst

Diese Zeiten gelten bald

Ab dem 14. Oktober ist der allgemeine Bereitschaftsdienst zu den folgenden Zeiten im Klinikum anzutreffen:

  • montags, dienstags, donnerstags: 19 bis 21 Uhr
  • mittwochs, freitags: 17 bis 20 Uhr
  • sonnabends, sonntags, feiertags: 9 bis 13 Uhr, 17 bis 20 Uhr

Beim kinderärztlichen Bereitschaftsdienst gelten diese Zeiten:

  • montags, dienstags, donnerstags: 20 bis 22 Uhr
  • mittwochs, freitags: 16 bis 22 Uhr
  • sonnabends, sonntags, feiertags: 10 bis 20 Uhr Bereitschaftsdienst

Von Anna Paarmann