Henry Haase und seine Hündin Kira lieben den Wald. Doch der Forstdirektor macht sich Sorgen wegen der anhaltenden Dürre und des Befalls vieler Bäume durch den Borkenkäfer. Foto: t&w

„Das wäre eine Katastrophe“

Lüneburg. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht über das Klima diskutiert oder deswegen gestreikt wird. Aktuell wird dieses Thema durch Hitzerekorde und Dürreperioden befeuert, die nicht nur der Landwirtschaft zusetzen. Auch der Wald leidet bereits erkennbar massiv unter der anhaltenden Trockenheit und ihren Nebenerscheinungen. Wie darauf kurzfristig reagiert werden kann und welche Konsequenzen ein verändertes Klima für die heimischen Wälder und die CO₂-Bilanz hat, darüber hat die LZ mit Forstdirektor Henry Haase gesprochen. Bei den Niedersächsischen Landesforsten ist er für den Holzverkauf für Nordniedersachsen verantwortlich.

Herr Haase, die Niedersächsischen Landesforsten besitzen rund 330.000 Hektar Wald. Doch dem Wald geht es nicht gut. Wie viele Ihrer Bäume sind krank?
Henry Haase: Kranke Bäume haben wir mehr oder weniger auf der gesamten Fläche, weil die Trockenheit flächendeckend bei uns zuschlägt. Einen Schwerpunkt unserer Schäden haben wir im Süden Niedersachsens, hauptsächlich im Solling und im Harz. Insbesondere in diesem Raum haben wir bis jetzt schon etwa 7000 Hektar Wald, die wir ersetzen müssen.

Wie ist denn die Situation hier in der Region Lüneburg?
Etwas entspannter, weil wir den Sturm Friederike im Januar 2018 nicht ganz so stark abbekommen haben. Aber die Dürre hat auch bei uns zugeschlagen, insbesondere in der Göhrde, wo wir schon immer etwas weniger Niederschlag hatten. Es gibt Standorte, an denen Bäume mit ihren Wurzeln im Trockenen hängen und entsprechend geschädigt sind und absterben.

Und was ist mit dem Borkenkäfer? Es heißt, er habe viele Bäume geschädigt.
Ursache sind die Trockenheit und die Windwürfe in 2017, 2018 und zuletzt nochmal im März 2019. Dadurch gab es jede Menge bruttaugliches Material für den Borkenkäfer, sodass er sich rasant vermehren konnte.

Welche Bäume sind denn besonders betroffen?
Massiv die Fichte, in geringerem Umfang die Buche und die Lerche. Zusätzlich stirbt jetzt noch die Buche ab, allerdings durch Dürreschäden, nicht durch den Borkenkäfer.

Wie will man denn jetzt dagegen angehen? Man kann ja den Wald nicht wässern wie einen Garten.
Wir müssen hoffen, dass es regnet. Alles, was wir machen können, ist, dass wir geschädigte Bäume mitsamt den Borkenkäfern möglichst schnell aus dem Wald herauszuholen. Zudem stellen wir Fallen auf, mit denen wir die Borkenkäfer wegfangen. Viel mehr ist nicht möglich. Und dann müssen wir beginnen, Mischwälder anzupflanzen, die klimaresistenter sind.

In letzter Zeit wurde im Zusammenhang mit den Waldschäden im Harz geäußert, dass die Wälder sich dort schon von allein erholen werden, es brauche nur entsprechend Zeit. Muss man sich also doch keine Sorgen machen?
Da würde ich mir ausgeprägte Sorgen machen, denn dort, wo die Fichten jetzt absterben, samen sich überwiegend natürlich auch nur wieder Fichten an. Wir würden das Problem also nur für die nächste Generation fortschreiben, sofern sich die Bäume denn überhaupt verjüngen. Denn insbesondere im Harz gibt es etliche Rotwildbestände, die viel von dem, was aufkeimt, durch Verbiss wieder zunichte machen.

Wenn nicht die Fichte, was dann?
Wir werden vermehrt auf klimaresistente Arten setzen. Die Kiefer wird einen deutlich höheren Anteil bekommen, weil sie als Pionierbaumart mehr Trockenheit verträgt. Außerdem mehr Douglasie und Eiche und weniger die atlantische Buche, die sehr viel Feuchtigkeit benötigt. Weil wir neue Mischbestände begründen wollen, haben wir die einzelnen Standorte hinsichtlich Bodenbeschaffenheit und Klimaerwartung untersucht und auf Basis dieser Informationen ein Konzept für entsprechende Baumartenmischungen für unsere gesamte Fläche entwickelt.

Heißt das, dass die Göhrde in 20 oder 30 Jahren nicht mehr so aussieht wie heute?
Ja und nein! Aber keine Sorge, wir werden alles, was möglich ist, unternehmen, um den Göhrdewald zu retten. Er wird weiter von der Kiefer geprägt sein, unterstützt von Douglasien und Eichen mit einem etwas geringeren Anteil Buche.

