Donnerstag , 1. Oktober 2020
Auf Krücken zum Training: Wenn Ann-Kathrin Glinka es nicht mehr aushält, lässt sie sich zur Halle nach Häcklingen fahren, um wenigstens so Taekwondo-Luft zu schnuppern. Für Monate ist sie außer Gefecht gesetzt. Foto: t&w

Eine Achterbahn der Gefühle

Wer seinen Sport mit Leidenschaft betreibt, dürfte das kennen: Eine Erkältungspause im Trainingsplan gleicht schon einer Katastrophe. Was aber, wenn Krankheit oder Verletzung Sportler wochenlang ausbremsen, Wettkampfträume platzen lassen oder ganz zum Karriereende zwingen? Wie gehen ambitionierte Sportler aus der Region damit um, welche Gedanken quälen sie, wie motivieren sie sich. Wir stellen einige Pechvögel in einer Serie vor. Heute Teil drei.

Lüneburg. Als Ann-Kathrin Glinka die Diagnose Kreuzbandriss bekam, fasste sie einen Entschluss. Sie schob die notwenige Operation auf und fuhr dorthin, wo sie eigentlich glänzen wollte: zur Taekwondo-Weltmeisterschaft ins bayrische Inzell. Hier wollte sie beweisen, wie gut sie ist, diese Heim-WM war ihr großer Traum. „Ich war so glücklich, wieder im Nationalteam zu sein. Natürlich habe ich wie verrückt daraufhin gefiebert“, erzählt die 20-Jährige. Ihr blieb nur der Platz auf der Zuschauertribüne, für Monate ist sie außer Gefecht gesetzt.

Sie verschiebt die Operation, um beim Team zu sein

Nur dabei, aber nicht mittendrin – das zu akzeptieren, fiel Ann-Kathrin Glinka schwer. „Als die Nationalhymne lief und die Mannschaft ihren Teamschrei durch die Halle brüllte, musste ich schon schlucken“, gesteht sie. Dazu kamen die quälenden Gedanken: „Klar, habe ich mich gefragt, wie es für mich ausgegangen wäre, vielleicht hätte ich eine Medaille geholt.“ Doch ihre Entscheidung, in Inzell dabei zu sein, hat sie nicht bereut. „Ich wollte Mannschaft und Trainern zeigen, wie wichtig mir das ist.“ Die Operation im Anschluss läuft gut. „Auch, wenn der Arzt sagt, dass das Knie nie mehr das alte sein wird.“

Beim Dreh des LZ-Nominierungsvideos zur Sportlerwahl 2018 hatte das Schicksal Ann-Kathrin Glinka einen Strich durchs ambitionierte Sportlerleben gemacht. Es war der letzte Sprung für die Kamera. „Ich bin beim Aufkommen seitlich übers Knie weggebrochen.“ Es schwoll direkt an, sofort kullerten die Tränen. „Nicht vor Schmerz, sondern weil ich gleich wusste, dass da mehr ist“, erinnert sich die sympathische Sportlerin von Eintracht Lüneburg. Ausgerechnet das Knie – „mein Heiligtum, bei den vielen Sprüngen und Drehungen, die wir Taekwondo-Kämpfer machen.“ Dass sie am Ende Sportlerin des Jahres wurde, war ein „Riesen-Trost“.

Ihr bisher härtester Kampf steht ihr jetzt bevor

Gehandicapt erlebt die Scharnebeckerin zurzeit eine Achterbahn der Gefühle. Dazu gehören immer wieder Zweifel. „Kann ich wieder da anknüpfen, wo ich vor dem Unfall stand?“, fragt sie sich. Gedanken, die viel Raum haben, wenn der Tag auf einmal so viel Zeit zum Nachdenken lässt. Auch damit muss sie lernen, umzugehen. Dreimal in der Woche hat sie vor dem Unfall trainiert, zusätzlich an ihrer Fitness gearbeitet – immer mit einem klaren Ziel. Ihr bisher härtester Kampf steht ihr jetzt bevor: „Ich will so schnell wie möglich wieder auf das Niveau und ins Nationalteam zurückkommen.“

Unterstützung auf dieser „Durststrecke“, wie Ann-Kathrin Glinka ihre Situation bezeichnet, bekommt sie vor allem von Trainerin Petra Kolbm. „Sie ist mein Vorbild und diejenige, die mich an schlechten Tagen wieder runterholt und mich als Sportlerin am besten versteht“, versichert die 20-Jährige. Auch Eltern und Freundinnen sind ihre Stütze, „ich bin ja immer auf andere angewiesen, weil ich das Bein nicht belasten darf“. Arbeiten kann die Automobilkauffrau frühestens Mitte August. Sie muss in kleinen Schritten denken: „Ich bin froh, wenn ich das Besteck hier erstmal los bin“, sagt sie mit Blick auf ihre Krücken.

Mittlerweile ist sie „das Besteck“ los

Mitte Juli hat Ann-Kathrin Glinka endlich mit der Reha beginnen dürfen – und wird auch mental an sich arbeiten müssen. „So eine Verletzung macht ja auch was mit dem Kopf. Ich hoffe, dass ich mich wieder traue, hoch zu springen“, gibt sie zu Bedenken. Bis zu 2,20 Meter in die Höhe geht es unter anderem in der Disziplin Spezialbruchtest. Doch wer Ann-Kathrin Glinka kennt, weiß, dass sie den nötigen Biss hat, zurückzukommen.

Von Kathrin Bensemann