Dienstag , 22. September 2020
Arbeiter auf und vor Bergen aus Salz. Das Bild ist vermutlich um 1910 entstanden. (Quelle: Stadtarchiv)

Am Anfang ging‘s um Klassenkampf

Lüneburg. Als das Salzmuseum vor 30 Jahren seine Eröffnung feierte, gab es viele strahlende Gesichter. Oberbürgermeister Jens Schreiber lobte in seiner Rede, di e „Wichtigkeit der Einrichtung als industrielles Dokumentationszentrum in der Bundesrepublik“, er unterstrich: „Das haben die Verantwortlichen in der Stadt schon frühzeitig erkannt.“ Darüber können Hilke Lamschus, die das Haus heute leitet, und Dirk Hansen, damals Kulturausschussvorsitzender, nur müde lächeln. Denn am Anfang mussten sie gemeinsam mit anderen wie dem langjährigen Museumschef Christian Lamschus und Siegfried Radbruch, er gehörte zu den Initiatoren eines Förderkreises, hart dafür kämpfen, dass das Haus erhalten blieb. Hansen sagt: „Eigentlich beginnt die Geschichte schon gut zehn Jahre vor der Eröffnung.“

Beim Festakt hielt die Vorsitzende des Förderkreises des Museums und Stadtarchivarin Uta Reinhardt OB Schreiber entgegen: „Nicht alle in der Stadt sahen zu Beginn die Notwendigkeit der Erhaltung der Saline ein.“ Sie kritisierte den damaligen Abriss der Saline als „Vandalismus“, lobte den Einsatz einer „Handvoll“ Bürger für den Wiederaufbau eines wichtigen Teils der Lüneburger Geschichte. Nachzulesen ist das in der LZ, die im September 1989 über die Feier berichtete.

Bürgersinn im besten Sinne

Der Blick zurück lohnt. Denn er zeigt, dass es – wie schon beim Erhalt der westlichen Altstadt – unbequemer und zupackender Bürger bedarf, um für ein Umdenken zu sorgen – Bürgersinn im besten Sinne.

Lüneburgs Geschichte ist untrennbar mit dem Salz verbunden, die erste urkundliche Erwähnung der Stadt im Jahr 956 geht auf den Salzzoll zurück, den Otto der Große dem Michaeliskloster schenkte. Die Saline wuchs im Mittelalter zu einem Industriebetrieb heran, das Salz – wertvoll wie Gold – machte die Stadt reich. Der Betrieb wandelte sich über die Jahrhunderte. Das Salz, das in den Salinas am Mittelmeer durch Verdunstung gewonnen wurde, machte den Lüneburgern billige Konkurrenz. Später wuchs die geschrumpfte Salzproduktion am Rand der Heide um eine chemische Fabrik. Nach einem Jahrtausend schloss die Saline 1980.

In Richtung Krankenhaus verschwanden auf dem üppigen Gelände Hallen und Schornsteine, Wohnhäuser entstanden in Richtung Bögelstraße und am Weißen Turm. Auch das riesige Gebäude mit seinen Siedepfannen, in dem heute Museum und Supermarkt zu Hause sind, stand infrage.

Salzmuseum
Ein Bild wahrscheinlich aus den 1970er-Jahren, die Saline produziert, die Schornsteine dampfen. (Foto: Museum)
Nicht einmal der Chef im Museum am Wandrahm, Gerhard Körner, erkannte die historische Bedeutung, er spottete sinngemäß: Wofür brauche man ein Museum, wenn es nur ums Wasserkochen gehe? Im Rat und in der Verwaltung machte man sich bereits 1977 Sorgen, dass die Saline einem geplanten Einkaufsmarkt im Wege stehen könnte.

Dirk Hansen, der damals für die FDP Kommunalpolitik machte, und Hilke Lamschus erinnern sich, wie ablehnend viele einem Industriedenkmal gegenüberstanden, überspitzt: Ein Museum der Arbeit wäre sozusagen die Vorform des Kommunismus.

