Dennis Pietsch vom Issum Verein lässt seinen Schäferhund „Konan“ über die Hindernisse fliegen. (Foto: t&w)

Die mit dem Hund sprinten

Brietlingen. Die Anfeuerungsrufe vom Spielfeldrand waren auf dem Gelände des TuS Brietlingen genauso leidenschaftlich wie immer. Nur der aggressive Biss der Fußballer fehlte. Und das, obwohl die Sportler, die am Wochenende ihre Bundessiegerprüfung ausfochten – also die Qualifikation für die Deutschen Meisterschaften – sehr viel besser zubeißen könnten. 300 Hunde mitsamt ihrer Besitzer maßen sich im Turnierhundsport – also etwa beim 5000-Meter-Geländelauf, Gehorsamsaufgaben und 4X400m-Staffeln.

Leichtathletik mit Hund

Am Sonntagmittag, die hochstehende Sonne ließ kaum Schatten zu, standen die CSC-Finalläufe an. Die Abkürzung steht für Combinations-Speed-Cup, ein rasanter Staffellauf mit Hürden und Hindernissen für je drei Hunde und Halter pro Team. Es wurde um Hundertstel Sekunden gekämpft. In beeindruckender Harmonie wanden sich die Zwei- und Vierbeiner eng um Staffelstangen, sprangen über Hindernisse und sprinteten über den vorab gewässerten Rasen. Das Team „Frühaufsteher“ ließ sich von der „Rocky“-Filmmusik zu starken 28,42 Sekunden peitschen, doch ein Fehler bei den Slalomstangen brachte eine Strafsekunde – und der Traum vom Finale war dahin.

„Karl-Heinz“ startet ohne Frauchen Naomi

„Auf diese Veranstaltung haben wir nicht eigens hintrainiert“, sagt Naomi Höner aus Bochum, „denn die Saisonhöhepunkte kommen im Herbst, etwa die Deutschen Meisterschaften.“ Die drahtige Frau lässt den Blick etwas traurig über das Gelände schweifen, auf dem sich die Teams für ihre Wettkämpfe vorbereiten. „Ich war verletzt, konnte mich nicht anmelden. Aber wenigstens mein Hund startet.“ Sie tätschelt das braune Fell von „Karl-Heinz“ – „mit Bindestrich!“ Der Belgische Schäferhund zeigt sich stoisch angesichts der Herausforderung, in wenigen Minuten mit einem menschlichen Ersatzpartner an den Start zu müssen.

Freudengebell statt Geknurre

Überhaupt zeigten sich die rund 300 Hunde-Leichtathleten ex-trem nervenstark. 150 Camper und noch mehr Pkw aus dem gesamten Bundesgebiet – mit Ausnahme Bayerns, das nicht gemeldet hatte – drängten sich auf dem Gelände des TuS Brietlingen. Doch als Besucher sieht man keine Beißerei, hört kein Geknurre, höchstens Freudengebell. „Unser Sport sorgt für artgerechte Haltung“, sagt Regina Krause, Vorsitzende des Polizeihund-Sportvereins Stelle und Mitorganisatorin der Bundessiegerprüfung. „Das Mensch-Hund-Team wird zusammengeschweißt. Zudem hat das Tier immer Vorrang.“ Will Mischling „Cupcake“ mal nicht über Hürden springen, würde Frauchen Alessa ihn nicht zwingen. Doch fast alle Hunde zeigen Ehrgeiz, hecheln im Schatten ihrem Start entgegen, trinken reichlich und steigen nach dem Lauf in kaltes Wasser. Was Fußball-Weltmeister Per Mertesacker seine Eistonne war, ist „Cupcake“ die mit kühlendem Nass gefüllte Maurerkiepe.

Kühlendes Bad in Maurerkiepe

Frank Hahn, Vorsitzender des gastgebenden TuS Brietlingen, ist angetan von der Atmosphäre und der Professionalität der Veranstalter: „Das ist alles top organsiert.“ Noch haben die Brietlinger allerdings keine Pläne für die Aufstellung einer eigenen Hundesportabteilung. Doch sie wären im Trend: „Turnierhundsport hat massiv zugenommen“, sagt Christoph Holzschneider, Präsident des DVG, also des Deutschen Verbandes der Gebrauchshundsportvereine.

Mensch-Hunde-Teams sind im Sport im Trend

„Das Bewusstsein wächst, dass Hunde gefordert werden wollen.“ Oft werde die Leidenschaft für den Turnierhundsport in der Familie vererbt, ergänzt Regina Krause. „Das ist eine schöne Art für Jugendliche, die Verantwortung für ihr Tier zu übernehmen.“ Außerdem setzen die Verbände keine Rassestandards fest. Und so flitzen vom Rehpinscher über Berner Sennenhunde bis hin zu vielen Bahndammmischungen alle möglichen Hunde über die Parcours. Angefeuert von engagierten Hundefreunden am Spielfeldrand, die ebenfalls die Grenzen der Belastbarkeit austesten. Sagt eine Dame vom Verband Nord-Rheinland: „Da krieg ich schon Kreislauf vom Schreien.“

Von Joachim Zießler