Montag , 28. September 2020
Manja übt einmal wöchentlich mit Lerntherapeutin Karin von Halten die Textarbeit. Foto: ada

Buchstabensalat im Kopf

Uelzen. Mit blauem Kugelschreiber schreibt Manja „Hey Du!“ auf das Arbeitspapier, das vor ihr auf dem Schreibtisch liegt. Gemeinsam mit Lerntherapeutin Karin von Halten überlegt die Zwölfjährige, welche Ausrufe außerdem zu der Geschichte passen, die sie vor wenigen Minuten gelesen hat.

Eine Herausforderung für die Siebtklässlerin, die einmal pro Woche zur Lerntherapie des Kreisverbandes Legasthenie nach Uelzen kommt. Denn in Manjas Kopf haben die Buchstaben und Worte keinen Zusammenhang, herrscht ein einziger „Buchstabensalat“, wie sie einst ihrer Mutter erklärte. Dass Manja Legasthenie haben könnte, fiel ihrer Mutter, deren Name nicht in der Zeitung erscheinen soll, schon früh auf.

Manja ist überdurchschnittlich intelligent

„Ich habe immer gerne gelesen und meinen Kindern auch vorgelesen, aber Manja hatte kein Interesse daran. Sie war oft müde wenn sie aus der Schule kam, hatte sehr oft Kopfschmerzen“, erinnert sich die Mutter. Wenig später zeigte ein Test den Grund dafür: Manja ist überdurchschnittlich intelligent, hat aber Schwierigkeiten damit, Texte zu lesen und zu verstehen. Sie lernte Strategien, die für sie wirren Buchstaben nicht einzeln erfassen zu müssen, sondern Texte aus Zusammenhängen heraus zu verstehen – eine riesige Anstrengung.

Geschichten wie diese kennt Birgit Steinbach, Vorsitzende des Kreisverbands Legasthenie Lüneburger Heide, zahlreiche. „Die Kinder fühlen sich oft dumm, falsch verstanden oder werden ausgegrenzt“, erklärt sie. Dagegen anzugehen hat sich der Kreisverband Legasthenie – kurz Legi – zur Aufgabe gemacht – und das seit nunmehr 40 Jahren. „Mit der Lerntherapie wollen wir die Kinder wieder aufbauen. Für uns ist wichtig, die Kinder wieder zu motivieren, ihnen zu zeigen, ihr seid deshalb nicht weniger intelligent oder wert“, so Steinbach. Aber auch Vorträge rund um die Hirnfunktionsstörungen Legasthenie und Dyskalkulie, die eine Rechenschwäche beschreibt, Elternforen und kostenlose Beratungen bietet das Team für alle Betroffenen unter Interessierten aus der Heide an.

Legasthenie wächst sich nicht aus

Das war schon damals so, 1979, als Ingetraud Schmäcke aus Uelzen den Verein gründete. Rund 5000 Kinder und Jugendliche begleiteten die Lerntherapeuten seither und lehrten sie Methoden, mit der Legasthenie umzugehen. „Legasthenie wächst sich nicht aus, aber wir versuchen, den Umgang damit zu erleichtern“, so Steinbach.

Und das mit großem Erfolg. So, wie bei Manja. „Es ist etwas ganz anderes, wenn neutrale Personen mit einem lernen, als die Eltern. Es geht auch darum, dass sie Sicherheit kriegt, es stärkt ihr Selbstbewusstsein“, sagt die Mutter der Zwölfjährigen. Inzwischen lässt sich die Siebtklässlerin von ihrer Lese- und Rechtschreibschwäche nicht mehr einschüchtern. „Sie kann mit Legasthenie auch Ärztin werden oder Jura studieren, genauso kann sie Friseurin oder Erzieherin werden. Hauptsache sie ist glücklich“, sagt die Mutter.

Sein 40-jähriges Bestehen feiert der Kreisverband Legasthenie mit einem Fest am Sonnabend, 14. September. Ab 11 Uhr findet in der Stadtbücherei Uelzen eine Kinderbuchlesung aus „Fuffi der Wusel“ statt. Ab 15 Uhr beginnen die Jubiläumsfeierlichkeiten im Uelzener Rathaus mit einem Vortrag zum Thema „Vom Analphabeten zum Buchautor“.

Von Anke Dankers