Donnerstag , 29. Oktober 2020
Karin Großheim (links) und Anja Fechner-Schwarz wurde Krebs diagnostiziert. Die Krankheit sollte kein Tabu-Thema sein, finden sie. Darum sprachen sie am Dienstag in der Bienenbütteler Markthalle vor Publikum über ihre Erfahrungen. (Foto: t&w)

Lachen und weinen mit Herrn Lehmann

Bienenbüttel. Als Herr Lehmann in Karin Großheims Leben trat, sollte sich für sie erst einmal gar nichts ändern – zumindest behauptete das ihr Arzt: „Keine Sorge, alles ist gut, aber Sie haben Krebs“, teilte ihr der junge Mann im weißen Kittel mit, da hatte er gerade einen großflächigen Tumor in ihrer Blase festgestellt. „Ihr Leben muss sich aber gar nicht ändern.“

Tat es aber. Denn Herr Lehmann, wie Karin Großheim den Krebs in ihrem Körper fortan nannte, zwang sie zunächst für neun Stunden in den OP-Saal: Die Blase wurde entnommen, mit Dünn- und Dickdarm eine neue geformt. „Neoblase“ heißt das im Fachjargon. Doch dabei blieb es nicht: Wenige Monate später nistete sich Herr Lehmann in ihrem Becken ein, musste mit einer Chemotherapie behandelt und bestrahlt werden. Übelkeit, Müdigkeit, besorgte Blicke von links und rechts: Ja, Herr Lehmann hat einiges verändert in Karin Großheims Leben – aber genommen hat er es ihr nicht.

„Je mehr man über die Krankheit redet, desto kleiner wird die Angst.“ – Anja Fechner-Schwarz

Sechs Jahre später sitzt die 59-Jährige in der Bienenbütteler Markthalle und erzählt im „Dorfgespräch“ von ihrer Krankheit. Das Skifahren hat sie aufgegeben, weil ihre Beine mit dem Lymphödem, einer Folgeerscheinung der Krebsbehandlung, nicht mehr in die Stiefel passen, das Joggen auch – und doch lächelt sie, während sie auf dem Podium sitzt und an ihrer Weißweinschorle nippt. Neben ihr Anja Fechner-Schwarz. Auch sie hat vor 17 Jahren die Diagnose Krebs gestellt bekommen, Brustkrebs. „Damals habe ich das immer als großes Tabu-Thema empfunden“, erzählt sie. Doch je mehr man über die Krankheit rede, desto kleiner werde die Angst. Darum sprechen die beiden Frauen am vergangenen Dienstagabend vor Publikum – um dem Krebs ein Gesicht zu geben, das mehr ausstrahlt als nur die Angst vor dem Tod.

Weit entfernt von ihrer Lebenswirklichkeit

Denn genau diese Angst war es, die Anja Fechner-Schwarz überkam, als man ihr im Krankenhaus von dem bösartigen Tumor in ihrer Brust erzählte. „Ich muss sterben, ich muss sterben“, schluchzte sie ihrem Mann wenige Minuten später durch den Telefonhörer ins Ohr. Dass man an Brustkrebs zwar sterben kann, aber nicht zwangsläufig muss, sei ihr gar nicht in den Sinn gekommen. So weit entfernt von ihrer Lebenswirklichkeit sei das Thema bis zu diesem Tag gewesen.

„Wenn ich eine zweite Meinung kriege, dann brauche ich auch eine dritte.“ – Karin Großheim

Die Wochen darauf habe sie „wie unter einer Glocke“ erlebt: Anja Fechner-Schwarz tat, was man ihr sagte, vertraute voll und ganz auf die Experten im Hamburger Brustzentrum. Auf eine zweite Meinung verzichteten beide Frauen. „Wenn ich eine zweite Meinung kriege, brauche ich auch eine dritte“, erklärt Karin Großheim, dafür habe sie aber weder die Kraft noch die Zeit gehabt.

