Samstag , 31. Oktober 2020
Nur scheinbar eine Nebensächlichkeit: Das gemeinsame Frühstück am gedeckten Tisch soll helfen, dem Tag Struktur zu geben. Das kennen viele Jugendliche von zu Hause nicht. (Foto: t&w)

Struktur lernen beim Tischdecken

Lüneburg. „Mag mir einmal jemand die Butter geben, bitte?“, fragt Justin Schuart in die Runde am reichlich gedeckten Frühstückstisch. Es duftet nach Kaffee beim gemeinsamen Start in den Tag in der Jugendwerkstatt. Routine ist wichtig für die He­ranwachsenden. Sie ist das, was zu Hause fehlt. Die jungen Frauen und Männer in der Werkstatt haben die gleichen Probleme wie fast alle ihres Alters, daneben aber auch weitaus schwierigere: Sie haben keinen Schulabschluss, auch keinen Ausbildungsplatz, oft Erfahrungen mit Gewalt, Drogen oder Alkohol. Viele sind an einem Punkt angekommen, an dem sie nicht mehr allein weiterwissen.

Pünktlich in die Schule zu gehen, morgens zusammen zu frühstücken oder Hilfe bei den Hausaufgaben zu bekommen, das ist nicht immer selbstverständlich. „Die Grundtugenden werden heute meist für nicht mehr so wichtig gehalten, dabei ist Verlässlichkeit so wichtig und wird honoriert“, erklärt Andrea Exner aus der Projektleitung in der Jugendwerkstatt. Die Jugendwerkstatt ist eine Einrichtung unter dem Dach mehrerer Träger, die jungen Menschen unter 27 eine besondere Unterstützung beim Übergang von der Schule in das Berufsleben bietet. Ihnen wird geholfen, sich beruflich zu orientieren, handwerkliche Fertigkeiten zu erlernen und schulische Lücken zu schließen.

Vom Wunsch, endlich eigenes Geld zu verdienen

Hier kann das Arbeitsleben schon einmal in den Bereichen Fahrzeugtechnik, Metall und Holz geübt werden. Dabei schöpfen die jungen Menschen meist neue Kraft und Motivation. Es wird ihnen die Möglichkeit geboten, vielfältige neue Erfahrungen zu machen und Anstöße für die berufliche und auch persönliche Entwicklung zu bekommen. Aber auch eben ganz normal scheinende Dinge, wie den Tisch gemeinsam abzuräumen, gehören hier dazu. Struktur lernen eben. Ein multiprofessionelles Team begleitet die Jugendlichen auf diesem Weg.

„Ich bin gerne hier. Mein Ziel ist es, die Schule fertig zu machen und dann unabhängig zu sein. Ich will mein eigenes Geld verdienen“, erzählt Mario Linke, Teilnehmer des Projektes. Für viele Menschen ist das Leben der Jugendlichen eine Parallelwelt, denn ihr Alltag hat wenig Berührungspunkte mit dieser Welt, in der keine Selbstbestimmung herrscht, sondern ein immer wiederkehrender Gang zum Arbeitsamt. „Dieser Bereich unserer Gesellschaft existiert. Und hinzuschauen und zu verstehen wie vielfältig unsere Gesellschaft ist, kann bereichernd wirken“, sagt Andrea Exner.

Kontakt: (04131) 6034720.

Von Malin Mennrich