Carola Rudnick und Sebastian Stierl freuen sich über die Baufortschritte im alten Gärtnerhaus. Im Sommer kommenden Jahres soll das Bildungszentrum eröffnen. (Foto: ca)

Die Mordgeschichte

Lüneburg. Geschichte kann eine ziemlich langweilige Angelegenheit sein, Daten pauken macht wenig Spaß. Dass es anders geht, beweist die Gedenkstätte der Psychiatrischen Klinik. Leiterin Carola Rudnick geht mit Pflegeschülern den Schicksalen ehemaliger Patienten nach, die Ärzte und Pfleger im Nationalsozialismus am Wienebüttler Weg verhungern ließen, die hier getötet oder in sogenannte Tötungsanstalten verlegt wurden. Die Kranken galten den Ideologen der Nazis, aber auch vielen Menschen in den Heilberufen als lebensunwert. Die Beschäftigung mit den Zuständen der Klinik und damit auch mit dem eigenen Beruf ist inzwischen ein fester Bestandteil der Ausbildung. Um den Auszubildenden, aber auch Gästen das Thema noch besser nahezubringen, baut der Trägerverein der Gedenkstätte das ehemalige Gärtnerhaus um: Tagungszentrum, Archiv, Büros.

Neuer Zweck für verfallenes Gärtnerhaus

Das schmale Haus am Rande des Geländes der 1901 eröffneten Landes-Heil- und Pflegeanstalt wird seit den 80er-Jahren nicht mehr von der Klinik genutzt. Der Arbeitskreis Lüneburger Altstadt schlug Alarm 2016, um den Verfall des 1832 als Sitz der Königlich-Hannoverschen Baumschule gebauten Hauses zu stoppen. So geriet der Fachwerkbau, der auch mit rund 4000 Steinen des damals abgetragenen Kirchturms von St. Nicolai errichtet worden war, wieder in den Blick.

Sebastian Stierl vom Trägerverein, der Chef der städtischen Gesundheitsholding, Rolf Sauer, und Gedenkstättenleiterin Rudnick wollen dem vergessenen Platz neues Leben einhauchen. Unter anderem besorgten sie über Stiftungen und öffentliche Hand Fördermittel, zudem entwickelte die Historikerin ein inhaltliches Konzept. Aktuell sind die Kosten alles in allem mit rund 720 000 Euro veranschlagt, davon gut 600 000 für die Bauarbeiten. Die Bauarbeiter sind ziemlich weit. „Wir liegen gut in der Zeit“, sagt die Leiterin. Zwar habe es bei der Sanierung Überraschungen gegeben, so hatte ein Schädling massiv Bausubstanz angegriffen. Doch Fachleute umhüllten im Juli das Gebäude und erhitzten es auf 80 Grad – das bereitete dem gescheckten Nagekäfer den Garaus.

Akten werden digital erfasst

Voraussichtlich im kommenden Mai sei die Restaurierung abgeschlossen, die Ausschreibung für die Ausstattung beginnt schon in den nächsten Wochen, Ende August 2020 will man Eröffnung feiern.

Auf rund 150 Quadratmeter Fläche auf zwei Ebenen soll dann wissenschaftliche Arbeit möglich sein, und das ganz modern: Derzeit werden Patientenakten, Unterlagen und Fotos seit 1901 digital erfasst – sofern vorhanden, denn manches ist verschwunden.

Verhungerten Kranke in Rübenwintern?

Die Schicksale der seelisch Kranken aus diesen Jahrzehnten sind oftmals noch nicht aufgearbeitet. So geht es Carola Rudnick auch darum, zu ermitteln, ob möglicherweise bereits nach dem Ersten Weltkrieg Patienten verhungerten, weil man sie als minderwertig empfand und daher nicht ausreichend versorgte.

Nicht nur Forschung und Ausbildung, auch das Erinnern brauche Platz, sind sich Stierl und die Leiterin einig: Opfer erhalten ein Gesicht, eine Geschichte. Ihre Geschichte. Das ist nicht nur wichtig, um die Täter und ihre Unmenschlichkeit nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Viele Angehörige der im Nationalsozialismus getöteten Patienten haben das Los der Menschen in ihren Familien verdrängt oder gar nicht davon gewusst. Die Gedenkstätte ist so auch ein Ort der Trauer.

Geschichte muss eben keine langweilige Angelegenheit sein – wenn man sie noch einmal erleben und nachzeichnen kann.

Schicksale

Der Blick auf die Frauen

Von August 2018 bis Januar 2019 zeichnete eine Ausstellung den Leidensweg von Patientinnen nach, die in den 1940er Jahren in der Klinik umkamen. Erarbeitet mit angehendem Pflegepersonal erinnert Carola Rudnick an das Los der Opfer. Hintergrund ist die sogenannte T-4-Aktion. Mehr als 70 000 Menschen wurden reichsweit getötet, weil sie körperlich, geistig oder seelisch behindert waren. In der Ideologie des Nationalsozialismus galten sie als minderwertig, als „nutzlose Esser“. Der Begriff T 4 leitet sich von der sogenannten Zentraldienststelle T 4 in Berlin hier, sie lag an der Tiergartenstraße 4. Das Buch trägt ein Zitat als Titel, das an die Barbarei der Nationalsozialisten erinnert: „Still, stumpf, beschäftigt mit Kartoffelschälen beschäftigt, verlegt“. Verlegt meint die Verlegung in eine „Tötungsanstalt“.

Von Carlo Eggeling