Montag , 26. Oktober 2020
Am Schotter scheiden sich die Geister. Die einen finden ihn schick, andere sind gegen diese Art von Versiegelung, weil so Insekten keinen Lebensraum mehr haben. (Foto: U. J. Alexander/stock.adobe.co)

Was tun gegen Schottergärten?

Lüneburg. Schottergärten sind pflegeleicht und werden auch deshalb immer beliebter. Umweltverbände wie der Naturschutzbund (Nabu) hingegen haben den grauen Steinwüsten den Kampf angesagt, weil sie Pflanzen verdrängen und Tieren – insbesondere Insekten – keine Nahrung bieten. Deshalb überlegen bundesweit immer mehr Städte, was sie gegen die versiegelnde Gartengestaltung tun können. Jetzt auch Lüneburg. Im Bauausschuss des Rates soll vorgestellt werden, welche rechtlichen Möglichkeiten es für die Verwaltung gibt, gegen Schottergärten vorzugehen. Die Sitzung beginnt am Montag, 26. August, um 15 Uhr im Huldigungssaal des Rathauses.

In der Vorlage der Stadtverwaltung zum Ausschuss heißt es: „Ökologisch ist diese Gartengestaltung verheerend, da diese Flächen für die Tier- und Pflanzenwelt wertlos sind.“ Grünflächen sind zudem wichtig, damit Regenwasser versickern kann. Außerdem haben sie in Städten eine klimatische Funktion, um Hitze-Inseln zu vermeiden. Mit Blick auf den Klimawandel kommt dem grünen Garten wie auch grünen öffentlichen Flächen also eine große Bedeutung zu.

Verstärkt gegen den Trend zum Schottergarten will auch die große Koalition in Hannover etwas tun. Bereits im Mai hatten SPD und CDU in einem gemeinsamen Entschließungsantrag deutlich gemacht, in Zusammenarbeit mit den Kommunen den bestehenden Rechtsrahmen auszuschöpfen, um die Entstehung von Schottergärten in Neubaugebieten einzudämmen. Laut Niedersächsischer Bauordnung (NBauO) „müssen nicht überbaute Flächen der Baugrundstücke Grünflächen sein. Die Freiflächen können mit Rasen oder Gras, Gehölzen sowie anderen Zier- oder Nutzpflanzen bedeckt sein. (…) Auf den Flächen muss Vegetation überwiegen, sodass Steinflächen aus Gründen der Gestaltung oder der leichteren Pflege nur in geringerem Maße zulässig sind.“

Auf diese gesetzliche Regelung wird die Verwaltung im Bauausschuss eingehen, kündigt Stadtpressesprecherin Suzanne Moenck an. Darüber gebe es aber auch die Möglichkeit, örtliche Vorschriften zu erlassen, zum Beispiel in Bebauungsplänen. Es werde auch um Fragen der praktischen Umsetzbarkeit gehen, zum Beispiel, wer was tatsächlich kontrollieren und ahnden kann. Im Rahmen der Diskussion werde auch der Blick darauf gerichtet, wie man Gartenbesitzer bei einer Begrünung im Sinne der biologischen Vielfalt unterstützen könne.

Pro

Vorgaben? Na klar!

Carlo Eggeling (Foto: t&w)

Wenn die Öko-Bilanz besser ausfallen soll, bedarf es eines gewissen Zwangs. Zwar gehen Schüler und inzwischen selbst Großeltern freitags fürs Klima demonstrieren, doch das ändert augenscheinlich eher wenig. Zahlen zeigen: Es wird mehr geflogen, angeblich gerade von Wählern der Grünen, die Kreuzfahrer werden mehr, und weniger Geländewagen sind auch nicht zu beobachten.

Nehmen Politik und Stadt Schottergärten ins Visier, sollten sie nicht auf halber Strecke stehen bleiben. Wenn Insekten bunte Inseln zum Nisten und Bestäuben finden sollen, steinige Flächen nicht zu einer gewaltigen Heizung werden dürfen, dann muss man eine Systemfrage stellen: Ist propagierte Nachverdichtung der richtige Weg?

Gefühlt pflastern Investoren jede freie Ecke in der Stadt, die bislang Brachfläche, Wiese oder ein Garten war, Stück für Stück mit Bauten zu. Das kann nicht gut für summende Krabbeltiere und die Temperaturen in der Stadt sein. Öko-Verbände, vor allem aber die Grünen ringen um Kaltluftschneisen, gleichzeitig werden angebliche Lücken gefüllt. An der Ecke Hamburger Straße/Schmaarkamp zum Beispiel so, dass ein bisschen Grün eher wie ein Alibi wirkt. Also nicht nur fürs Gewissen ein paar Schottergärten umwandeln, es muss mehr kommen.

Von Carlo Eggeling

Contra

Der falsche Weg

Alexander Hempelmann (Foto t&w)

Vor sechs Jahren haben wir gebaut. Ein schönes Grundstück, ruhig gelegen am Rande der Stadt. Mit großem Obst- und Gemüsebeet, mit Blumen, Grünpflanzen, Obstbäumen, viel Rasen, Holzterrasse, Gartenhäuschen und einem schmalen, kurzen Kiesweg. Wir haben – wie Nachbarn auch – das Grundstück so gestaltet, wie wir es uns ausgemalt haben. Diese Freiheit soll bald ein Ende haben?

Schon jetzt machen Bebauungspläne viele Vorgaben für Häuslebauer. Zur Farbe der Dachziegel und des Klinkers zum Beispiel. Vieles, was der Plan festlegt, ist nachvollziehbar, etwa wenn es um Abstände geht, manches aber auch nicht.

Schottergärten mit eingegitterten Steinen als Abgrenzung, wie sie wenige Nachbarn haben, sind optisch nicht mein Geschmack. Aber im Alter kann manch einer womöglich nicht mehr regelmäßig Unkraut zupfen und Hecken schneiden. Und über Geschmack lässt sich ja trefflich streiten. Einer mag Wildblumen, einer edle Rosen und einer eben Steinwüsten.

Die allermeisten Menschen wissen, wie wichtig die Bienen sind und dass sie Nahrung brauchen. Es hilft, von Zeit zu Zeit dran zu erinnern. Durch Aufklärung, nicht durch Gesetze und Regeln. Zumal die nur etwas bewirken würden, wenn jemand die Einhaltung kontrolliert. Auf eine Gartenpolizei können wir aber gut verzichten.

Von Alexander Hempelmann

Von Antje Schäfer