Dürre und Borkenkäfer haben Ihnen einen satten Holzeinschlag verschafft. Als Holzverkäufer müssten Sie sich darüber doch eigentlich freuen.
Ganz im Gegenteil. Durch die Katastrophen, die seit 2017 über uns hereingebrochen sind, ist so viel Holz auf dem Markt, dass es von der heimischen Holzindustrie gar nicht mehr aufgenommen werden kann. Der Markt für rundes Nadelholz ist komplett kollabiert, die Preise sind im Keller. Gleichzeitig ist die Holzernte vielerorts deutlich teurer geworden. Mittlerweile packen wir bei jedem Kubikmeter Holz, den wir verkaufen, noch Geld dazu. Das bringt auch viele private Waldbesitzer in existenzielle Nöte. Viele werden nicht mehr in der Lage sein, neue Bäume anzupflanzen. Politische Unterstützung ist daher unerlässlich.

Welcher finanzieller Schaden ist denn entstanden?
Im abgelaufenen Jahr gab es einen Verlust von knapp sechs Millionen Euro, in diesem Jahr werden wir vermutlich bei 15 bis 18 Millionen Euro Verlust landen. Dabei sind die Schäden an unserem Vermögen, dem stehenden Holzvorrat, sowie zusätzliche Aufforstungskosten und die Beseitigung von Schäden an unseren Wegen noch gar nicht einkalkuliert.

Und was machen Sie jetzt mit dem ganzen Holz?
Wir schauen verstärkt nach Fernost und sind froh, dass wir nennenswerte Mengen von Käfer-befallenen Fichten an Kunden in Indien, China oder Korea verkaufen und so den deutschen Markt entlasten können. Eine preisliche Erholung wird es hier auf absehbare Zeit aber wohl nicht geben.

Welche Auswirkungen hat das neue Waldsterben denn für das Klima? Bäume sind ja auch ein wichtiger CO₂-Speicher. Das kann ja nicht folgenlos bleiben.
Das ist korrekt. Der Wald ist einer der wichtigsten CO₂-Speicher. Wenn nicht wieder neuer Wald entsteht, wäre das schlichtweg eine Katastrophe für Deutschland und die CO₂-Bilanz. Wir gehen aber davon aus, dass wir unsere Flächen auf alle Fälle wieder aufforsten.

Wenn Holz aber ein so wichtiger CO₂-Speicher ist, wäre es dann nicht sinnvoll, Holz stärker zu nutzen als weiter auf Beton und Ziegel zu setzen, die bei ihrer Produktion sogar noch CO₂ produzieren.
Das wäre absolut der richtige Weg. Andere Bundesländer wie Baden-Württemberg sind da weiter, Niedersachsen hängt sehr zurück. Das liegt auch an der Niedersächsischen Bauordnung, die nach wie vor Holzbaustoffe deutlich benachteiligt. Insofern wäre eine Novellierung der Bauordnung mehr als überfällig, um den regenerativen CO₂-speichernden Werkstoff Holz vermehrt im Bau einsetzen zu können. Wenn Deutschland mit der CO₂-Reduzierung wirklich vorankommen will, wird es ohne den Wald und den verstärkten Einsatz von Holz im Bau nicht gehen.

Von Ulf Stüwe

Folge der Trockenheit

Buchenwälder werden zur Gefahr

Die lang anhaltende Dürre im vergangenen Jahr trifft auch Buchen. Ihnen setzen verstärkt holzzersetzende Pilze zu, die Bäume sterben ab und müssen gefällt werden – ein gefährliches Unterfangen. Von abgestorbenen großen Buchen geht laut Niedersächsische Landesforsten (NLF) aber auch eine erhebliche Gefahr für Waldbesucher aus, da starke Äste oder Kronenteile ohne Windeinwirkung und Vorwarnung herabstürzen können.

In Hessen und Thüringen wurde das Betreten von Buchenwäldern bereits verboten. Ein Betretungsverbot auch für niedersächsische Buchenwälder ist laut NLF für die besonders betroffenen Regionen in Südniedersachsen „sehr wahrscheinlich, in der Region Lüneburg aktuell allerdings noch nicht absehbar“.

Baustoffe im Vergleich

Aluminium ist CO₂-Spitzenreiter

Bei der Produktion von Baustoffen wie Aluminium, Beton oder Ziegeln wird auch CO₂ produziert. Anders beim Holz, das Kohlendioxid aus der Luft aufnimmt und als Sauerstoff wieder abgibt. Die nachfolgenden Zahlen geben an, wie viel CO₂ bei der Produktion von 1000 Kilogramm des jeweiligen Baustoffes entsteht:

  • Aluminium: 13.000 kg
  • Beton: 1540 kg
  • Ziegel: 1350 kg
  • Holz: -1550 kg
    Quelle: IBO - Österreichisches Institut für Baubiologie und -ökologie