Samstag , 24. Oktober 2020
Der 18 Jahre alte Jimi Puttins hat sich durch die Lüneburger Geschichte gewühlt – mit spannenden Ergebnissen. Im gerade bestandenen Abi erreichte er in Geschichte 14 von 15 Punkten. (Foto: be)

Lüneburgs französische Jahre

Lüneburg. Im Juni 1803 wird Lüneburg französisch: 290 Chasseurs, also Jäger, ziehen mit General Mortier in die Stadt ein. Sie bleiben zehn Jahre. Die Besatzer sind nicht wohlgelitten, obwohl die Truppen Napoleons eigentlich einen Wandel mitbringen, Freiheiten, die die Menschen bislang nicht kannten. Wie sind die Lüneburger durch diese Zeit gegangen? Wie konnte sich Georg Ludewig Krukenberg, der vor dem Einmarsch der Truppen sein Amt als Bürgermeister übernahm, so lange halten? Wie überstand er 1813 eine turbulente Zeit, als die Herren der Stadt in den Befreiungskriegen binnen weniger Wochen sechsmal wechselten?

Ein Bürgermeister laviert sich durch

Jimi Puttins hat die Dekade beleuchtet. Eher ungewöhnlich für einen 18-Jährigen, doch für den Gymnasiasten ist Geschichte eine spannende Angelegenheit. Der Abiturient des Johanneums hat jetzt den Landesentscheid des „Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten“ gewonnen, nun wandert seine Arbeit quasi auf die Bundesebene. Sein Geschichtslehrer Dr. Ingmar Probst glaubt, dass sein Schützling gute Chance hat, dort einen weiteren Preis zu erringen.

Das Ganze begann mit einer Facharbeit. Probst gefiel das Ergebnis so gut, dass er Jimi ermunterte weiterzuforschen. Und der wertete nicht nur bereits erschiene Publikationen aus, sondern las im Stadtarchiv in den Tagebüchern Krukenbergs und in alten Akten. Im Stadtarchiv half der 45-jährige Probst, Krukenbergs Kanzleischrift zu entziffern – ein Blick darauf lässt Laien davorstehen wie vor altägyptischen Schriftzeichen. Natürlich wertete der Schüler überdies französische Quellen aus.

Als die Franzosen in die Heide kamen, lieferten sie sich einen Krieg mit England. Es ging zum Beispiel um ein Handelsembargo, abgeschottete Seewege. Das Königreich Hannover war England durch Verwandschaft eng verbunden. Der Abiturient kommt zu dem Schluss, dass sich die Franzosen in den ersten Jahren ihrer Besatzung wenig ins städtische Leben einmischten. Krukenberg war als Verwaltungsprofi gefragt und agierte im Rathaus weiter.

Gepflogenheiten des Zunft- und Gildewesens

In Deutschland galten damals noch mittelalterliche Gepflogenheiten des Zunft- und Gildewesens, das heißt, nicht jeder konnte beispielsweise einen Handwerksbetrieb eröffnen. Die Auswirkungen der französischen Revolution brachten liberalere Bedingungen für die Wirtschaft mit sich. Eigentlich. „Neuerungen wie die Gewerbefreiheit wurden nicht angenommen“, sagt Jimi Puttins.

Die Deutschen, in Kleinstaaten zu Hause, wollten die ungeliebten Besatzer loswerden – so wie andere Völker Europas. Napoleon war mit seinen Männern bis Moskau vorgerückt. In „Freiheitskriegen“ wehrten sich die Nationen. „Die Franzosen hatten Schwierigkeiten, Rekruten für ihre Regimenter zu finden“, sagt Jimi Puttins. Die Lüneburger seien lieber zur Gegenseite, den „Alliierten“, gegangen. Krukenberg lavierte sich durch, offenbar war aber in der Stadt klar, dass er die Franzosen nicht sonderlich mochte. 1813 mussten sich die Franzosen vor den feindlichen Truppen in Sicherheit bringen, sie räumten Lüneburg.

Krukenberg habe eine Rede vor den russischen Nachfolgern gehalten. Er sprach von der Befreiung des Vaterlandes, von der willkommenen Hilfe durch den Zaren. Dummerweise landeten seine Worte auch beim „Franzmann“, die Franzosen kehrten zurück.

Freiheitskriege wirbeln Europa durch

Krukenberg schickte seine Familie nach Dänemark ins Exil – nach Altona, so weit reichte das Reich Kopenhagens. Er selbst brachte sich später ebenfalls in Sicherheit. Napoleon scheiterte, sein Einflussbereich schmolz, die Franzosenzeit endete. Krukenberg wurde wieder in sein Amt eingesetzt und blieb bis 1822 Bürgermeister.

Historiker Probst möchte die herausragende Arbeit seines Schülers Puttins mit dem Titel „Unter dem Joch des Tyrannen – Lüneburg während der Besatzungszeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts“ gern in der Schriftenreihe Lüneburger Blätter unterbringen, eben auch um ihren Wert zu dokumentieren.

Jimi Puttins ist stolz auf sein Werk, das er parallel zu den Abiturvorbereitungen verfasste. Gleichwohl will er nicht Geschichte studieren, eine Laufbahn an der Uni sei zu ungewiss. Also belegt er Jura: „Aber Geschichte bleibt mein Hobby.“

Von Carlo Eggeling