Dienstag , 20. Oktober 2020
So fies wie möglich und so verängstigt wie möglich: Janet Attula und Daniel Khan üben den Schrecken beim Erschrecker-Casting im Heide-Park Soltau. Foto: Carolin George

Bitte ein bisschen sadistischer!

Soltau. Sie dürfen sadistisch sein, sie dürfen anderen Angst einjagen, sie dürfen mit den Zähnen fletschen und mit den Augen rollen. Aber zwei Dinge dürfen sie nicht, die Frauen und Männer, die im Freizeitpark ganz offiziell die Bösen sind: Echte Erschrecker schockieren die Gäste zwar, aber sie dürfen sie niemals berühren oder beleidigen. Diese Grundregel lernen die Gänse-hauterzeuger bereits, bevor sie überhaupt Teil des Teams werden: bei einem Casting im Heide Park Resort Soltau.

„Soooo, und jetzt versuchen wir das Ganze noch ein wenig sadistischer“, sagt ein groß gewachsener Mann zu einem Kreis aus neun Männern und Frauen. Dabei hatten sie alle schon in der Übung zuvor so fies gelacht wie sie können. Aber es geht eben immer noch ein wenig böser, und bei der Auswahl neuer Erschrecker will das Team der „Boo-Crew“ (gesprochen: buh) nun einmal nicht jeden nehmen, der einfach nur Spaß daran hat, wie in Kindheitstagen hinter einer Wand hervorzuspringen und „buh“ zu schreien, während die Eltern mit Oma und Opa am Kaffeetisch sitzen. „Wir achten sehr auf die Mimik, aber auch darauf, dass der gesamte Körper im Einsatz ist“, sagt Marco Schuldt, 40, Techniker aus Hamburg, der groß gewachsene Mann mit dem Wunsch nach Sadismus im Gelächter.

Es braucht auch schauspielerisches Talent

„Wir stehen auf Horror, wir lieben den Grusel und das Erschrecken. Wir wollen den Gästen ein tolles Erlebnis bieten, deswegen achten wir sehr auf Qualität.“ Und das, obwohl die „Boo-Crew“ für ihre Gruseleinsätze ihre Freizeit hergibt und kein Geld bekommt. Denn das Schockiererteam besteht, anders als die Menschen im Maskottchen-Kostüm zum Beispiel, nicht aus Angestellten des Heide-Park-Resorts. Sondern es sind Privatpersonen, die das Erschrecken im Ehrenamt ausüben. „Wir sind mit viel Zeit, Liebe und Herzblut dabei“, sagt Marco Schuldt. Vor 15 Jahren gab es den Einsatz, seit 2010 ist das Team ein eingetragener Verein. Mittlerweile zählt die „Boo-Crew“ rund 130 Mitglieder in ganz Deutschland, etwa 80 Prozent wohnen zwischen Soltau und Hamburg. Wer dazugehören will zur Gruselgruppe, muss beim Casting nicht nur sein sadistisches, sondern auch ein gewisses schauspielerisches Talent beweisen. Zum Beispiel beim sogenannten „Sudden Outburst“: Bei dieser Übung geht es darum, zunächst ganz leise und ruhig zu reden, dann plötzlich laut und wahnsinnig herauszuplatzen und anschließend wieder genauso leise und ruhig weiterzureden wie zuvor.

Geplante Schockmomente

„Das ist eine echte Herausforderung“, erklärt Marco Schuldt seinen Erschrecker-Eleven. „Die Rolle weiterzuspielen nach dem Horror-Moment, nicht aufzuhören und schon gar nicht loszulachen.“ Aus der Rolle zu fallen oder zu lachen ist schließlich genauso wie verboten, wie einen Gast anzufassen oder zu beleidigen. Die „Boo-Crew“ sorgt aber nicht nur für die menschlichen Erschrecker im Heide-Park-Resort, sondern plant und baut auch die entsprechenden Orte für ihre geplanten Schockmomente. Nahe der Bobbahn zum Beispiel haben sie das „Grand Hotel Morton“ erfunden, dessen Eigentümer Frank Morton vor vielen Jahren eine gefundene Kiste geöffnet hatte, die er nicht hätte öffnen dürfen – und seither passieren immer wieder grausame Dinge im Hotel.

Wer diesen Frank Morton spielt, muss mehr können als ein bisschen zu erschrecken: Denn die Rolle Frank Morton ist keinesfalls nur böse und überzeugt von seinen fiesen Taten, sondern ihn treibt immer wieder das schlechte Gewissen um, wenn er merkt, was für ein Mensch er geworden ist, seit er die verbotene Kiste geöffnet hatte.

Eine Jury entscheidet über die Aufnahme

Und so sind die Probanden an diesem Nachmittag angemessen erschöpft, nachdem sie die letzte Übung absolviert haben und auf das Ergebnis der Jury warten. „Das war anstrengend“, sagt Janet Attula (42) sie arbeitet bei einer Versicherung in Hamburg. „Aber es hat viel Spaß gemacht. Ich mag Horror und diese düstere Stimmung, ich mag verrückte Sachen. Ich verkleide mich gern und schlüpfe in eine andere Rolle. Und Leute zu erschrecken, macht einfach Freude, denn sie mögen das total.“ Erschrecker-Kollege Daniel Khan (35) Metallgestalter aus Hannover, hat schon immer gerne Horrorfilme geguckt und sich mit der Geschichte des Horrors intensiv beschäftigt. „Horror ist immer ein Spiegel der Gesellschaft, er steht für die kollektive Betätigung von Ängsten, ob vor Voodoo, Atomunfällen oder Viren. Horror wird die Menschen immer reizen.“ Der Casting-Tag hat sich für die Crew gelohnt: Sechs neue Mitglieder haben sie gewonnen – auch Janet und Daniel.

Von Carolin George

Hier wird es gruselig

Noch ein Casting geplant

Für die Halloween-Aktionen am 3., 5., 12., 19., 26. und 31. Oktober sucht die „Boo-Crew“ noch weitere Unterstützung und bietet am Sonntag, 29. September, ein weiteres Casting an. Anmeldungen sind auf der Internetseite des Vereins möglich. Wer Erschrecker werden will, muss in den Verein eintreten. Aufnahmegebühr: 5 Euro, Jahresbeitrag: 36 Euro. Der Verein erstattet den Mitgliedern die Fahrtkosten zu Erschrecker-Veranstaltungen und sorgt für Verpflegung.

Mehr Infos: boo-crew.de