Für ein Veranstaltungsformat, das sich geschlechtliche und sexuelle Vielfalt zum Schwerpunkt gesetzt hat, wurde das AStA-Referat „QuARG“ mit dem Preis für ehrenamtliches Engagement ausgezeichnet: (v.l.) Claudia Pontow, Carolin Tillner, Lynn Calm, Janina Stengel, Julia Haase, Elisabeth Frank, Daniel Dusartz de Vigneulle und Charlotte Lakemann nehmen Präsident Spoun in ihre Mitte. (Foto: t&w)

Keine Schicksalsgemeinschaft

Lüneburg. Wettschulden sind ja bekanntlich Ehrenschulden. Das weiß Leuphana-Präsident Sascha Spoun. Er sorgte jetzt kurz vor dem Abschluss des „Dies Academicus“ erst für erstaunte Blicke, dann für Jubel im Auditorium des Libeskind-Baus. Eben dieses Gebäude war der Grund dafür, dass Spoun während der Veranstaltung, bei der stets herausragende Wissenschaftler geehrt werden, über Funk zwei Kisten Bier in den Saal orderte.

Warum? Katharina Hoppe und Julius Finks, Sprecher des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA), hatten ihn in ihrer Rede gleich zu Beginn der Veranstaltung an eine mehr als zehn Jahre alte Wette erinnert: 2007, als auf dem Campus das Gerücht kursierte, Daniel Libeskind würde für die Leuphana ein Zentralgebäude entwerfen, hatte Spoun dem damaligen Sprecher-Kollektiv versichert, dass dem nicht so sei – und eingeschlagen. Jährlich beim traditionellen Abschluss des akademischen Jahres gab es eine Erinnerung an die Wette, in diesem Jahr gar eine besonders dringliche. Wie berichtet, tritt Spoun im nächsten Jahr das Präsidentenamt an der Uni Göttingen an. Daher hat er nun zum letzten Mal beim „Dies Academicus“ in Lüneburg gesprochen. Augenzwinkernd bat er Finks und Hoppe nach vorn, um die Getränke zu überreichen: „Unmögliche Dinge passieren an dieser Uni immer morgen, die möglichen heute.“

Ehrendoktor Andreas Voßkuhle

Es war eine angenehme Auflockerung, zuvor waren in zweieinhalb Stunden vor rund 650 geladenen Gästen insgesamt drei Ehrenpromotionen, ein Lehrpreis, fünf Forschungspreise und eine Auszeichnung für ehrenamtliches Engagement von Studenten vergeben worden.

Prominentester Ehrendoktor dürfte wohl Andreas Voßkuhle gewesen sein. „Es ist toll, nicht nur für die Tätigkeiten als Präsident des Bundesverfassungsgerichts gewürdigt zu werden, sondern für meine Forschung vor dieser Zeit.“ Der Zeitpunkt für eine solche Auszeichnung sei mehr als passend, sagte er, so ende seine Präsidentschaft in einem Jahr, dann wolle er zurück an die Uni Freiburg gehen, um zu forschen. „So kehre ich mit Zuversicht zurück und der Hoffnung, auch in Zukunft einen Beitrag zu den Gesprächen zwischen Wissenschaftlern leisten zu können.“ Die Leuphana hat ihre Reihen noch um zwei Ehrendoktoren erweitert: Prof. Dr. Pippa Norris und Prof. Dr. Edward Freeman (siehe Infobox).

Mut zur Zukunft

Für Oberbürgermeister Ulrich Mädge ist klar: „Das sind Wissenschaftler, die in ihren Fachgebieten Hervorragendes geleistet haben.“ Und: Die Uni setze die Forschungsschwerpunkte an der richtigen Stelle zur richtigen Zeit. Mit den Worten „Mut zur Zukunft!“ zitierte er den früheren Bundeskanzler Helmut Schmidt. „Wo sonst kann einem das vermittelt werden, wenn nicht an einer Uni? Wo sonst lernen Studenten, Ökonomie, Ökologie und Soziales zu verbinden?“ Die Stadt und die Leuphana würden seit Jahren gut zusammenarbeiten, das zeige etwa das Projekt „Zukunftsstadt Lüneburg 2030+“. Man sei keine Schicksals-, sondern eine Zukunftsgemeinschaft.