Hansen sagt: „Oberstadtdirektor Hans-Heinrich Stelljes hat sich gegen ein technisches Denkmal gewehrt.“ Auch der damalige LZ-Chefredakteur Helmut Pleß habe den Museumsplänen zunächst skeptisch gegenübergestanden: „Aber das hat sich geändert, er hat uns unterstützt.“ Der Sinneswandel zahlte sich nach Jahren aus: Zur Eröffnung 1990 spendeten die damaligen LZ-Verleger Aribert Bergmann und Thomas von Stern dem Haus 5000 Mark.

Der Kreis der Unterstützer wächst und wächst

Der Unterstützerkreis wächst: Stadtarchivarin Reinhardt, der Vorsitzende des Arbeitskreises Lüneburger Altstadt, Curt Pomp, und andere setzen sich ein. Im Februar 1981 gründet sich ein Förderverein.

Renommierte Wissenschaftler reisen nach Lüneburg: Rainer Slotta vom Bergbaumuseum Bochum spricht. Der Historiker Harald Witthöft von der Uni Siegen schreibt in der LZ und rät zu Ausgrabungen auf dem Salinen-Gelände: „Die Vorstellung jedenfalls, man brauche nur das historische Brunnenhäuschen zu versetzen, um der Tradition Genüge zu tun, ist von liebenswerter Einfachheit, aber unserem Wissenstand nicht angemessen.“ Neubauten auf dem Areal lehnt der Wissenschaftler ab.

Landeskonservator sieht einen großen Schatz

1981 zieht Landeskonservator Prof. Hans-Herbert Möller den Schluss, die Saline sei ein „technisches Denkmal, mindestens genauso wertvoll wie die Erzabbaustätten im Rammelsberg in Goslar“.

Gleichzeitig verfällt die Anlage mit ihren Siedepfannen und Apparaten, jeder will, klaut, was nicht niet- und nagelfest ist. „Mein Mann Christian ist damals mit Gasrevolver und einem Dobermann nachts Patrouille gelaufen, um die Altmetalldiebe zu verscheuchen“, erinnert sich Hilke Lamschus. Im April 1981 rupfen irgendwelche Ignoranten das Kupferdach vom Brunnenhäuschens, es erinnert bis heute an den Solequell, der genau an dieser Stelle liegt.

Museumschef Körner attackiert rhetorisch geschickt weiter die absehbare Konkurrenz für sein bildungsbürgerlich-verschnarchtes Haus, ein Tempel der Altertumsforscher, in dem Dinge nur rumstehen und angeguckt werden dürfen. Anderorts ist man weiter und hat verstanden, dass Menschen in einem Museum Geschichte zu erleben und Anfassen erwarten. Körner wird der Satz zugeschrieben: „Was in einem Museum am meisten stört, sind die Besucher.“

Salzmuseum
Die Arbeit in der Saline (hier ein Bild um 1910) war schweißtreibend, es war heiß und stickig in den Hallen. (Quelle: Stadtarchiv)
Christian Lamschus entwickelt derweil eine Konzeption für das Salzmuseum und stellt sie Anfang 1983 dem Kulturausschuss vor. Inzwischen hat der Mutterkonzern der geschlossenen Saline das Areal verkauft – nicht an die Stadt. Die Schwierigkeiten, die sich daraus ergeben, setzen sich bis heute fort, Politik und Verwaltung können das Gelände nicht überplanen und für ein großes Haus rund um die Stadtgeschichte nutzen.

Am Ende teilen sich ein Markt und das Museum das Gebäude. Im April 1983 heißt es in der LZ: „Baubeginn für Salinenmuseum – Industriedenkmal und Supermarkt kommen unter ein Dach.“ Im August ist Richtfest.

Immer noch gibt es in diesen Jahren ein Hin und Her um Kosten und Verantwortlichkeiten, auch wenn sich neben der FDP nun auch SPD und CDU, es war noch die Zeit der Drei-Parteien-Landschaft, hinter die Ideen stellen. 1988 treffen Förderkreis und Stadt schließlich eine Vereinbarung, nach der Lüneburg die Trägerschaft des Hauses übernimmt.

