Nicht viel Platz für Bewohner: Vier Quadratmeter groß ist das Baumhaus in sechs Meter Höhe. Nachts spenden mit Solarzellen-Akkus betriebene Lampen Licht. Foto: ca

Protest mit langem Atem

Lüneburg. Freitags wird seit Monaten demonstriert, es geht um das Weltklima: Aktivisten wollen in der Innenstadt auf das Thema aufmerksam machen. Danach ist ein er ihrer symbolischen Punkte das Ziel: ein Baumhaus im Kurpark. Seit einem halben Jahr campieren immer andere Klimaschützer in rund sechs Metern Höhe, einen Steinwurf vom Ententeich entfernt. Klar, mache das auch Spaß, sagt ein Bewohner, doch es gehe um ein politisches Statement: „Klimagerechtigkeit und ein schneller Ausstieg aus der Kohle. Das Klima und die soziale Frage hängen zusammen.“

Im Februar hatte die Kohle-Kommission Ergebnisse ihrer Beratungen vorgestellt: Das Land soll zwar raus aus dem Abbau des Energieträgers, doch Kritikern dauert das alles viel zu lang. Die Gruppe EndeGelände, die auch im Hambacher Forst gegen den Tagebau kämpft, hatte zu einer Aktionswoche aufgerufen – das Baumhaus im Park ist sozusagen eine Außenstelle des Protests.

Die LZ hat sich vor Ort mit vier Aktiven unterhalten, das Quartett möchte namentlich nicht erwähnt werden, aus Sorge vor Verfahren und Regressforderungen durch die Stadt. Ihr Tenor: Viele Bürger kommen vorbei, um sich zu informieren. Die meisten seien aufgeschlossen für die Thematik. Aus Sicht der Gruppe leiden vor allem die Ärmeren unter den Folgen des Klimawandels, Stichworte seien in diesem Zusammenhang Dürren und Ernteausfälle. Das treffe nicht nur Länder in Afrika, sondern auf Sicht auch Menschen in Europa, die steigende Preise für Lebensmittel dann nicht oder nur unter Schwierigkeiten zahlen könnten.

Diskussionen mit Spaziergängern

Die Baumbesetzer leisten so etwas wie politische Basisarbeit. Sie freuen sich über Spaziergänger, mit denen sie über Grundsatz- und Detailfragen diskutieren. „Es besuchen uns viele, die unser Engagement gut finden“, sagt eine Studentin. Eher selten seien Anfeindungen, die sie dem extremen rechten politischen Lager zuordnen. Auch Vandalismus gebe es: eine Schaukel wurde zerstört, Seile durchgeschnitten. Doch das habe vermutlich weniger mit Politik als mit der Lust am Kaputtmachen zu tun.

Die Sympathie und Solidarität überwögen: „Leute bringen uns etwas zu essen. Wir können in Wohngemeinschaften in der Nähe duschen.“ Überdies fungiert die öffentliche Toilette im Park als Versorgungsstation: „Da holen wir uns Wasser.“

Selbstverständlich haben sie darauf geachtet, den Baum nicht zu beschädigen: „Es gibt keine Schrauben, die Seile setzen wir um.“ So sollen Rinde und Wasserhaushalt die Gäste überstehen.

Sie wollen bleiben. Denn dass ihre Anliegen – von Klima- bis Flüchtlingsfragen – auch die lokale Politik erreicht haben, steht für die Aktivisten fest, die im Internet auf bis zu 150 Unterstützer kommen. Bundestagsabgeordnete seien hier gewesen, vor allem Grüne und Linke setzen ihre Themen in Stadtrat und Kreistag auf die Tagesordnung.

Von Carlo Eggeling

Die Stadt will räumen

Bürger beschweren sich

Die Baumbesetzer sehen einen gewissen Langmut des Rathauses, seit Monaten sei wenig geschehen. Die Polizei komme ab und an vorbei, frage aber eher, wie es ihnen gehe; das Ordnungsamt habe einige von ihnen angeschrieben. Also duldet die Verwaltung den luftigen Protest? Pressesprecher Sebastian Koepke-Millon verneint: Bei aller Sympathie für die Ziele beispielsweise der Fridays-For-Future-Bewegung wolle die Stadt das Baumhaus wieder abbauen lassen. „Es liegen Verstöße gegen die Kurparkordnung vor. Es darf dort nicht übernachtet werden. Auch haben wir Beschwerden von Bürgern, die sich gestört fühlen, denn der Park soll der Erholung dienen.“ Auf eine akute Gefahr, aus der sie ein sofortiges Handeln ableiten könnte, kann sich die Verwaltung nicht berufen: „Dafür ist zu viel Zeit vergangen.“ So müsse der Rechtsweg eingehalten werden, das dauere. Weder der Polizei noch der Verwaltung sind allerdings Klagen über ruhestörenden Lärm bekannt: „Es geht mehr um eine ästhetische Frage, manchen gefällt es nicht.“