Sonntag , 25. Oktober 2020
Einfache Übungen stehen am Anfang, in zwei Jahren dann soll die Klasse 5a ein eigenes Theaterstück auf die Bühne bringen. Foto: be

Eine Klasse macht Theater

Lüneburg. Die Nachfrage war so groß, dass am Ende das Los entscheiden musste: 31 Plätze gab es, 43 Kinder hatten sich darauf beworben. Für Thomas Wetzel ein klarer Beleg, dass der Schnellschuss gezündet hat. Denn die Wilhelm-Raabe-Schule hatte ihr neues Angebot ungewöhnlich rasch an den Start gebracht. Erst Ende Februar, Anfang März sei die Idee aufgekommen, schon zum Start des neuen Schuljahres im August wurde sie angesichts der großen Zustimmung in allen schulischen Gremien realisiert: Das Gymnasium an der Feldstraße hat jetzt eine Theaterklasse.

Der Wettbewerb um die Schüler

Laptopklassen, Bläserklassen, Frühfranzösisch, Altgriechisch – die Schulen bemühen sich im Wettbewerb um Schüler schon seit langem, ihr jeweiliges Profil zu schärfen und ihr Angebot zu erweitern. Die Tradition eines Gymnasiums allein lockt nicht mehr unbedingt Schüler in Scharen an, auch zählt für viele Kinder und deren Eltern nicht allein die Entfernung vom eigenen zu Hause. Viele schauen heute genauer hin, welche pädagogischen Angebote eine Schule zu bieten hat, gerade bei den Gymnasien. Was entspricht am ehesten den eigenen Fähigkeiten und Neigungen? Wo kann mein Kind welche Sprachen lernen? Welche Schwerpunkte könnten für die Entwicklung des Nachwuchses von Vorteil sein? Soll die musische Ausbildung geschärft oder die naturwissenschaftliche Bildung forciert werden?

Vor allem die größeren Schulen haben längst ein breites Spektrum an Angeboten, die über die reguläre Unterrichtstafel hinaus geht – mal als freiwillige Arbeitsgemeinschaft ganz ohne Notendruck, mal aber eben auch als zusätzliche Wahlmöglichkeit integriert in den Stundenplan – Zeugnisnote inklusive. Darstellendes Spiel in der Oberstufe ist auch an Gymnasien seit vielen Jahren ein fester Bestandteil, nicht jedoch ein so frühes Angebot. Mit der Theaterklasse in der jetzigen Form ab dem 5. Jahrgang wähnt Wetzel daher ein Alleinstellungsmerkmal für seine Schule: „Das gibt es so meines Wissens noch nicht in ganz Niedersachsen.“

Eine Stunde pro Woche haben die Schüler der Klasse 5a nun Theater-Unterricht, darüber hinaus zwei Stunden verpflichtende Theater-AG am Nachmittag. Betreut werden sie von Lehrerin Isabel Ludewig, die auch Darstellendes Spiel studiert hat, und Friedrich von Mansberg. Der ist zwar Chefdramaturg des Lüneburger Theaters, die Tätigkeit an seiner früheren Schule aber sei eine private Initiative, kein Projekt des Theaters, darauf legt er Wert. Er skizziert das Hauptziel: „Am Ende von Klasse 6 soll ein eigenes Stück aufgeführt werden, mit eigenen Texten, selbst entwickelten Figuren und einem selbstgebauten Bühnenbild – das ist das Versprechen.“

Offen bleibt noch die Mathe-Frage

Doch mit den drei Extra-Stunden pro Woche allein ist es nicht getan. Auf dem Weg zur Aufführung sollen möglichst viele Fächer eingebunden werden. Wetzel nennt Beispiele: „In Kunst könnten Masken gebastelt, in Sport Choreografien einstudiert und in Musik Lieder komponiert werden.“

Gestartet sind die Schüler, bei denen von Mansberg „eine große Lust und ungewöhnlich viel Selbstbewusstsein“ ausgemacht hat, zunächst mit einfachen Übungen. Zum Beispiel jene, bei der sie ihr Gegenüber 30 Sekunden fokussieren und dann, nach einer kurzen Pause, die einzige kleine, hinter ihrem Rücken vorgenommene Veränderung am Gegenüber erkennen sollen. „Das soll ihren Blick schärfen“, erklärt von Mansberg.

Auf eine Frage allerdings hat auch der Theater-Profi momentan noch keine Antwort: Welche Rolle könnte der Theater-Aspekt wohl im Mathe-Unterricht spielen? „Das frage ich mich auch, aber wir werden es sicher noch herausfinden.“

Von Alexander Hempelmann