Montag , 26. Oktober 2020
Ein Bussard thront auf einer Ansitzstange und beäugt den Deich. (Foto: Wichers)

Wenn Mäuse zur Plage werden

Artlenburg. Eine massive Mäuseplage richtet zurzeit auf Grünlandflächen Schäden an. Zum Unmut der Landwirte, die finanziell darunter leiden. Das berichtet die Landwirtschaftskammer Niedersachsen. „Vor allem die humosen Böden in der Marsch sind betroffen“, sagt Dr. Christine Kalzendorf, Beraterin für Grünland, Ackerfutterbau und Futterkonservierung bei der Landwirtschaftskammer.

Vor allem Flächen in Elbnähe sind betroffen

Im Landkreis Lüneburg sind ihr zufolge somit vor allem Flächen in Elbnähe von einer starken Vermehrung von Feldmäusen betroffen. „Ein Grund ist der Klimawandel. Seit einigen Jahren gibt es keine länger anhaltenden kalten Winter mehr, die für kalte Füße bei den Mäusen sorgen und zur Reduzierung des Bestandes führen würden“, erklärt sie. Vielmehr hätten die beiden sehr warmen und trockenen Sommer in diesem und vorigem Jahr dazu beigetragen, dass sich die Nager kräftig fortpflanzen. „Mäuse lieben die Trockenheit und vermehren sich deshalb so sehr.“

Über Schäden von erheblichem Ausmaß berichtet die Landwirtschaftskammer. Fachleute beziffern die Verluste mit drei Euro pro Maus, wenn aus dem Gras Silage als Rinderfutter gewonnen werden soll, heißt es in einer Pressemitteilung der Kammer: „Die Schäden entstehen insbesondere durch den unterirdischen Fraß der Tiere, der die Grasnarbe zerstört und die oberirdische Blattmasse absterben lässt. Dadurch leiden Hygiene und Qualität des Futters. Wo kein Gras mehr wächst, siedeln sich Unkräuter an, und schnell können sich minderwertige Weiden entwickeln.“ Überdies, so Kalzendorf, müssen diese zerstörten Flächen mit einer Neuaussaat wieder hergestellt werden.

Sitzstangen für Greifvögel

Sie hat Zahlen parat, die den Populationsanstieg bei den Mäusen verdeutlichen sollen: „Ein Mauswurf besteht im Schnitt aus 13 Jungen. Im Alter von 33 Tagen sind die weiblichen Tiere geschlechtsreif und nach 21 Tagen Tragezeit gebären sie die nächste Generation.“ Sie betont aber auch, dass die aktuelle Mäuseplage eine ganz natürliche Schwankung sei, die in erster Linie mit natürlichen Mitteln auch wieder in den Griff zu bekommen sei.

Die Landwirtschaftskammer rät betroffenen Bauern, Sitzstangen für Greifvögel aufzustellen und damit die natürlichen Fressfeinde der Mäuse zu fördern. Auch Fallen und unterirdisch verlegte Giftköder – Letzteres setze unbedingt einen Sachkundenachweis voraus – können zur Eindämmung der Plage beitragen, glauben die Experten der Kammer. „Im Allgemeinen hilft auch eine intensive Nutzung des Grünlandes, zum Beispiel durch weidende Kühe. Das stört die Mäuse und vertreibt sie“, heißt es in der Pressemitteilung der Kammer. Angesichts des trockenheitsbedingt geringen Graswuchses sei diese Möglichkeit derzeit aber vielerorts eher unrealistisch.

Rötelmaus hat sich stark vermehrt“

Thomas Mitschke, Kreisvorsitzender des Naturschutzbundes (Nabu), hat ebenfalls Rückmeldungen, dass es in diesem Sommer mehr Mäuse gibt als üblich. „Das ist bei einigen Mitbürgern ein Riesenthema, vor allem auf dem Land, wo sich die Rötelmaus stark vermehrt hat“, sagt er. Ein Grund für den Anstieg auch bei den Waldwühlmäusen, wie die Rötelmaus ebenfalls bezeichnet wird, ist für ihn, dass der Mensch das ökologische Gleichgewicht von Mäusen und ihren natürlichen Feinden zerstört habe. „Zu dieser Schieflage trägt vor allem die Fuchsjagd bei. Die Jäger bejagen den Fuchs zu intensiv“, kritisiert er. Mitschke fordert, auf das Bejagen des Fuchses zu verzichten. „Weil es ökologischer Unsinn ist.“ Marder und Iltisse sollten zudem in Ruhe gelassen werden, meint er. „Auch sie jagen Mäuse.“

Gift wäre der falsche Weg, so der Nabu

Mausefallen seien das richtige Mittel, um den Plagegeistern auf den Leib zu rücken, wenn es zu viele sind. „Auf keinen Fall Gift einsetzen. Das ist der falsche Weg. Lieber wäre es mir, den Lebensraum von Greifvögeln zu verbessern“, meint Mitschke. Daher findet er den Ratschlag der Landwirtschaftskammer gut, vermehrt Sitzstangen aufzustellen.

Auch der Artlenburger Deichverband (ADV) greift zu diesem Mittel, um Mäuse an seinen Deichen zu bekämpfen. „Wir stellen jedes Jahr mehr als 60 dieser Sitzkrücken für Greifvögel auf, weil wir auf die natürliche Bekämpfung setzen“, sagt ADV-Geschäftsführer Ansgar Dettmer. Manchmal komme der Verband allerdings nicht umher, Giftköder dosiert gegen Feldmäuse einzusetzen. „Seit 2017 konnten wir darauf verzichten, in diesem Jahr wohl nicht, weil die Zahl der Tiere massiv angestiegen ist“, berichtet er.

Denn: „Feldmäuse schädigen die obere Schicht der Deiche, indem sie kleine Löcher hineingraben. Oft buddeln Hunde diese auf und vergrößern sie noch“, erklärt Dettmer. Bei Hochwasser kann in diese Beschädigungen dann Wasser eindringen. „Dadurch werden die Deiche instabil. Und das müssen wir unbedingt verhindern.“ Wühlmäusen rückt der Deichverband hingegen nicht auf den Leib. „Für die Bekämpfung müssten wir Gas einsetzen. Das machen wir aber nicht.“

Von Stefan Bohlmann