Professor Johanna Groß berichtet, dass sich ihrer Studie zufolge viele Mitarbeiter in Kommunen von Kunden bedroht fühlen. (Foto: t&w)

Drohungen und Gewalt sind Alltag in den Behörden

Lüneburg. Wer in kommunalen Behörden arbeitet, braucht ein stabiles Nervenkostüm. Ein Drittel der Mitarbeiter in einigen Bereichen ist durchschnittlich einmal die Woche verbalen Aggressionen ausgesetzt, die Hälfte der Kollegen zumindest einmal im Monat. Das ergibt sich aus einer Befragung des Niedersächischen Studieninstituts an der Kommunalen Hochschule für Verwaltung im Auftrag des Niedersächischen Städtetages in Rathäusern zwischen Harz und Heide. Sie melden „Kunden“, die im Eingang oder in Büros Bilder von den Wänden reißen, Türen knallen und Schreibtische abräumen.

Oftmals ist Alkohol im Spiel

Am Mittwoch stellte Prof. Dr. Johanna Groß die Untersuchung bei der Tagung des Städtetages in der Lüneburger Universität mit rund 400 Teilnehmern vor. Im kommunalen Spitzenverband haben sich 121 Städten und Gemeinden zusammengeschlossen. An deren Hauptverwaltungsbeamte hatte die Wissenschaftlerin ihren Fragenkatalog geschickt und um eine Einschätzung gebeten, 84 nahmen teil. Auch wenn die Befragung vor allem Schlaglichter wirft, zeigt sie ein Bild. In 90 Prozent der befragten Verwaltungen kam es bereits zu Randale, in 30 Prozent der Fälle passiert das mindestens einmal im Monat. Oftmals ist Alkohol im Spiel, ein Fünftel der Mitarbeiter hat durchschnittlich einmal die Woche einen Betrunken vor sich sitzen.

Getreten, angerempelt, beworfen, mit Reizgas besprüht

Es bleibt nicht nur beim Schreien und Pöbeln. In 60 Prozent der Fälle wurden Kollegen massiv bedroht, auch mit dem Tod; in 40 Prozent der Fälle bereits körperlich angegriffen: getreten, angerempelt, beworfen, mit Reizgas besprüht.

Auch die Verwaltungschefs selber sind von diesem Verhalten betroffen, mehr als ein Drittel wurde bedroht. Dabei kommt Internetplattformen eine herausragende Funktion zu. Dort verlieren Kommentatoren oftmals jegliches Maß.

Geringe Frustrationstoleranz

Die Verwaltungschefs gehen nur in Einzelfällen davon aus, dass die Ursache der Attacken in ihren Mitarbeitern begründet ist, etwa wegen Unfreundlichkeit. Eher sehen sie die Gründe bei den Kunden. Stichworte sind „geringe Frustrationstoleranz, problematische Einstellungen und falsche Erwartungen“ an die Ämter. Das treffe nicht nur die Kommunen, sagt Johanna Groß, sondern eben auch Arbeitsverwaltung und Finanzämter. Das wisse man aus anderen Studien.

Der Präsident des Städtetages und Lüneburger Oberbürgermeister Ulich Mädge fordert: „Solche Straftaten müssen mit allen Instrumenten des Rechtsstaates konsequent verfolgt werden. Unsere Sicherheitsbehörden müssen gleichzeitig personell und finanziell entsprechend ausgestattet sein.“ Jede Straftat sollte angezeigt werden. „Es geht im sozialen Bereich, bei der Agentur für Arbeit und in den Notaufnahmen von Krankenhäusern nicht mehr ohne Sicherheitsdienste.“ Der Städtetag will nun eine entsprechende Resolution an die Landesregierung richten.

Von Carlo Eggeling