Samstag , 26. September 2020
Die Notaufnahme wird nicht nur von Einsatzfahrzeugen angesteuert. Oft kommen auch Patienten mit leichteren Erkrankungen und Verletzungen, obwohl ihnen auch ambulant geholfen werden könnte. Foto: t&w

Schnellere Hilfe im Notfall

Lüneburg. Notfallaufnahmen in Krankenhäusern sind oft überlaufen. Ein Grund dafür ist, dass diese auch Patienten mit leichteren Erkrankungen und Verletzungen ansteuern, obwohl ihnen auch ambulant von niedergelassenen Ärzten geholfen werden könnte. Gesundheitsminister Jens Spahn will die Notfallversorgung nun reformieren.

Die Vorschläge seien gute Anregungen zur Patientensteuerung, meinen Dr. Jörg Cramer, Ärztlicher Direktor des Lüneburger Klinikums, und Oliver Christoffers, Geschäftsführer der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN), Bezirksstelle Lüneburg. Gleichwohl sei das Ganze auch eine Frage von Personal und das ist derzeit im medizinischen Bereich knapp.

Auch eine Frage des Personals

Geschaffen werden sollen Gemeinsame Notfallleitstellen (GNL), bei denen die Rufnummern 112 (Rettungsdienste) und 116117 (Ärztlicher Bereitschaftsdienst der KV) faktisch zusammengeschaltet werden. In einem Ersteinschätzungsverfahren sollen Mitarbeiter ermitteln und entscheiden, ob der Anrufer ein Fall fürs Krankenhaus oder für einen ambulanten Arzt ist. Diese Form der Notfallkoordination habe sich in anderen Ländern bereits seit Jahren etabliert und bewährt, sagt Dr. Cramer. Derzeit käme es aber immer wieder vor, dass Menschen die 112 wählen würden, obwohl kein akuter Notfall vorliege. Das führe zu einer falschen Inanspruchnahme der Rettungsdienste, gegebenenfalls auch des Notarztes. Die GNL gewährleiste eine verbindliche Einschätzung, in welche Versorgungsebene ein Patient zu vermitteln sei. Christoffers weist daraufhin, dass die Daten der Ersteinschätzung zudem an die Rettungsdienste gehen sowie an die Integrierten Notfallzentren (INZ).

Diese sollen nach Vorstellung von Spahn an bestimmten Krankenhäusern eingerichtet werden. Dabei handelt es sich um eine erste Anlaufstelle nach dem Ein-Tresen-Prinzip, die von Krankenhäusern und den Kassenärztlichen Vereinigungen gemeinsam errichtet und betrieben werden soll. Hilfesuchende sollen dort nach der Ersteinschätzung entweder eine ambulante Notfallversorgung erhalten oder es soll eine stationäre Versorgung veranlasst werden. Rund um die Uhr an jedem Tag in der Woche sollen die Notfallzentren geöffnet sein. Im Prinzip ebenfalls ein guter Schritt, so Cramer, allerdings sei offen, wie diese Zentren in bestehende Gebäude integriert werden könnten.

Der Patient kann entscheiden

Die Kassenärztliche Vereinigung blicke mit etwas Sorge darauf, dass für die INZ Personal bereitgestellt werden müsse, sagt Christoffers. „Denn wesentliches Merkmal sei, dass sie eigenständig sein werden, mit eigenem Personal.“ Dieses könnte dann an anderer Stelle fehlen, denn bekanntlich gibt es jetzt schon zu wenige Ärzte im stationären und ambulanten Bereich.

Eine Vorstufe zu den INZ, bei denen das Land im Übrigen entscheidet, an welchen Krankenhäusern diese entstehen, wird es bereits ab dem Herbst im Lüneburger Klinikum geben. Dann zieht der Ärztliche Bereitschaftsdienst aus der Jägerstraße ans Klinikum, wird dort wie auch die Notaufnahme des Klinikums einen Tresen haben. „Der Patient kann entscheiden, welchen Tresen er ansteuert“, macht Cramer deutlich. Aber wenn bei einem Patienten, der den Bereitschaftsdienst der KV aufsucht, festgestellt wird, dass er einer Diagnostik zum Beispiel per Computertomografie oder weitergehender Behandlungen bedarf, könne er direkt in die Klinik-Ambulanz verwiesen werden. Zum anderen gebe es Patienten, für die aufgrund ihrer Beschwerden nicht die Klinik-Notfallambulanz die richtige Anlaufstelle sei und die in der KV-Bereitschaftspraxis eventuell schneller versorgt würden.

Von Antje Schäfer