Sonntag , 27. September 2020
Woodstock, Hippies, Flowerpower - der "Summer of '69" war ein Sommer der Veränderung. Auch in Lüneburg wurde die gesellschaft bunter und toleranter. Foto: privat

Der Sommer, der die Republik durchlüftete

Lüneburg. Selbst Mythen können übersehen werden. So sucht man das Wort „Woodstock“ in den Ausgaben der Landeszeitung vom 15. bis zum 17. August 1969 vergebens. Und auch in den Wochen danach widmeten die Kollegen dem Festival mit seinen 400 000 Besuchern keine Zeile. Dabei blickten sie durchaus über den Atlantik. Die brutalen Morde an der Schauspielerin Sharon Tate und ihren Freunden etwa wurden Tag für Tag beleuchtet. Lange, bevor Charles Manson und seine Sekte überführt wurden, munkelte die LZ, dass Drogen im Spiel gewesen sein könnten. Die dunkle Seite des Sommers von 1969 – Drogen und Gewalt –, schaffte es also durchaus in die Schlagzeilen. Die Flowerpower-Seite, für die die im Schlamm tanzenden Blumenkinder von Woodstock stehen, dagegen nicht. Die LZ widmete sich lieber ganzseitig dem Schützenfest als „dem Volksfest des Jahres“. Schützenkönig Peter Kruse stach Joe Cocker aus. Hat der Sommer vor 50 Jahren die ganze bundesrepublikanische Gesellschaft durchlüftet – nur Lüneburg nicht? Zeitzeugen haben eine andere Erinnerung:

Die ersten Straßenmusiker

Anzugträger nannten sie „Gammler“. Nicht wenige Jugendliche widersetzten sich den Anforderungen der Wirtschaftswunder-Gesellschaft. Foto: privat

„Das war eine abenteuerliche Zeit“, sagt Christian „Rubbel“ Salvesen (Jahrgang 1951). Er trat 1968 beim LZ-Beat-Festival im Schützenhaus als einziger Solist auf und erzählt in Filmclips auf der Internetseite „Memoro“ („Die Bank der Erinnerungen“) von seiner Zeit als musizierender Hippie in Lüneburg. Neun Jahre lang ging der Pastorensohn aus Artlenburg in Lüneburg zur Schule, bekam mit, wie Mitte der 60er-Jahre die ersten Hippies auftauchten. Die Schüler, die in die Salzstadt pendelten, trafen sich auf einen Kaffee für 30 Pfennig bei Tchibo oder Rauno in der Bäckerstraße. „Und dort trat ich auch als einer der ersten Straßenmusiker auf – mit Mundharmonika und Bob-Dylan-Songs.“

Die Begeisterung der Eltern dürfte überschaubar gewesen sein, wie er in einem anderen Video-Clip durchscheinen lässt: „Geige und Klavier sollte ich erlernen, Gitarre habe ich mir selbst beigebracht.“ Mit Geige hätte er in dem Beat-Schuppen, der in Artlenburg an der Elbe aufgemacht hatte, wohl auch nicht auftreten können.

Die Hymne von Woodstock

Dass Jimi Hendrix am 18. August 1969 in Woodstock als Schluss-Act auf die Bühne trat, bekam Ralph Tegeler (Jahrgang 1950) mit, auch wenn die LZ nicht berichtete. „Hendrix war die Nummer 1 für mich“, sagt Tegeler, der seit Jahrzehnten auf Lüneburgs Bühnen steht. Hendrix war es vorbehalten, dem Urahn aller Open-Air-Konzerte eine Hymne zu verschaffen – als er die US-Nationalhymne anstimmte, The Star Spangled Banner. Mit Verzerrungen und Rückkopplungen imitiert Hendrix dabei Bombeneinschläge und Maschinengewehrfeuer – ein künstlerisches Echo der Spannungen im Land aufgrund des Vietnamkrieges.

„California-Girls“ statt Hendrix

Sommer 1969: Eine 33-tägige Dürre verheerte die Grünanlagen, aber das Eis in der Bäckerstraße schmeckte trotzdem. Foto: privat

An dem Montag, als Hendrix die US-Hymne zersägte, sorgten die „California-Girls“, ein Chor aus 28 jungen Sängerinnen aus dem Sonnenstaat, im Lüneburger Kurpark für Frohsinn. Neben
29 Folklore und Spirituals standen auch deutsche Operettenlieder auf dem Programm. Die Schockwellen der Antikriegsbewegung hatten die Garnisonsstadt noch nicht erreicht. Die LZ widmete eine Seite den Niedersachsen, die in der „Königlich Deutschen Legion“ gegen Napoleon gekämpft hatten.

