Freitag , 30. Oktober 2020
Die betroffene Großmutter Christel Quadflieg (Mitte) mit Peter Wirkowski und Dorette Kühn, Gründungsmitgliedern der Selbsthilfegruppe „Entsorgte Eltern und Großeltern“. (Foto: t&w)

Wenn die Oma plötzlich zur unerwünschten Person erklärt wird

Lüneburg. Es waren zehn Worte, die Christel Quadflieg wie ein Hammerschlag trafen. „Du brauchst nicht mehr kommen, wir brauchen Dich nicht mehr“, teilte ihr Sohn ihr am Telefon knapp mit. Sieben Jahre ist das her, so lange schon darf sie ihre Enkelkinder nicht mehr sehen. Für die Großmutter eine unerträgliche Situation, zumal eisiges Schweigen zwischen ihr und Sohn sowie Schwiegertochter herrscht. Hilfe und Unterstützung fand sie in den vergangenen Jahren bei der Selbsthilfegruppe „Entsorgte Eltern und Großeltern“, die vor zehn Jahren in Lüneburg ins Leben gerufen wurde.

Sie habe hin und her überlegt, ob sie einen Teil ihrer persönlichen Geschichte in die Öffentlichkeit trage, sagt Christel Quadflieg beim Gespräch in der LZ, zu dem sie Dorette Kühn und Peter Witkowski von der Selbsthilfegruppe begleitet haben. Denn ihre Sorge sei, dass ihre Kinder dann weiter schweigen. „Dabei hoffe ich nach wie vor, dass alles gut wird“, sagt sie und knispelt unruhig mit den Fingern. Über ihre Augen zieht sich ein wässeriger Schleier. Ihr Anliegen sei aber, anderen Elternteilen sowie Großeltern, denen der Kontakt verwehrt wird zu Kindern oder Großkindern, aufzeigen, dass die Selbsthilfegruppe sehr hilfreich sein könne.

Nur noch per Zettel kommuniziert

Christel Quadflieg schildert: Nachdem ihre Enkelkinder, Zwillinge, 2004 zur Welt kamen, habe sie diese sieben Jahre betreut. Ihr Sohn und ihre Schwiegertochter hätten sich damals selbstständig gemacht, sie sowie die Eltern ihrer Schwiegertochter hätten sich jeweils zwei Tage pro Woche um die Enkelkinder gekümmert. 2010 gerieten die familiären Bande in Schieflage. Als die Kinder zum Augenarzt mussten, habe ihre Freundin zu der Schwiegertochter gesagt: „Ach, das kannst Du auch nicht.“ Sie vermutet, „dass meine Schwiegertochter dachte, ich mache sie überall schlecht“. Danach habe ihre Schwiegertochter nur noch per Zettel mit ihr kommuniziert. Absolute Funkstille habe geherrscht, nachdem ihr Mann zu seiner Geburtstagsfeier nicht nur die Familie, sondern auch die Freundin von Christel Quadflieg nebst Mann eingeladen hatte. Da habe es geheißen: Wenn die kommen, kommen wir nicht. Doch ihr Mann beließ es bei der Einladung der Freundin.

Später dann der Anruf von ihrem Sohn, kein Treffen mehr mit den Enkelkindern. „Ich habe sie doch so gerne“, sagt Christel Quadflieg mit einem Zittern in den Mundwinkeln. Sie schildert verschiedene Versuche, mit Sohn und Schwiegertochter ins Gespräch zu kommen, um zu erfahren, warum diese jeglichen Kontakt abgebrochen hätten. Doch alles sei abgeblockt worden. „Es ist eine Mauer des eisernen Schweigens“, die ihr körperlich und seelisch schwer zu schaffen machen würde.

