Gewalt in der Partnerschaft und in der eigenen Familie ist in Lüneburg keine Ausnahme. (Foto: Adobe Stock)

Tatort Familie

Lüneburg. Im Polizeibericht ist alle paar Tage eine Notiz zur sogenannten häuslichen Gewalt zu finden. Meist sind es Männer, die auf ihre Partnerin losgehen, wie jetzt am Sonntagabend in Bleckede, wo ein 36-Jähriger seine vier Jahre jüngere Frau im Beisein der gemeinsamen Kinder geschlagen haben soll. Zwar werden auch Frauen zu Täterinnen, aber Männer suchen sich nach der Erfahrung von Beratungsstellen seltener Hilfe oder melden sich bei der Polizei. Doch warum schlägt jemand zu? Und welche Chancen bestehen, dass es nicht wieder passiert? Albrecht von Bülow beschäftigt sich seit gut zehn Jahren mit dem Thema, er versucht, in Seminaren mit Gewalttätern Wege aus der Aggression zu finden. Der Sozialarbeiter und Therapeut hat nun auch ein Buch veröffentlicht: „Häusliche Gewalt, Trauma und Prävention“.

Jüngere werden öfter zum Opfer

Wie verbreitet Gewalt ist, belegt von Bülow mit Untersuchungen. Eine stammt vom Landeskriminalamt in Hannover. Die sogenannte Dunkelfeldstudie von 2013 bezieht sich auf die Angaben von mehr als 14 200 Befragten. Knapp acht Prozent berichteten davon, Gewalt erlebt zu haben, bei den Frauen lag der Anteil bei 9,4 Prozent, unter Männern bei gut sechs Prozent. Die Hälfte schilderte Formen psychischer Verletzungen wie Lächerlichmachen und Demütigungen. Offenbar spielt das Alter eine Rolle: Knapp 20 Prozent der 14- bis 29-Jährigen wurden in einer Partnerschaft zum Opfer, bei den über 60-Jährigen waren es 4,4 Prozent. Nur gut jeder Zehnte wendet sich nach körperlicher Gewalt an die Polizei.

Ein Ergebnis verschiedener Studien: Wer einen geringeren Bildungsabschluss hat, schlägt eher zu oder wird eher zum Opfer. Ein Erklärungsansatz: Die Täter haben in ihren Familien selbst Gewalt erlebt, leben das Muster sozusagen fort. Gleichwohl schlagen auch Täter aus „höheren Schichten“ zu, weiß von Bülow. Der Grund scheint ähnlich zu sein: Sie fühlen sich ihrer Partnerin unterlegen, weil die vielleicht mehr Erfolg hat.

„Es ist ein schichtenübergreifendes Problem“, bilanziert von Bülow. „Wer arm ist, hat auch ein höheres Risiko zu erkranken, er ernährt sich zumeist schlechter, lebt in engen Wohnverhältnissen. Aber Gewalt spielt sich auch in anderen Kreisen ab. Wer allerdings mehr Geld hat, kann auch eher Rechtsmittel einlegen oder sucht sich anders Hilfe. Ein Beispiel: Wer nimmt eher Psychotherapie in Anspruch? Menschen aus der Mittelschicht.“

Beratungsstellen fordern höhere Zuschüsse

Die Polizei meldet von Bülow und der Beratungsstelle Fälle häuslicher Gewalt. Mit den mutmaßlichen Tätern soll er Strategien entwickeln, Konflikte nicht eskalieren zu lassen – wenn sie wollen. „Ich schreibe die Betroffenen an, um ins Gespräch zu kommen“, schildert der Sozialarbeiter. „Ich würde sie gern anrufen, doch das schaffe ich nicht.“ Denn die Lüneburger Kollegen sind wie auch die anderen zehn Beratungsstellen in Niedersachsen aus Sicht der Sozialarbeiter chronisch unterfinanziert. Hannover gewähre einen finanziellen Zuschuss von 20 000 Euro im Jahr, gebraucht würden 70 000.

Von Bülow greift in seinem Buch verschiedene Beispiele aus seiner Praxis auf. Die positive Nachricht: Verhalten ist änderbar, mancher schafft es, einem Streit aus dem Weg zu gehen oder ihn eben nicht eskalieren zu lassen. Der Wermutstropfen: Mancher muss lange Wege auf sich nehmen, um an den Sitzungen der Gruppe und therapeutischen Gesprächs teilzunehmen: „Das ist für manchen finanziell schwer zu leisten, wenn er Hartz  IV bezieht. Zumal er auch bei uns einen finanziellen Beitrag leisten muss.“ Der Wunsch: Hilfsangebote sollten besser bezuschusst werden wie etwa in der Drogen- und Alkoholberatung. Langfristig würde die Gesellschaft so Geld sparen, denn Gewalt ist teuer: Jugend- und Sozialämter müssen sich um auseinanderbrechende Familien kümmern, eben das kostet.

Der 59-Jährige weiß, dass er eher ein Fachbuch geschrieben hat. Trotzdem hat er bereits Rückmeldungen von Betroffenen erhalten, die eben wegen des Buches den Weg in die Beratung gefunden haben. Das mache Hoffnung.

Albrecht von Bülow: Häusliche Gewalt, Trauma und Prävention“, 7,99 Euro.

Von Carlo Eggeling