Ein einzigartiges Stück Geschichte

Am 9. September 1989 schlägt die große Stunde: Eröffnung. Niedersachsen damaliger Minister für Wissenschaft und Kunst, JohannTönjes Cassens, hebt in seiner Eröffnungsrede die Bedeutung der Museen in Niedersachsen hervor, kennzeichnet sie als „Spiegel der Geschichte der Landschaft, des Ortes, der Region“. Hier übernehme das Industriedenkmal Saline eine wesentliche Aufgabe, es gebe in seiner Einzigartigkeit ein nicht mehr wegzudenkendes Stück der Lüneburger Geschichte wieder. Das Land beteiligt sich an den Kosten von 1,14 Millionen Mark mit 530 000 Mark, der Bund mit 382 000 Mark.

Dirk Hansen und Hilke Lamschus verweisen auf einen geschickten Schachzug: Damals trat das Haus als Deutsches
29 Salzmuseum an, obwohl auch anderswo an salzige Geschichte erinnert wurde. Aber mit dem Titel schreibt man sich selber national Bedeutung zu – clever, wenn man Sponsoren gewinnen will. Wie gelungen die Konzeption ist, zeigt sich 1991: Lüneburg erhält den Europäischen Museumspreis des Europarates.
29 Eine hochkarätige Auszeichnung.

Es bleibt ein Ringen um die Zukunft

Salzmuseum
Dirk Hansen war Vorsitzender des Kulturausschusses, Hilke Lamschus leitet das Deutsche Salzmuseum, gemeinsam blicken sie zurück. (Foto: ca)

Ringen muss das Museum immer wieder um seine Zukunft. Zu wenig Platz, eine kaputte Substanz, eine schwierige Mietfrage, denn das Gebäude gehört nicht der Stadt, sondern wurde dem Museum zur Nutzung überlassen. Es gebe Ausbaupläne: Wie berichtet schießt der Bund 4,5 Millionen zu, Stadt und Kreis jeweils 250 000 Euro. Zu tun ist eine Menge – von neuen Toiletten bis Brandschutz. Auch die Ausstellung könnte neue Impulse vertragen.

Es sei gut, dass die Animositäten der Anfangszeiten geklärt seien, sind sich Hilke Lamschus und Hansen einig. Gleichwohl bleibe viel zu tun, auch wenn man im Jahr zwischen 55 000 und 60 000 zahlende Besucher locke – Werte, von denen andere Häuser nur träumen können. Neben dem Gebäude geht es ja um den Inhalt. Die Leiterin sagt: „Salz spielt in so vielen Bereichen eine Rolle, als Rohstoff in der Chemie, bei Ökonomie und Ökologie, bei Ernährung, beim Einlagern von Atommüll.“ Genug zu tun für die nächsten 30 Jahre.

Es darf gefeiert werden

Ein saustarkes Museum

Am Sonnabend, 7. September, feiern die Museumsleute von 11 bis 17 Uhr Geburtstag. Anlehnen an die Sage von der Salzsau, fühlen sie sich „saustark“. Bekanntlich soll ein Jäger vor gut tausend Jahren einen Schwarzkittel mit Pfeil und Bogen geschossen haben, im Fell klebte Salz – die Lüneburger Sole. Auf dem Solehügel werden daher noch einmal die bunte Salzsäue aus der Aktion aus dem Jahr 2000, die damals die ganze Stadt zierten, und farbenfrohe Kinderbilder aus einem Malwettbewerb der gleichen Ära zu sehen sein. Musik gibt es von The Bartellos, dazu ein Salzsauwurfspiel, die Kunstschule Ikarus bietet eine Aktion für Kinder, dazu Führungen und Schau-Salzsieden, die ALA-Stadtwache passt gut auf.

Von Carlo Eggeling