Sonntag , 27. September 2020
Prof. Walther Heintzmann war 18 Jahre lang Präsident des Landgerichts. In seinem Buch zeichnet er die Geschichte der Justiz in Lüneburg nach. Foto: t&w

Der große Schatz am Markt

Lüneburg. Das Mädchen war mit seiner Familie im Juli 1943 in Hamburg ausgebombt worden und nach Alt Garge gezogen. Dort lernte die 20-Jährige einen französischen Kriegsgefangenen kennen – und lieben. Die junge Frau wurde schwanger, sie landete vor Gericht. Sie habe sich des „verbotenen Umgangs mit Kriegsgefangenen schuldig“ gemacht, urteilte die Strafkammer des Landgerichts – ein Verstoß gegen Paragraph 4 der Wehrkraftschutzverordnung. Die Küchenhilfe musste für neun Monate ins Gefängnis. Landgerichtsdirektor Tetzner fand das Urteil milde, denn er habe berücksichtigt, dass die jungen Leute sich liebten, zudem habe der Mann sich freiwillig zur SA gemeldet. Man kann nur vermuten: unter Druck.

Es ist nur ein Fall, den Walther Heintzmann in seinem Buch „Das Landgericht im Schloss“ aufleben lässt. Heintzmann war von 1986 bis 2004 Präsident des Landgerichts. Er gilt als profunder Kenner der Baugeschichte des ehemaligen Schlosses. Nun spannt der Professor einen weiten Bogen, der von den Anfängen der Lüneburger Rechtsgeschichte über das Personal des Gerichts bis eben zum Um- und Ausbau des Komplexes reicht.

Die Justiz wurde bedroht

Spannend sind Urteile und alte Unterlagen aus den Beständen der Justiz, die so noch nicht bekannt waren. Heintzmann schildert aus der Zeit des Nationalsozialismus auch einen Fall der sogenannten Rassenschande: Ein „Arier“ lebt über Jahre mit seiner jüdischen Frau zusammen, mit der er mehrere Kinder hat. Heiraten kann er sie im Land des Antisemitismus nach 1933 nicht mehr, nun wird ihm auch die „wilde Ehe“ vorgeworfen. Im Juni 1940 verurteilt Landgerichtsrat Emmermann den Mann zu einer zweijährigen Strafe, weil er gegen das „Gesetz zum Schutze deutschen Blutes“ verstoßen habe, er habe nachweislich Geschlechtsverkehr mit seiner Frau gehabt. Seine bürgerlichen Ehrenrechte werden ihm für fünf Jahre aberkannt. Was aus der Frau wird, steht nicht im zitierten Urteil.

Zur Verantwortung gezogen wurde nach dem Ende des Nationalsozialismus keiner der Richter und Staatsanwälte. Im Gegenteil, viele blieben in der Justiz. Der Autor beschreibt auch, wie die Justiz bedroht wurde. 1935, also zwei Jahre nach der Machtergreifung, müssen sich SA-Männer wegen gefährlicher Körperverletzung und Bedrohung vorm Schöffengericht am Amtsgericht verantworten. Amtsgerichtsrat Börner hat sich längst mit dem Nationalsozialismus arrangiert, sonst säße er nicht mehr auf dem Stuhl. Denn die Nazis haben als kritisch eingestufte Juristen wie den Landgerichtspräsidenten Franz Puttfarken – er hatte Gauleiter Otto Telschow zu Zeiten der Weimarer Republik verurteilt – längst ihrer Ämter enthoben.

Nun stehen also SA-Leute vor Gericht. Das schmeckt ihnen gar nicht. Die Männer der Schlägertruppe lassen Dutzende SA-Männer vorm Gericht aufmarschieren, die Drohung: Man mache den Richter „fertig“. Das nimmt Börner sehr ernst, doch es gelingt ihm schließlich, unbeschadet nach Hause zu kommen. Hinter den Kulissen ringen Partei und Justiz, sodass sich die Lage beruhigt.

Erst 1925 übernahm die Justiz das Gebäude

Auch die Baugeschichte ist ein Thema. Das heutige Landgericht war bis 1717 das Schloss, Witwensitz der Herzogin Eleonore D‘Olbreuse. Es entstand aus Gebäuden, die der reichen Familie Witzendorff gehört hatten. Zeitweilig war hier später das Militär zu Hause. In einigen Räumen sind noch heute Jahrhunderte alte Malereien erhalten.

Erst 1925 übernahm die Justiz den Komplex – und dann weitere Gebäude: An der Bardowicker Straße musste 1935 ein Speicher weichen, der ebenfalls den Witzendorffs gehört hatte. Die Staatsanwaltschaft nahm nun in den Häusern am Markt ihren Sitz, Jahrzehnte später wechselte sie in Neubauten an der Bur-meisterstraße. Das Amtsgericht zog in den 1980er Jahren an den Ochsenmarkt, vorher saßen dort Landdrostei und ihre Nachfolgerin, die Bezirksregierung.

Für Fans der Lüneburger Geschichte

Das Landgericht verzeichnete einen gewaltigen Zuwachs an Richtern, aber eben auch an Bürgern, für die man zuständig war und ist. Heintzmann nennt Zahlen: 1902 gab es im Landgerichtsbezirk einen Vorsitzenden und sechs Richter, zudem 20 Rechtsanwälte, aktuell sind es 14 Vorsitzende, 27 Richter und 757 Rechtsanwälte. War man zunächst für rund 260.000 Einwohner zuständig, sind es heute mehr als 700.000.

Für Fans der Lüneburger Geschichte ist das Buch eine reiche Quelle an Wissen, interessant zusammengefasst. Und wie gesagt, manches überrascht. Das 340 Seite starke Werk ist für 25 Euro im Lüneburger Buchhandel erhältlich.

Walther Heintzmann: Das Landgericht im Schloss, Husum Verlag.

Von Carlo Eggeling