Das lange Warten auf den Bus am Bahnhof: Viele Schüler der IGS sind nun viel später zu Hause als vorher, manche mehr als eine Stunde. (Foto: t&w)

Nervige Warterei

Lüneburg. Es geht um zehn Minuten. Scheinbar eine Lappalie, doch diese zehn Minuten dehnen sich regelmäßig aus bis zu einer Stunde und sogar noch länger. Das nervt die Betroffenen, mehr als 100 Schüler der Inte­grierten Gesamtschule (IGS) Lüneburg und deren Eltern. Denn für sie werden die ursächlichen zehn Minuten mehrmals pro Woche zum echten Zeitfresser.
Die IGS hatte zum Beginn des Schuljahres ihre Unterrichtszeiten verändert. Der kommissarische Schulleiter Martin Meier-Schütze nennt den Hintergrund: „Es gab vorher unterschiedlich lange Blöcke in den Sekundarstufen I und II, einmal 80 und einmal 90 Minuten lang. Das führte dazu, dass zum Beispiel der Einsatz der Lehrer nicht einfach war. Deshalb haben wir auf einheitliche 90-Minuten-Blöcke umgestellt. Das hat zur Folge, dass wir nun morgens 10 Minuten später beginnen und entsprechend mittags zehn Minuten später enden, jetzt also um 13.20 Uhr statt wie bisher 13.10 Uhr.“

Für viele Schüler kein Problem, manch einer freut sich sogar, dass er morgens nun ein klein wenig länger schlafen kann. Hannah Riesche kann sich nicht nochmal umdrehen und ein paar Minuten weiterschlummern. Denn die Siebtklässlerin wohnt in Vögelsen, und der Bus, mit dem sie zur Schule kommt, fährt zur selben Zeit wie bisher. Morgens ist das für sie auch absolut in Ordnung, allerdings hat sie mit dem späteren Schulschluss nun ein Problem: Nach der 6. Stunde verpasst sie stets den Anschlussbus nach Vögelsen und muss am Zentralen Omnibus-Bahnhof (ZOB) eine Stunde auf den nächsten Bus warten.

Langeweile, quatschen oder Geld ausgeben

Damit ist sie nicht allein. Auch Maia und Mieke aus Bardowick sind nun deutlich später zu Hause als üblich, weil sie bisherige Verbindungen verpassen. Die Umstellung hat Folgen für viele IGS-Schüler aus dem Landkreis, speziell die 24 aus Vögelsen, die 45 Kinder aus Bardowick, die 28 aus Radbruch und die 6 Schüler aus Mechtersen, die allesamt ein ganz ähnliches Problem haben.

Die Wartezeit muss Hannah jetzt dreimal pro Woche in Kauf nehmen. Zeit, in der sie mit Freundinnen quatscht oder auch mal in die Stadt geht – und Geld ausgibt. „Dadurch wird das Ganze auch noch teurer“, sagt ihre Mutter Anika Riesche. Auch viele anderen Schüler und deren Eltern ärgern sich über die verplemperte Zeit, in der sich die Kinder mit Warten langweilen. Denn die meisten Eltern müssen arbeiten, können ihre Kinder nicht selbst abholen, was zudem auch zu mehr Verkehr im Umfeld der Schule führen würde.

„Ich habe in der Angelegenheit mehrere E-Mails an den Landkreis geschrieben, aber nicht mal eine Antwort erhalten.“
Anja Riesche, Mutter einer Schülerin

Der Ärger ist auch deshalb so groß, weil die IGS ihre Umstellung lange vorher dem Landkreis angekündigt hat. Meier-Schütze erläutert: „Wir können als Schule ja nicht direkt mit der KVG wegen Busverbindungen sprechen. Das ist Aufgabe des Landkreises, dem wir das aber schon 2017 mitgeteilt haben.“ Passiert ist trotzdem nichts. Er habe dem Kreis auch deutlich gemacht, dass die IGS gar nicht zwingend auf das Zeitfenster 8 bis 13.20 Uhr bestehe, auch wenn zum Beispiel das Johanneum ganz in der Nähe exakt diese Unterrichtszeiten habe, auch 7.50 bis 13.10 Uhr zum Beispiel wäre machbar, sagt Meier-Schütze, „wichtig ist für uns der 90-Minuten-Block“. Doch der Kreis sei darauf nicht eingegangen.

Gerade das ärgert viele Eltern. Kai Hermann aus Vögelsen, Vater eines Zehntklässlers der IGS, schimpft: „Ich halte es für ein Unding, dass diese Problematik seit zwei Jahren beim Landkreis anscheinend vor sich hergeschoben wird.“ Für die Radbrucher Kinder hat stellvertretend Mutter Wiebke Nagel ein Schreiben an den Landkreis verfasst und eine Verbesserung gefordert. Und Anika Riesche sagt: „Ich habe in der Angelegenheit mehrere E-Mails an den Landkreis geschrieben, auf das Problem aufmerksam und auch Lösungsvorschläge gemacht, aber nicht mal eine Antwort erhalten.“ Sie hat sich deshalb an Vögelsens Bürgermeisterin Silke Rogge gewandt, die eine Verbesserung mit dem neuen Fahrplan im Dezember in Aussicht stellte. Meier-Schütze sagt: „Mir hat der Kreis eine Verbesserung nach den Herbstferien angekündigt.“

Landkreis verweist auf komplexes Liniensystem

Für den Landkreis sagt dessen Pressesprecherin Urte Modlich: „Die Tatsache, dass Schüler nach den geänderten Unterrichtszeiten der IGS lange auf ihren Bus warten müssen, ist für die Betroffenen sicherlich sehr ärgerlich. Das Problem ist allerdings, dass eine Umplanung der Busverbindungen systembedingt äußerst schwierig ist – jede noch so kleine Änderung hat weit verzweigte Auswirkungen. Zentral bei allen Planungen ist beispielsweise, dass vom Bahnhof Lüneburg Anschluss an den Metronom bestehen muss. Fahren nun Busse später los, können diese Verbindungen, die für viele Fahrgäste sehr wichtig sind, nicht mehr gewährleistet werden.“

Dennoch könnte sich die Situation tatsächlich verbessern. Modlich: „Wir prüfen derzeit die entsprechenden Buslinien und versuchen, Linienverbindungen ab der IGS im Fahrplan so zu verändern, dass Anschlüsse am ZOB noch erreicht werden. Alternativ müsste das bestehende Angebot erweitert werden.“

Von Alexander Hempelmann