Musik spiegelte das Lebensgefühl

Ralph Tegeler spielt am liebsten die Musik der damaligen Aufbruchszeit, „The Who“ und auch Hendrix‘ „Red House“. „Natürlich war Musik damals auch Teil des Protests, denkt man nur an Joan Baez und Bob Dylan. Aber wenn wir mit ´Those Hooks` oder danach mit ´Nebbich` im ´Starpalast` am Altenbrücker Ziegelhof auftraten, war es noch etwas anderes. Das Lebensgefühl: Wir haben unser eigenes Ding. Viel geiler als der Kampf um den wirtschaftlichen Aufstieg war doch das Gefühl bei einem Auftritt.“

„Hippie“ für die einen, „Gammler“ für die anderen

Ein Lebensgefühl, das es noch nicht bis in die Stellenanzeigen der LZ geschafft hatte. Dort warb die Firma „Industrie-Schutz-Produkte“ aus der Bessemerstraße mit dem Slogan um neue Mitarbeiter: „Der Wirtschaftsaufschwung geht weiter“. Die Gummihandschuhe, die die Firma herstellte, hätten manche bürgerlichen Lüneburger wohl am liebsten vor dem Kontakt mit der jungen Generation übergezogen. Immer wieder platzierten die Redakteure einzelne, lediglich mit einer Überschrift versehene Bilder, die höchstmögliches Befremden transportierten: „Fast jeden Tag: Die unruhige Generation“, stand über einem Foto von der Festnahme eines Demonstranten. Und „Das Mädchen und die Gammler“ über einem, das eine adrett gekleidete junge Frau vor gleichaltrigen, aber langhaarigen Bärtigen zeigte, die auch noch bettelten.

Blusen wie Klarsichtfolien

Christian Salvesen spekulierte vor 50 Jahren schon darauf, dass ihm als Straßenmusiker die Gunst der Mädchen zuflog, wie er im Videoclip freimütig einräumt. „Uns ging es um Love and Peace“, sagt auch Ralph Tegeler. Immerhin, die sexuelle Befreiung fand auch in der LZ ein Echo. Aus dem Atlantikbadeort Biarritz wurde berichtet, dass neben „Sommer, Sand und Sex“ ein viertes „S“ getreten sei: „Surf“ – wie noch nicht ganz fehlerfrei über das Wellenreiten geschrieben wurde. Und im Magazin durften Männer kundtun, wie sie es fänden, „wenn Frauen sich zu gewagt anziehen“, also im „Klarsichtfolien-Look“. Tenor: Aufgeschlossen bei anderen Frauen, ablehnend bei der eigenen.

Im Nebel des Rausches

Vor 50 Jahren wurde das legendäre Rock-Festival Woodstock in Bethel zum Symbol der Hippiebewegung. Foto: dpa

Der Traum von einer anderen Welt mündete für viele im Rausch, erinnern sich übereinstimmend die Lüneburger Zeitzeugen. Salvesen: „Die einen nahmen harte Drogen wie Heroin, die anderen wurden politisiert. Beides war nicht so mein Ding.“ Tegeler: „Ich habe zum Glück die Finger vom Heroin gelassen. Damals starben viele jung.“ In Woodstock selbst war Tegeler nicht gewesen. „Für mich war das zu groß. Das hätte mir Angst gemacht. Nachher gerate ich auf einen Trip, von dem ich nicht wiederkomme.“

Mehr als Nostalgie

Im Oktober 2018 traten einige der Bands aus der Lüneburger Szene der 60er bei einem Beat-Revival auf. Ralph Tegeler hat es genossen: „Das war ein großartiger Abend. Das Beat-Feeling erfüllte den Raum.“

Doch der Sommer vor 50 Jahren hinterlässt mehr als sentimentale Erinnerungen an Flowerpower und die Hippiebewegung. Er ist Teil der Flegeljahre der noch nicht volljährigen Republik, die durch die Revolte gegen die Väter geprägt waren. Ungeplant übte sich die Republik dabei in Pluralismus. Die Gesellschaft wurde bunter und toleranter – auch in Lüneburg. Damals lösten Proteste und alternative Lebensstile noch Panik aus. Heute sind sie Teil der Gesellschaft.

von Joachim Ziessler