Lange Zeit habe sie sich geschämt, offen mit der Situation umzugehen. „Einerseits war ich tief getroffen, dass mein Sohn und meine Schwiegertochter so mit mir umgehen. Andererseits habe ich gedacht, alle denken, dass ich schlecht bin.“

Sich einfach mal alles von der Seele reden, bei Menschen, die in einer ähnlichen Situation sind, konnte Christel Quadflieg Anfang 2013. Damals las sie in der LZ von der Selbsthilfegruppe „Entsorgte Eltern und Großeltern“. Dort sei man fürsorglich mit ihr umgegangen, besonders Dorette Kühn. Die Lüneburgerin, wie Peter Witkowski Gründungsmitglied der Gruppe, hat ein ähnliches Schicksal wie sie gehabt. Nach vielen Jahren der Trennung von ihrem Enkelsohn, sind die Beiden nun seit sieben Jahren wieder vereint. Dorette Kühn sagt: „Man darf nie die Hoffnung verlieren. Plötzlich passieren Sachen und alles wird gut.“

Selbst auf Geschenke gab es keine Reaktion

Auf Rat von Kühn hatte sie ihrem Sohn vorgeschlagen mittels eines Mediators ins Gespräch zu kommen. Keine Reaktion. „Sie hat mich wie ein kleines Kind auch zum Kinderschutzbund sowie Erziehungsberatungsstelle mitgenommen“, berichtet sie. Dort habe es geheißen, sie solle im Kontakt bleiben. Sie habe Blumen geschickt, kleine Geschenke zu Ostern und Weihnachten. Keine Reaktion. Zu guter Letzt habe sie sich anlässlich der Konfirmation ihrer Enkelkinder in die Kirche geschlichen, hinterste Bank. Ihre Hoffnung, dass es dort wieder zu einer Kontaktaufnahme kommen könnte, erfüllte sich nicht.

Dorette Kühn und Peter Witkowski, der seine Tochter nicht mehr sehen darf, weil die Mutter das verwehrt, obwohl ihm in mehreren Instanzen ein Besuchsrecht zugesprochen wurde, wissen: So ein Bindungsabbruch ist eine traumatische Erfahrung. „Teilnehmer unserer Gruppe berichten, dass damit Trauer, Mut- und Hilflosigkeit, Depressionen, Schlafstörungen, psychosomatische Erkrankungen bis hin zu Suchterkrankungen einhergehen. Aus deren Äußerungen sowie aus eigener Erfahrung können wir aber sagen, dass wir als Gruppe dem etwas entgegensetzen können“, sagt Witkowski.

Bei den regelmäßigen Treffen gehe es darum, dass jeder erst einmal alles rauslassen kann. Betroffene können sich austauschen über ihre Erfahrungen. Es gibt Tipps, welche Anlaufstellen es zur Unterstützung und welche rechtlichen Möglichkeiten es gibt. Dazu gibt es Veranstaltungen und Mahnwachen, wie zum Beispiel in der Vorweihnachtszeit vor dem Amtsgericht, wo für mehr Rechte für die Kinder demonstriert wird. „Denn um die geht es ja, weil sie unter so einer Trennungssituation extrem leiden“, meint Dorette Kühn.

Hintergrund

Kinder als Machtinstrument

Rund 200 000 Kinder in Deutschland sind laut der Selbsthilfegruppe jedes Jahr von Scheidung und Trennung der Eltern betroffen. Bereits nach einem Jahr verliere die Hälfte von ihnen den Kontakt zu einem geliebten Elternteil und damit auch oftmals zu den Großeltern. Ähnlich ergehe es Großeltern, die bei Überforderung der Eltern ihren Enkeln helfen wollen. Immer wieder würden Kinder als Machtinstrument missbraucht, indem sie manipuliert und gezielt entfremdet werden. Die Selbsthilfegruppe will da unterstützen, sie trifft sich in Lüneburg im Parlü, Thorner Straße 19, an jedem ersten Sonnabend im Monat um 16 Uhr.

Mehr Informationen unter www.entsorgte-eltern-und-grosseltern.de im Internet.

Von Antje Schäfer