Wirt, Fußballer, Lüneburger Original: Ulli Bernhardt empfängt Stammgäste und Freunde in seinem Lokal. Ein Mann, mit dem man gut ins Erzählen kommt. Auch bei einem Kaffee. (Foto: t&w)

Wo die Zeit stehen geblieben ist

Lüneburg. Die Vorhänge schimmern gelblich. Sie haben den Qualm von Zigaretten, den Dunst von Schnitzeln mit Pommes, ungezählten Bieren und Schnäpsen aufgesogen. Zig Wäschen spülen das nicht raus. Die Holzbänke und -stühle sind klobig, bezogen mit in Rottönen gestreiften Polstern, Lampen mit Kupfer-Schirmen funzeln, das Bier steht auf derben Tischen. Vieles wirkt hier noch so wie am 1. September 1969, als Ulli Bernhardt und seine Frau Anneliese die Gaststätte Zum Kreideberg eröffnet haben. Seit 50 Jahren betreibt Bernhardt sein Lokal, heute feiert er dieses Jubiläum.

An diesem Nachmittag sitzt ein Gast an einem Tisch. Eine Flasche Jever leistet ihm Gesellschaft. Beide wirken ganz zufrieden damit. Bernhardt hat in sein Wohnzimmer eingeladen, ein kleiner Tisch neben dem Tresen. In einer Ecke stehen Magnesium-Pillen, eine Rechenmaschine, Akten mit Unterlagen, der Pokal „Bester Opa der Welt“, dazu ein Hochzeitsbild und die Todesanzeige seiner Frau. „Sie ist vor drei Jahren gegangen“, sagt der 80-Jährige mit einer dicken Träne im Auge: „Ich vermisse sie noch immer.“

Zeitgeschichte: Die Welt hat sich verändert, der Kreideberg auch. Die Kneipe nicht. (Foto: t&w)
Bernhardt nimmt mit auf eine Reise in die Vergangenheit, die erklärt, wie er an den Thorner Markt kam. Beim Lebensmitteleinzelhändler Thams & Garfs habe er Mitte der 50er gelernt, der habe auch ein Geschäft nahe des Bahnhofs betrieben, später lag ein Betrieb an der Bäckerstraße. Aus dem Einzelhandelskaufmann wird schließlich ein Wirt: „1968 habe ich mit meiner Frau den LSK-Platz übernommen.“ Anneliese hatte im Hotel Scheffler an der Bardowicker Straße gelernt und damit eine gastronomische Grundlage. Die Verbindung zum LSK erklärt sich auch aus Bernhardts Fußballleidenschaft: „Ich habe in der 1. Herren gespielt.“

Zusammenarbeit mit der Panorama-Bar

In den 60er bebaut Lüneburg den Kreideberg, damals entsteht das Hochhaus gegenüber der Wäscheklammer-Kirche. Oben, im achten Stock, thront die mondäne Panorama-Bar. Zwei Betreiber wollen da Geld verdienen. Einer ist Fritz Sallier, der Möbel verkauft und Immobiliengeschäfte betreibt. „Fritz sprach mich an, ob ich nicht das Lokal übernehmen wolle“, erinnert sich Bernhardt. Die Idee: Bei Ulli wird erst gut gegessen, später fahren die Gäste nach oben, um bei einem Drink den Blick über Lüneburg und bis nach Hamburg schweifen zu lassen.

Umzug. Bernhardts Speisekarte wirbt damals für drei Spiegeleier mit Bratkartoffeln für 2,85 Mark, Geflügelsalat Florida mit Toast für einen Heiermann und Rundstück warm für 3,50 Mark. Anneliese regiert am Tresen, später unterstützt von Kellner Barney Quiatkowski. Ulli übernimmt die Küche.

Die Zusammenarbeit mit der Panorama-Bar endet ziemlich abrupt: Im Januar 1972 brennt sie aus: „Das war im Winter, das Wasser kam gar nicht hoch, weil die Leitungen gefroren waren.“ Mehr als 300 000 Mark Sachschaden bilanziert die LZ in ihren Berichten.

Vormittags kommen Schüler, später Bundeswehrsoldaten

Auch ohne Panorama-Bar kommen die Bernhardts gut zurecht. Jugendliche der Christianischule gegenüber entdecken die Kneipe, die vormittags von 10 bis 13 Uhr öffnet. Nicht alle tranken Cola, erzählen heute Herren im besten Alter, die damals dabei waren. Mittagspause, um 17 Uhr beginnt die zweite Schicht. Bernhardt erzählt: „Der Laden war brechend voll. Bundeswehr. Essen, dann zum Stint.“ Kellner Barney, vier Jahrzehnte im Dienst der Bernhardts, kurvt als „Schnitzel-Taxi“ an die Tische.