Zu Hause recherchierte sie im Internet. Ein Fehler? Nicht unbedingt, vermeldet Dr. Ursula Scholz vom Brustzentrum in der Asklepios Klinik Barmbek aus dem Publikum. Oft könnte das verteufelte Netz Betroffenen helfen, ihre Krankheit besser zu verstehen, wenn die Schilderungen der Ärzte im ersten Moment überfordernd wirkten. Und das täten sie oft. Nur Foren sollten besser gemieden werden, rät die Expertin, da dort vor allem Horror-Geschichten geteilt würden.

Ursula Scholz hat in ihrem Leben schon viele Frauen behandelt, weiß daher, dass ihre Sorgen häufig weit über das bloße Überleben hinaus gehen. „Gerade junge Patientinnen verlieren oft ihren Arbeitsplatz“, stellt Scholz immer wieder mit Bedauern fest, und auch manche Beziehung zerbreche an der Krankheit – nicht zuletzt, weil viele Frauen nach der Behandlung erst einmal wieder lernen müssten, ihren Körper selbst zu akzeptieren. Sie rät den Partnern dazu, entsprechende Beratungsangebote wahrzunehmen. „Ich bin lange Zeit auch zu einem Coach gegangen, der mir geholfen hat, damit umzugehen“, verrät die Ärztin.

Ohne ihren Udo hätte sie das nicht durchgestanden

Karin Großheim hatte ihren „Udo“ nach der Diagnose erst einmal in den Urlaub geschickt, wollte allein mit Herrn Lehmann zurechtkommen. Und doch: Ohne ihn hätte sie das nicht durchgestanden, da ist sich die Bienenbüttelerin heute sicher. Neben Figurveränderungen habe sie während der Chemotherapie unter anderem mit extremer Müdigkeit zu kämpfen gehabt. „Wenn ich nach Hause kam, konnte ich Udo kaum ansprechen“, erinnert sie sich. Doch das Leben wollte sie sich nicht verbieten lassen. Karin Großheim fuhr weiter in den Urlaub, gönnte sich sogar hin und wieder ein Gläschen Wein – wenn es auch vielleicht dem ärztlichen Rat widersprach. Jedes Stückchen Normalität habe ihr geholfen, Herrn Lehmann seine Grenzen aufzuzeigen.

Ihr Mann, die Familie und starke Freundschaften trugen Anja Fechner-Schwarz durch die schwere Zeit. Gut gemeinte Einladungen entfernter Bekannter schlug sie dagegen aus. „Ich habe mich mit denen vorher nie zum Kaffee getroffen, warum sollte ich jetzt?“ Denn eins habe sie mit der Krankheit gelernt: Prioritäten setzen. „Es gibt Situationen und Menschen, die muss ich nicht aushalten. Dafür ist mir die Zeit einfach zu kostbar.“

Herr Lehmann – der Name für ihren Krebs

Auch Karin Großheim hat einen neuen Blick auf das Leben entwickelt. Das mit der Gartenarbeit zum Beispiel nehme sie heute nicht mehr so streng, erzählt sie und schmunzelt. „Wenn ich mich lieber hinsetzen will, um ein Buch zu lesen, dann tu‘ ich das.“ Freunde konnten sie immer alles fragen, ihr nur nicht helfen – erst recht nicht mit Mitleid. Linderung hätten immer nur Schmerzmedikamente gebracht. „Du hast dann halt keine kleine Handtasche mehr, sondern nur eine große, wo alles reinpasst.“ Die mobile Apotheke ist inzwischen nicht mehr so groß. Gelegentliche Übelkeit und Schwellungen an den Beinen seien die einzigen körperlichen Folgeerscheinungen, die sie heute noch im Alltag begleiten. Mit denen lebe sie aber wie andere mit einem Gehstock, erklärt sie.

Herr Lehmann – der Name für ihren Krebs war Karin Großheim kurz nach der Operation spontan eingefallen. „Krebs klingt irgendwie so böse“, sagt die 59-Jährige. Ab dem Moment aber, als er einen Namen bekam, habe sie mit ihm schimpfen können, lachen und weinen. Inzwischen ist er so etwas wie ein früherer Bekannter, der sie geprägt hat, aber nicht bezwungen. Herr Lehmann sei verschwunden, stellt sie klar. „Aber ich denke noch oft an ihn.“

Von Anna Petersen