Sonntag , 27. September 2020
Die Dänen nutzten den ehemaligen Truppenübungsplatz Oxböl zur Internierung der Deutschen, die in den letzten Kriegsmonaten nach Dänemark geflüchtet waren. Ein Maschendrahtzaun umgab das Lager. Foto: Blavandshuk Lokalhistoriske Arkiv

Als Deutsche ungeliebte Flüchtlinge waren

Lüneburg/Oksbøl. Vor 74 Jahren waren die Deutschen das, was heute die Syrer sind: Kriegsflüchtlinge. Viele, die Jahre später Lüneburg als Heimat angeben würden, flohen vor der marodierenden Roten Armee aus ihrer Heimat – aus Pommern, Danzig, West- und Ostpreußen. 250.000 von ihnen wurden nach Dänemark verschifft, das noch von den Deutschen besetzt war. Ein Federstrich bei Wendisch Evern machte sie zu einem dänischen Problem: die Teilkapitulation am 4. Mai 1945 auf dem Timeloberg. Die Dänen hätten die Deutschen am liebsten abgeschoben, doch das verboten die Siegermächte, weil Hungersnöte drohten. So blieben zig Deutsche über Jahre in Dänemark interniert.

Pläne für ein Flüchtlingsmuseum

Das fast vergessene Kapitel soll nun mit einem Dänischen Flüchtlingsmuseum aufgearbeitet werden. Die verantwortlichen dänischen Museumsplaner stellen ihr Projekt am Donnerstag, 12. September, ab 18.30 Uhr im Ostpreußischen Landesmuseum vor. Entstehen soll am historischen Ort des Flüchtlingslagers Oksbøl ein Museum, das die Schicksale der damaligen Flüchtlinge mit denen der heutigen verknüpft. Ein Projekt, das in der Lüneburger Region auch deshalb auf Interesse stoßen wird, weil viele Menschen, die zunächst in Dänemark gestrandet waren, am Ende hier landeten.

Von Königsberg nach Oksbøl

So wie die Familie, deren Flucht am 27. Februar 1945 aus Königsberg „bei schönem Wetter“ begann, wie die Mutter in ihr Tagebuch schrieb. Das Tagebuch gehört mittlerweile zur Sammlung des Ostpreußischen Landesmuseums. Alle darin vorkommenden Namen wurden im folgenden verändert. Die Familie entging den Bomben, die alliierte Flieger auf die Flüchtlingsschiffe warfen. Doch die Strapazen der Flucht in den überfüllten, stickig heißen Schiffen forderten ihren Tribut. Kaum in Dänemark angekommen, starb am 14. April die kaum einjährige Johanna. Am 21. August 1945 erreichte die Familie Oksbøl. „Berliner Jungens kamen uns helfen tragen“, notierte die Mutter. Die Dänen legten Wert darauf, dass sich die Lager weitestgehend selbst verwalteten. Oksbøl war mit 35.000 Einwohnern damals die „fünftgrößte Stadt Dänemarks“, verdeutlicht Dr. Eicke Eckert, Historiker im Ostpreußischen Landesmuseum, die Dimensionen.

Kultur gegen den Lagerkoller

Der Krieg ist zwar vorbei, der Mangel aber geblieben. „Alles leere Betten, kein Stroh, kein Tisch, kein Schemel. … Überall in all den Betten hat es reingeregnet. Ich hörte immer, daß verschiedene weinten und ihre Sachen in der Mitte auf den Zementfußboden legten.“ Die Mutter beließ es aber nicht beim Tagebuch schreiben, sie ließ sich zur Barackenvorsteherin wählen, später auch zur stellvertretenden Blockvorsteherin. Die Menschen leben auf engstem Raum, in Oksbøl oft in dreistöckigen Betten. Aufgehängte Decken sorgten für einen Hauch von Privatsphäre. Für den Kanonenofen gab es Torf. Kultur soll dem Lagerkoller vorbeugen. Es gibt Schulunterricht für die Kinder, Kino- und Theatervorstellungen für die Erwachsenen. „Alles auf Deutsch“, sagt Dr. Eicke Eckert, „Dänen sollten sie nicht werden.“

Tod in fremder Erde

In dänischer Erde endete der Lebensweg einer Tante der Familie aus Königsberg. „Sie starb ganz plötzlich am 16.2.1946.“ Dies blieb nicht der letzte Schicksalsschlag für die Flüchtlinge in diesem Jahr: „Nun ist ein Jahr vergangen und wir sitzen noch in Oksböl. … Am 13.9. bekam ich … die traurige Nachricht, daß unser lieber Papa am 11. Juli 1945 im Lazarett in Frankreich verstorben ist.“

Als wieder Briefkontakt zu Verwandten in Deutschland bestand, kondolierten diese zum frühen Tod der jüngsten Tochter: „Ja, für die Kleinen war das eine schlimme Zeit. Es sind bei jedem Transport so viele gestorben … und doch mußt du dich trösten. Die Zukunft sieht für die Kinder bestimmt nicht gut aus. Wer weiß, was ihnen alles erspart geblieben ist.“

Hass trifft die Kinder

Die ehemaligen Besatzer waren eine Bürde. Im Mai 1945 kamen auf vier Millionen Dänen rund 250.000 deutsche Flüchtlinge – überwiegend Frauen, Kinder und alte Männer. Einige Dänen fordern Unterstützung für die Hilfsbedürftigen hinter den Maschendrahtzäunen; andere Härte angesichts dieser „zweiten Besatzung“: Im März 1945 beschlossen der dänische Ärzteverband und das Rote Kreuz, deutschen Flüchtlingen keinerlei Hilfe zu geben. 10.000 deutsche Kinder unter fünf Jahren starben in dänischen Lagern. „Die größte humanitäre Katastrophe der Neuzeit in Dänemark“ nennt dies die Historikerin Kirsten Lylloff. „Diesem Thema geht auch das geplante Museum nicht aus dem Weg“, weiß Dr. Eckert, der seit langem den Kontakt zu den dänischen Kollegen vom Varde-Museum hält. „Das war eine große innerdänische Debatte, die jetzt aber auch geführt werden konnte. Rund 1400 Gräber gibt es auch auf dem Friedhof von Oksbøl.“

Flüchtlinge damals und heute

Dieser Friedhof wird vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge gepflegt, der das Museums­projekt auch finanziell unterstützt, wie Hiltrud Lotze von der Lüneburger Sektion der Deutsch-Dänischen Gesellschaft mitteilt. Flucht und Vertreibung waren ihr Thema, als sie für die SPD im Kulturausschuss des Bundestages saß. Damals knüpfte sie die ersten Kontakte. „Ich bin besonders davon angetan, dass die dänischen Museumsplaner auch die aktuellen Flüchtlingsbewegungen in ihr Konzept mit integrieren. Das führt ja auch in der dänischen Gesellschaft zu heftigen Debatten.“ Der Neubau ist ein 10-Millionen-Euro-Projekt, wird auch optisch ein Hingucker. Breiten Raum werden Interviews mit Zeitzeugen beider Seiten einnehmen, sagt Dr. Eckert, „da wird keine Meinung vorgegeben.“

Deutsche Flüchtlinge in Dänemark 1945-49 – Die Pläne für das neue Dänische Flüchtlingsmuseum. Eintritt frei. Donnerstag, 12. September, 18.30 Uhr, Ostpreußisches Landesmuseum. Anmeldungen: (04131) 759950.

Von Joachim Zießler