Donnerstag , 24. September 2020
Schutzstreifen für Radfahrer wie hier am Oedemer Weg sind nicht überall realisierbar. (Foto: A/t&w)

Visionen und Probleme

Lüneburg. Der Weg zur fahrradfreundlichen Kommune ist lang und beschwerlich. Das wurde am Mittwoch im Gesellschaftshaus der Psychiatrischen Klinik Lüneburg anlässlich der Fachtagung „Fahrradland Niedersachsen/Bremen“ deutlich. Allgemeiner Grundtenor: Es gibt noch viel zu tun. Aber auch Anreize.

Einiges sei schon gut, anderes noch nicht ganz, räumte Dr. Carla Eickmann vor den etwa 150 Gästen ein, die auf Einladung der Bundesländer Niedersachsen und Bremen und der Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundlicher Kommunen Niedersachsen/Bremen gekommen waren. Die Mitarbeiterin aus dem Niedersächsischen Verkehrsministerium bezog sich damit auf die Ergebnisse eines Gutachterentwurfs zum Fahrradmobilitätskonzept, das von der Landesregierung noch in der vorangegangenen Legislaturperiode in Auftrag gegeben worden war und von den Kommunen wegen damit verbundener Fördermöglichkeiten mit Inte­resse verfolgt wird.

Radfahren als gleichwertige Verkehrsart

„Wir sind Spitze im Fahrrad-Tourismus, noch nicht so gut in der Kommunikation und schlecht in der Verknüpfung unserer Fahrradwege“, war eines der Ergebnisse, die Eickmann aus dem Gutachten zog, das sich auf eine landesweite Befragung von Kommunen stützt.

Wie und was verbessert werden müsse, wurde in Form von Visionen skizziert: So soll Radfahren als gleichwertige Verkehrsart wahrgenommen werden, Radfahrer brauchten zudem „gute Bedingungen für alle und überall“ und es soll das „Vision Zero“-Ziel angesteuert werden, also die komplette Vermeidung von Radverkehrstoten und -verletzten. Insgesamt soll gelten: Radfahren ist „gut für alle“.

Die meisten Straßen sind zu schmal

Daraus abgeleitet habe es an die hundert Maßnahmenvorschläge gegeben, wie Eickmann berichtete, von denen „nicht alle 1:1 umgesetzt werden.“ Besonders im Fokus sei der Ausbau landesweiter Radschnellwege. Für Kommunen, die sich daran andocken wollen, stünden Fördermittel bereit, 75 Prozent der Kosten werde das Land übernehmen. Einzige Voraussetzung: Interessierte Kommunen müssen eine Machbarkeitsstudie vorlegen.

Bis 2025 sollen die meisten Maßnahmen umgesetzt sein, kündigte die Ministerialbeamtin an. Erste Schritte seien bereits eingeleitet, auch gebe es mit Eike Lengemann einen neuen Ansprechpartner für Radverkehr. Gleichwohl benötige man weiterhin wissenschaftliche Expertise, man hoffe deshalb, vom Bund angekündigte Stiftungsprofessuren nach Niedersachsen holen zu können.

Zugleich soll aber auch das bestehende Netz erhalten und saniert werden. Dazu wurde der Etat auf zehn Millionen Euro verdoppelt. In ähnlicher Größenordnung würden Mittel für den Neubau von Radverkehrsanlagen bereitstehen.

Widersprüchliche Vorgaben

Die konkreten Probleme auf der Straße nahmen Nina Bade und Silke Baehr von der Niedersächsischen Landesstraßenbaubehörde in den Blick. Oft zeige sich, dass Vorgaben aus der Straßenverkehrsordnung sich bisweilen widersprächen, etwa bei Abstandspflichten von Radler überholenden Autos. Hinzu komme, dass 70 Prozent der Straßen eine Breite zwischen 5,50 und 7 Metern haben, „zu schmal, um einen Schutzstreifen aufzubringen“, wie Nina Bade erläuterte. Deshalb müsse nach alternativen Befahrmöglichkeiten gesucht werden, „denn natürlich will keiner ein Haus abreißen“.

Dass Kommunen dennoch fahrradfreundlich sein können, haben die Städte Emden, Göttingen, Nordhorn und Hemmingen und der Regionalverband Großraum Braunschweig bewiesen. Sie wurden als „fahrradfreundliche Kommune“ ausgezeichnet und dürfen diesen Titel nun für fünf Jahre führen. Lüneburg ging leer aus, was aber daran lag, dass die Stadt sich nicht habe zertifizieren lassen, wie Eike Lengemann am Rande erläuterte.

Radwege in Niedersachsen

Kommunen sind vorn

Niedersachsen hat insgesamt knapp 13 800 km Radwege. Die meisten befinden sich in Kommunen, gefolgt von Radwegen an Landstraßen. Für touristische Zwecke gibt es bereits 40 Radrouten und zwei Mountainbike-Wegenetze. Außerdem existieren zwei Radschnellwege (Göttingen, Osnabrück). In den Ballungsräumen Wolfsburg/Braunschweig/Salzgitter, Göttingen, Hannover, Osnabrück sowie im Hamburger und Bremer Umland sind weitere Projekte in Planung.

Von Ulf Stüwe