Dazu Familienfeiern. „Wir hatten manchmal vier Konfirmationen an einem Tag, Hochzeitsgesellschaften.“ Bernhardt wirbelt in einer Küche groß wie ein Kinderzimmer für 40 Plätze vorn und noch einmal so viele hinten im Clubraum. Heute wirkt der Raum so lebendig wie ein Mausoleum. Erinnerungen an den Wänden. Verwaiste Tische, verronnene Zeit.

So kannten Lüneburger sie: Ulli und Anneliese Bernhardt mit Kellner Barney (r.). (Foto: privat)
Alles lange her. Es waren Jahre, in denen noch ein ganz anderes Leben rund um den Thorner Markt pulsierte. Es gab zwei Supermärkte, in einem ist heute die Sparkassenfiliale, die Bäckerei Kamphaus, eine Drogerie, das Papierwarengeschäft, einen Friseur, eine Drogerie, einen Blumenladen, ein Schlachter, die Post. „Alle von damals sind weg“, sagt Bernhardt. „Nur ich bin geblieben.“

Die Jahre verändern bei Bernhardt eine Menge. Eine Erklärung steht neben der Eingangstür: Raucherlokal heißt es auf einem Schild. „Jaaaa“, sagt Bernhardt lang gezogen. „Das war schon ein Einschnitt. Als das mit den Nichtrauchern kam, hatten wir zwei Anzeigen.“ Man merkt ihm an, wie kleinkariert er das vermutlich findet. „Da mussten wir uns entscheiden, Rauchen oder Küche.“ Da die Geschäfte ehe schleppender laufen und sie ihr Alter haben, setzen sie auf die Raucher. Bernhardt lächelt, nippt an seinem Becher mit dickem, rabenschwarzem Kaffee und sagt: „Ich rauche nicht und trinke keinen Alkohol.“

Das ist nicht alles. Auch die legendäre Musikbox muss weichen. Sie hat einem Dart-Automaten Platz gemacht. Die Pfeile dafür liegen in zwei Schalen neben drei Dosen mit Süßigkeiten und Lakritz. „Ach wissen Sie“, sagt Bernhardt. „Musikbox, das wollen die Leute doch gar nicht mehr. Keiner schmeißt mehr Geld rein.“ Das mit dem Dart laufe ganz gut. Die Moderne ist eingezogen, ein DVD-Player und ein Bildschirm setzen nun den Rhythmus, bei dem jeder mit muss: „Wir hören Andrea Jürgens, wirklich schöne Musik.“

Dem Fassbier hat Bernhardt ebenfalls Tschüs gesagt: „Die wollen immer mal was anderes trinken.“ So fährt er los und kauft mal Jever, mal Bitburger, mal Flens. Was gerade passt. Für manchen seiner Gäste dürfte das Trinken eine ernsthafte Angelegenheit sein, der Preis lädt ein. „Bei mir kostet alles 1,50, lässt sich einfacher rechnen“, sagt Berhardt. Bier, Korn, aber auch der Bacardi. „Die Cola gibt‘s umsonst oben drauf.“

Stammgäste fährt er persönlich nach Hause

Er begrüßt seine Runden, die zum Knobeln und Skat spielen kommen. Einer ist von Anfang an dabei: Klaus „Tuta“ Beckmann. Eine Fußball-Legende in Lüneburg, der einst Uwe Seeler auf seiner Schulter trug und dessen Kontakt zum alten HSV-Star wohl nie abgerissen ist.

Bernhardts Telefon klingelt, Tuta ist dran. Ob er heute kommen könne. Klar kann er. „Ja, klar. Und hinterher fahre ich dich nach Hause“, sagt Ulli zu seinem Kumpel. Das mache er gern für seine Stammgäste, selbst nachts um zwei: „Das gehört dazu. Ich bin ja immer nüchtern.“

Wie lange er weitermachen will? Komische Frage, findet Bernhardt: „Soll ich abends vorm Fernseher sitzen? Nee, hier ist mein Leben.“ Das noch mehr, nachdem seine Anneliese ihn für immer verlassen hat. So führt er ein offenes Haus für seine Gäste, sechs Tage die Woche, nur Donnerstag sei zu, erklärt Bernhardt mit einer eigenen Logik: „Da fahre ich einkaufen, dann muss ich freitags nicht.“

Wenn irgendwann in der Nacht der letzte Zecher den Heimweg antritt, schließt Bernhardt die Tür ab, geht zum Fahrstuhl und ruckelt hoch in den fünften Stock in seine Zwei-Zimmer-Wohnung. Praktisch, findet er. Und morgen geht es weiter. Was sonst.

Von Carlo Eggeling