Auch wenn Spoun auf die Zukunft der Lüneburger Hochschule nicht mehr allzu lange Einfluss nehmen kann, war es ihm ein Bedürfnis, einen Wunsch loszuwerden: „Lassen Sie uns gemeinsam weiter daran arbeiten, aus der Leuphana eine Uni zu machen, die der Universität näherkommt, die wir uns erträumen.“ Gut zu sein, bedeute, ein „Ort des eifernden Wissensdrangs“ zu sein, Qualität auf der einen und Freiheit auf der anderen zu sichern. „Das ist die Herausforderung.“

Zur Person

Prof. Dr. Pippa Norris. (Foto: t&w)

Prof. Dr. Pippa Norris zählt zu den bedeutendsten Politikwissenschaftlerinnen der Gegenwart. Mit der Verleihung der Ehrendoktorwürde ehrt die Leuphana sie für ihre „zahlreichen wegweisenden Beiträge“ in den Politik- und Sozialwissenschaften. Die 65-jährige Britin lehrt an der renommierten John F. Kennedy School of Government der Harvard University und an der University of Sydney. Sie gehört außerdem der Ehrengesellschaft „American Academy of Arts and Sciences“ an: 2011 erhielt sie den Johann-Skytte-Preis, dabei handelt es sich um die höchste Ehrung, die innerhalb der Politikwissenschaft international vergeben werden kann.

Zur Person

Prof. Dr. Andreas Voßkuhle. (Foto: t&w)

Prof. Dr. Andreas Voßkuhle, seit 2010 Präsident des Bundesverfassungsgerichts, wird von der Lüneburger Uni für sein wissenschaftliches Werk im Bereich der Rechtswissenschaften und für seine „herausragenden Beiträge zur Forschung“ geehrt. Der 55-Jährige, einer der profiliertesten Rechtswissenschaftler im Bundesgebiet, hat nicht nur ein Lehrbuch zum Umweltrecht herausgegeben, das mittlerweile zum deutschlandweiten Standard geworden ist, sondern auch einen renommierten Kommentar zum Grundgesetz verfasst. Voßkuhle hat lange Zeit geforscht, im Jahr 1999 wurde er an die Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg berufen.

Zur Person

Prof. Dr. Edward Freeman. (Foto: t&w)

Prof. Dr. Edward Freeman (67) wird für seine „bahnbrechenden wissenschaftlichen Leistungen“ und sein „lebenslanges Engagement“ von der Leuphana mit dem Ehrendoktortitel gewürdigt. Der Philosoph und Professor für Betriebswirtschaftslehre lehrt an der Darden School der University of Virginia, er gilt als Begründer der Stakeholder-Theorie, die inzwischen das Grundmodell der modernen Wirtschafts- und Sozialforschung bildet. Sie bricht klassische Management-Strukturen in Unternehmen auf: So sollten nicht nur die Bedürfnisse der Anteilseigner im Vordergrund stehen, sondern auch die sozialer Verbände, Lieferanten, Mitarbeiter oder Kunden.

Weitere Ehrungen

Forschungs- und Lehrpreise

  • Leuphana Forschungspreis : Prof. Dr. Manuela Bojadžijev
  • Preis für Nachwuchswissenschaftler : Prof. Dr. Jacqueline Loos
  • Monographiepreis : Prof. Dr. Erich Hörl
  • Promotionspreis : Dr. Steven A. Brieger
  • Sonderpreis für Geschlechter- und Diversitätsforschung : Prof. Dr. Angelika Henschel
  • Lehrpreis : Prof. Dr. Berta Martín-López und Prof. Dr. Vicky Temperton

Von Anna Paarmann