Donnerstag , 1. Oktober 2020
Manfred Degen mit Frau vor dem ehemaligen Rauno Café. (Foto: t&w)

Ein großer Schritt für zwei Menschen

Lüneburg. Es war der 21. Juli 1969 um 3:56 Uhr nachts und Manfred Degen der glücklichste Mensch der Welt. Nur 40 Stunden zuvor hatte er Erika kennen gelernt. Seine Traumfrau. Und dann, wenige Augenblicke nachdem Neil Armstrong mutig die ersten Schritte auf dem Mond gegangen ist, fasste auch Manfred Degen sich ein Herz und hielt um Erikas Hand an. Sie sagte ja.

„Sie war so schön, so voller Anmut – wie ein vom Himmel gefallener Stern“, schwärmt der 70-Jährige noch heute von ihr. Denn vorbei ist die Liebesgeschichte von Manfred und Erika noch lange nicht. Pünktlich zum 50. Jubiläum der Mondlandung feiert das Paar mit der ganzen Familie im Bergström ihre goldene Verlobung. Die Geschichte von damals ist im Bekanntenkreis längst legendär. „Es ist eine der schönsten Anekdoten in unserer Familie“, erzählt er. Die aber auch einen spannenden Einblick in das Leben der jungen Lüneburger Ende der 60er Jahre gibt.

„Am 19. Juli 1969, es war ein Samstag, flanierte ich gegen Mittag durch die Lüneburger Bäckerstraße. Apollo 11 schwenkte zu der Stunde gerade in die Umlaufbahn unseres Trabanten“, berichtet Degen. Bei Tchibo – damals der Treffpunkt der jungen Generation – traf er dann auf Erika. „Ich kannte sie bisher nur vom Sehen.“ Manfred Degen sah seine Chance und fing an, sie zu becircen. „Wir aßen ein Eis von Café Scholze nebenan, tranken einen Kaffee und verabredeten uns zum baden an den Barumer See – eine zu der Zeit angesagte Adresse für solch flirrende Abenteuer.“ Am Abend suchten sie dann die Diskothek „Kuhstall“ in Boltersen auf. „Dort tanzten wir eng aneinandergeschmiegt zu ,Lady Jane‘ von den Stones.“ Derweil bereiteten – etwa 380.000 Kilometer von Boltersen entfernt – Armstrong und Aldrin die Mondlandung mit der Raumfähre „Eagle“ vor.

Zu jung zum Heiraten?

Am Sonntagabend ging es für die beiden zurück in die Lüneburger Bäckerstraße in Abi Raunos Bar. „Der lud uns zum Gucken der nächstlichen Mond-Erstbetretungs-Sendung ein.“ Denn seine Mutter hatte bereits ein Fernsehgerät, das Bild: Schwarz-Weiß, flimmernd, nicht besonders scharf, dennoch sehr aufregend. Und als Armstrong seine entscheidenden Worte sagte: „Es ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Schritt für die Menschheit“, machte Degen seiner zukünftigen Frau den Antrag.

Noch im gleichen Jahr kam die Hochzeit. Mit Hindernissen: 1969 war er noch unter 21 und damit nicht volljährig. Ein Vormundschaftsrichter erteilte ihm schließlich die Erlaubnis. „Ich war damals bei der Bundesbahn und zog extra meine Dienstuniform an, um möglichst seriös zu wirken.“ Bald schon kündigte sich Nachwuchs an, einen kleinen Sohn hatte Erika bereits aus einer vorherigen Beziehung. Sie arbeitete als Kinderpflegerin, viel Geld war nicht da. „Es war schon eine anspruchsvolle Situation“, erinnert sich Degen.

Karriere als Kabarettist

1971 kam er als Saisonarbeiter nach Sylt, dort gefiel es ihm so gut, dass er kurzerhand auf die Insel zog. Seitdem wohnen die Degens in der Eisenbahnerwohnung in Westerland nahe dem Bahnhof. Und nach 25 Jahren hing er auch die Dienstuniform entgültig an den Nagel und fing nochmal neu an – als Kabarretist. Als solcher nahm er die Eigenheiten der Sylter aufs Korn, schrieb Zeitungskolumnen und veröffentlichte Bücher. Zehn Jahre lang trat er regelmäßig auf Kreuzfahrtschiffen auf. „Das war toll, meine Frau durfte mitkommen und für 50 Stunden Arbeit hatten wir fünf Wochen Kreuzfahrt.“ Bis heute schreibt er für Zeitungen in Schleswig-Holstein.

Etwa einmal im Jahr zieht es ihn aber doch in die Hansestadt an die Ilmenau. Klar, ist hier auch ein Teil seiner Familie noch fest verwurzelt – etwa sein Bruder Volker Degen-Feldmann, Geschäftsführer des Theaters. An diesem Wochenende kommen sie alle zusammen nach Lüneburg („Wo denn sonst?“) und feiern: 50 Jahre Mondlandung und 50 Jahre die Liebe von Manfred und Erika.

von Robin Williamson