Mittwoch , 21. Oktober 2020
Kein alltäglicher Fall vor dem Landgericht Lüneburg: Ein 90-Jähriger muss sich wegen zweifachen versuchten Mordes an seiner Ehefrau verantworten. Foto: A/t&w

Ehepartner im Grabenkrieg

Lüneburg. Einerseits hätte Werner F. noch gerne die diamantene Hochzeit für 60 Jahre Ehe mit Edelgard gefeiert. Andererseits brodelte in ihm schon lange eine de rart mörderische Wut, dass der 90-Jährige seiner 84-jährigen Frau erst ein Kissen ins Gesicht drückte und ihr eine gute Woche später einen Hammer auf den Kopf schlug. Dabei waren die Szenen dieser Ehe schon bizarr, bevor das Blut von Edelgard F. auf die hellen Küchenmöbel spritzte. Im Kühlschrank hatte jeder eine eigene Butter und eine eigene Marmelade, auf Behältern klebten Schilder mit ihren Namen. Das sagten am Freitag die Nichte und der Neffe aus, die in Drage nur 70 Meter entfernt von dem betagten Paar leben.

„Sie hat nichts Besseres verdient“

Bevor aber die Familienangehörigen schilderten, wie sehr der Streit um mögliche oder behauptete Geldschenkungen des Seniors an seine Blutsverwandten die Ehe zerrüttete, ging es um die Frage, ob er mit der Absicht angriff, zu töten. In der Verhandlung vor der 4. großen Strafkammer hatte Werner F. ausgesagt, er habe seiner Frau einen Hammer auf den Kopf geschlagen, um ihr einen Denkzettel zu verpassen. Gegenüber dem Polizeibeamten Christopher W. habe er dagegen kurz nach der Tat gesagt, dass er seine Frau tot schlagen wollte. Und: „Sie hat nichts Besseres verdient.“ Den 1-Kg-Gummihammer habe er ausgewählt, weil dieser eine größere Trefferfläche habe, den Tötungsvorsatz schon einen Tag vor der Tat gefasst. Als er in der Vernehmung die Szene schilderte, wie seine Frau blutend und um ihr Leben flehend vor ihm saß, notierte sich der Beamte den Satz: „Hätte ich da den Hammer noch gehabt, wäre sie erledigt gewesen.“

Den Angriff mit dem Sofa-Kissen redete Werner F. dagegen sowohl vor dem Gericht als auch vor der Polizei klein. Im Prozess wollte er sich nur an ein „Gekabbel“ erinnern, gegenüber dem Beamten sagte er, er habe ihr das vorne hellbeige und hinten mit einem braunen Raubkatzenprint versehene Kissen ins Gesicht gedrückt, „um sie zu besänftigen“ beziehungsweise „zu erschrecken“.

Paar befand sich in einem Grabenkrieg

Während Schwiegertochter Irene F. (66) am ersten Prozesstag vom „psychologischen Druck“ auf Werner F. gesprochen hatte, sah Nichte Yvonne H. (46) eher einen „Psychokrieg“ des Seniors gegen seine Frau – vor allem wegen des wiederholten Vorwurfs, sei sei dement, weil sie ihn beschuldige, die Ersparnisse zu verschenken.

Nach 58 Ehejahren befand sich das Paar in einem Grabenkrieg. Er bestritt, fünfstellige Summen aus dem Tresor in der Werkstatt an seine Blutsverwandten verschenkt zu haben. Sie drängte ihn, dies doch endlich zuzugeben. Der Boden für das Drama in zwei Akten im Februar und März war bereitet.

Von Joachim Zießler

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