Montag , 26. Oktober 2020
Jonathan von Horvath und andere Schüler der IGS zeigen ihre Arbeiten zum 20. Juli 1944, die sie auf Staffeleien präsentieren. (Foto: ca)

Comics machen Geschichte

Lüneburg. Werner von Haeften bewies noch Mut, als alles ein grausames Ende nahm: Als er und andere Offiziere im Hof des Bendler-Blocks in Berlin erschossen werden sollten, warf er sich in den Kugelhagel, um seinen Vorgesetzten Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg zu schützen. Vergeblich natürlich. Der Oberst starb ebenso wie sein Adjutant. Doch was mag von ­Haeften gedacht haben? Vielleicht überlegte er, warum das Attentat auf Adolf Hitler nicht geklappt hatte? Was hätten die Männer vom 20. Juli 1944, die den Diktator töten wollten, der für millionenfachen Tod auf Schlachtfeldern, in Konzentrationslagern und Gefängnissen verantwortlich war, anders machen sollen?

Woran denkt man, bevor man erschossen wird?

Der 16-jährige Jonathan von Horvath hat versucht, die letzten Sekunden im Leben von Haeftens in einem Comic einzufangen, so wie auch andere Mädchen und Jungen der IGS Kaltenmoor. Sie haben an einem Projekt von Stadt, Schule und Museum teilgenommen. Hintergrund ist das Attentat auf den „Führer“, das sich in diesen Tagen zum 75. Mal jährt. Im Stadtteil Kaltenmoor, in dem die Schule liegt, sind Straßen nach Widerstandskämpfern benannt, die gegen den Nationalsozialismus kämpften.

Christoph Reinders-Düselder, der in Kaltenmoor unterrichtet, seine Frau Heike Düselder, sie leitet das Museum; und Lüneburgs Kulturreferentin Katrin Schmäl hatten zu einem Workshop ins Museum eingeladen. Gemeinsam mit dem Comic-Autor Niels Schröder setzten die Mädchen und Jungen ihre Recherchen aus dem Unterricht unter dem Titel „20. Juli 1944. Biographie eines Tages“ in erzählende Bilder um.

Dieser Geschichtsunterricht kam bei den Schülern an. Er paukt nicht nur Jahreszahlen, sondern erzählt Fakten an Schicksalen. Julia Nyarko sagt: „Mir war nicht bewusst, dass die Geschichte so abgelaufen ist.“ Hanna Langenbrink ergänzt: „Ich wusste nicht viel über den Tag. Es ist nicht einfach, eine Story zu entwickeln, aber es geht, wenn man es an den Personen entlang macht.“ Meret Heyden bilanzierte: „Im Unterricht haben wir das Thema angerissen, hier sind wir tiefer eingestiegen.“

Dass persönliche Eindrücke bei jungen Leuten oft viel mehr bewirken als historische Arbeiten in dicken Wälzern, ist lange bekannt. So hat das Erzählen der ehemaligen Pastorin Ellen Rinshausen sicher einen wichtigen Beitrag geleistet. Sie erzählte über ihren Vater Hans-Alexander von Voß, auch einer der Offiziere, die trotz anfänglicher Nähe zu den Ideen Hitlers schließlich in geheime Opposition gingen.

Angst vor der Folter

Der Offizier habe vorgehabt, den Reichskanzler bei einer Parade in Paris zu erschießen. Doch dazu kam es nicht. Als nach dem gescheiterten Attentat in der Wolfsschanze in Ostpreußen in den Reihen des Militärs ermittelt wurde und Soldaten vor den Volksgerichtshof gezerrt wurden, der nichts mit dem Rechtsstaat im heutigen Sinne zu tun hatte, fürchtete von Voß, dass auch er enttarnt werden würde. Ihm sei klar gewesen, dass er von SS oder Gestapo gefoltert werden würde, um Mitverschwörer preiszugeben. Daher habe er sich das Leben genommen, um niemanden zu verraten. Die Tragik: Die Ermittler hatten von Voß zumindest zu diesem Zeitpunkt gar nicht unter Verdacht.

„Mein Vater hat aus hoher Verantwortung heraus gehandelt“, sagt Ellen Ringshausen. Darüber wolle sie erzählen. Ihr ist dabei bewusst, dass die Offiziere lange im Sinne des Regimes tätig waren. Es bleibe die Frage, wie mutig man selber in einem Unrechtsstaat handeln würde.

Die Schule hat sich nicht zum ersten Mal dieses Themas gewidmet: Bereits vor fünf Jahren haben Schüler und Lehrer eine Ausstellung erarbeitet, die sich mit den Biografien der Menschen beschäftigt, deren Namen die Straßen im Stadtteil tragen.

Ein Blick ins Geschichtsbuch

Das gescheiterte Attentat

Der 20. Juli 1944 ist als bedeutendster Umsturzversuch aus militärischen Kreisen in der Zeit des Nationalsozialismus in die Geschichte eingegangen. Im Führerhauptquartier, der sogenannten Wolfsschanze in Ostpreußen, sollte Claus Schenk Graf von Stauffenberg Adolf Hitler mit einer Sprengladung töten, die er in einer Aktentasche mitbrachte. Das Attentat misslang, Hitler kam mit leichten Verletzungen davon. Der Staatsstreich scheiterte. Die Nazis gingen hart gegen die Widerstandskämpfer in Militär, Polizei und Behörden vor. Mehr als 200 Menschen wurden hingerichtet.

Von Carlo Eggeling