Wird Fleisch bald deutlich teurer? Foto: Fotolia

„Klimapolitisch sind 80 Kilo pro Jahr nicht vertretbar“

Lüneburg. Werden Schnitzel und Wurst bald teurer? Die Agrarpolitiker der Bundestagsfraktionen von Grünen und SPD haben das Thema zumindest aufgetischt. Die LZ sprach dazu mit der Lüneburger Landtagsabgeordneten Miriam Staudte, die im Landtag von Niedersachsen Sprecherin für Landwirtschaft & Ernährung, Atompolitik, Tierschutz, Forst, Jagd & Fischerei in der Grünen-Fraktion ist.

Wer zahlt mehr, wenn die Mehrwertsteuer steigt?
Miriam Staudte: Wenn der reduzierte Steuersatz auf Fleisch aufgehoben wird, zahlt jeder Konsument von Fleischprodukten mehr. Allerdings glaube ich nicht, dass das den meisten Leuten überhaupt negativ auffallen wird, denn Fleisch ist bei uns ein Billigprodukt geworden. Die soziale Frage lautet nicht: Können sich ärmere Menschen Fleisch leisten, sondern können Sie sich frisches Obst und Gemüse leisten. Beim Hamburger Kita-Essen wurde der hohe Fleischanteil damit begründet, dass Obst und Gemüse zu teuer seien.

Die Deutschen sind echte Fleischvertilger, es darf auch ruhig billig sein. Glauben Sie nicht, dass es zu einem Aufschrei führt, wenn Fleisch teurer wird?
Wir erleben doch regelmäßig eher einen Aufschrei, wenn Verstöße gegen den Tierschutz in Ställen, beim Tiertransport und bei der Schlachtung bekannt werden. Die Gesellschaft erwartet doch eher endlich ein politisches Handeln. Wenn die Kosten für die Abstellung dieser Umstände auf diejenigen umgelegt werden, die Fleisch konsumieren, ist das nur gerecht.

Könnte die Folge der Erhöhung nicht auch sein, dass Landwirte für Rind und Schwein weniger bekommen, damit Steak, Bratwurst und Aufschnitt zu nicht erhöhten Preisen über den Verkaufstresen gehen?
Die tierhaltenden Betriebe sind ja diejenigen, die Einnahmen zweckgebunden für Umbauten erhalten sollen. Ich denke, viele würden diese Maßnahme begrüßen. Hauptursache des Preisdrucks in der Landwirtschaft ist die Orientierung am Weltmarkt und dem Preisdruck, der dort herrscht. Durch Freihandelsabkommen werden regelmäßig die Interessen der hiesigen Landwirtschaft für bessere Absatzmöglichkeiten für die Automobilindustrie geopfert.

Die Steuermehreinnahmen sollen zweckgebunden für mehr Tierwohl eingesetzt werden. Wofür sollen diese aus Ihrer Sicht konkret eingesetzt werden?
Da sind die Möglichkeiten vielfältig. Grundsätzlich geht es um mehr Platz, die Haltung auf Stroh und um Auslauf für die Tiere. In der Sauenhaltung steht die Abschaffung der Kastenstände an. Aber auch die Förderung mobiler Schlachteinheiten ist sinnvoll, um Direktvermarktung zu fördern und Tiertransporte zu verhindern.

Der Vorstoß, die Mehrwertsteuer auf Fleisch zu erhöhen, ist nicht neu. 2017 forderte das die Präsidentin des Umweltbundesamtes. Mit den Einnahmen sollten pflanzliche Lebensmittel und öffentliche Verkehrsmittel billiger gemacht werden. Stehen die Chancen für eine Umsetzung auch mit Blick auf den Klimawandel heute besser?
Ja, dass von vielen Seiten Zuspruch statt Empörung kommt, liegt an der Klimadebatte, die noch nie so breit und so ernsthaft geführt wurde. Die Bewegung Fridays for Future beginnt die Gesellschaft zu verändern. Das freut mich.

Muss das Umdenken noch weitergehen? Sollten wir uns von Fleisch von Säugetieren verabschieden und uns Insekten-Burgern zuwenden?
Grundsätzlich muss der gesellschaftliche Fleischverzehr in den Industriestaaten gesenkt werden. Ein Pro-Kopf-Verbrauch von 80 Kilo im Jahr wie in Deutschland ist klimapolitisch nicht vertretbar. Wir importieren ja Soja aus Ländern, die den Regenwald dafür roden, um unsere Tiere zu füttern. Wie und wieviel jeder zur Reduktion betragen kann und will, muss jeder selbst entscheiden. Aber die Politik sollte die Rahmenbedingungen dafür schaffen.

Von Antje Schäfer