Sonntag , 20. September 2020
Ahmed Elmadfaa (r.) zeigt mit dem Fotografen Mathias Mensch sein Porträt. Elmadfaa ist Palästinenser und studierter Bauingenieur. Foto: ca

Neue Gesichter der Stadt

Lüneburg. Farbod sollte im Iran Freunde und Nachbarn nennen, die nicht dem Islam anhängen. Ihnen hätte Verfolgung, im schlimmsten Fall die Hinrichtung gedroht. Das habe er nicht mit seinem Gewissen vereinbaren können, er habe sein Land verlassen und lebt seit drei Jahren in Lüneburg. Anwar stammt aus Afghanistan. Seine Familie besaß eine Bäckerei samt Ländereien. Der Ortsvorsteher habe das Grundstück haben wollen. Er sei mit Komplizen gekommen: Sie hätten Vater und Bruder erschossen, auch er selber sei getroffen worden. Anwar floh mit seiner Familie, inzwischen lebt er an der Ilmenau.

Jeder, der seine Heimat verlassen hat, kann viel dazu erzählen. Es sei anders als in den Nachrichten, da sei von Zahlen und Politik die Rede, sagt Mathias Mensch. Doch wenn man sich mit den Schicksalen der Zuwanderer beschäftigt, werde das Abstrakte persönlich, anschaulich, verständlich. So hat Mensch Neu-Lüneburger vor seine Kamera geholt, um sie zu fotografieren. Daraus sind eine Ausstellung und ein Fotoband geworden: „Gesichter & Geschichten“. Die Bilder sind nun in der Galerie von Amando Esfandiary an der Dorette-von-Stern-Straße 11 auf dem Gelände der alten Standortverwaltung zu sehen.

„Die Leute sind traumatisiert“

Der Architekt Esfandiary, selber ein Einwanderer, der seit Jahrzehnten in Lüneburg lebt, unterstützt das Projekt. Seine Frau habe vor fünf Jahren begonnen, sich in der Arbeit für Flüchtlinge zu engagieren, gemeinsam habe man festgestellt: „Da kommen Menschen, die in ihrer Heimat so normal gelebt haben wie wir hier. Eben das sollen sie erzählen.“ Doch so normal ist dann vieles nicht, hat Biograf Mensch erfahren: „Die Leute sind traumatisiert, wenn sie erzählen, dass ihre halbe Familie umgekommen ist.“

Es sind Geschichten vom Schmerz, vom Verlassen, von Hoffnungen – die sich nicht unbedingt erfüllen. Ahmad Elmadfaa kann davon berichten. Auch sein Bild hängt an einer der Wände. Der 27-Jährige ist Palästinenser. Seine Familie habe das Land 1948 mit der Gründung des Staates Israel verlassen. Ein Zuhause habe sie nicht wirklich gefunden. Elmadfaa lebte in mehreren arabischen Ländern, in keinem habe er bleiben können oder wollen. In Lüneburg ist er Ende 2014 als Asylbewerber angekommen. Als Bauingenieur habe er gedacht, in Deutschland schnell Arbeit zu finden.

Er setzt sich ehrenamtlich ein

Er schildert Absurditäten von Vorschriften, von Enttäuschung, von gefühltem ewigen Warten, endlich arbeiten zu dürfen. Inzwischen hat er eine Stelle in einem Hamburger Planungsbüro gefunden. Es ist unwahrscheinlich, dass Elmadfaa jemals abgeschoben wird, er ist staatenlos. Welches Land sollte ihn aufnehmen? Es wäre also sinnvoll, zügig dafür zu sorgen, dass er seinen Lebensunterhalt selbst bestreiten könnte – so wie er es sich wünscht. Doch nach seinem Empfinden haben ihm Behörden viele Knüppel zwischen die Beine geworfen. Wenn er Deutschland verließe, vielleicht um in Spanien Urlaub zu machen, wäre nicht sicher, dass er wieder einreisen dürfte.

Er hat Freunde gefunden, Hilfe erfahren, setzt sich ehrenamtlich ein. Buch und Ausstellung seien ein guter Weg, um das Leben der Menschen zu zeigen. Eine Hoffnung: Es könnte ein anderer Blick möglich werden auf die Neu-Lüneburger, die eine neue Heimat finden möchten.

Von Carlo Eggeling

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Das Projekt

Mathias Mensch hat über das Haus der Kulturen Mosaique und Katja Heidmeier vom Lebensraum Diakonie Kontakt zu den Menschen geknüpft, die er porträtiert hat. Es war nicht einfach, da mancher Angst hat, über eine Veröffentlichung Angehörige zu gefährden, die noch in der alten Heimat leben. Die Finanzierung von Katalog und Ausstellung ist schwierig. Architekt Esfandiary hat nach eigenen Worten 200 Firmen und Bekannte angeschrieben, wenige gaben Geld. Um die Kosten zu decken, wird der Fotoband verkauft, zudem zahlen Interessierte vier Euro Eintritt. Die Ausstellung ist werktags von 11 bis 17 Uhr geöffnet und läuft bis zum 13. September.